Berta Hummel

 

Als Berta Hummel vor 77 Jahren (1928) die Kunstschule in München besuchte, erklärten ihre begeisterten Lehrer, es würde keine zweite mehr wie sie geben. Trotzdem nahmen aber die Nachahmer und Nachahmerinnen Hummels von Jahr zu Jahr so zu, dass die Kunsthandlungen Schilder aufstellen mussten „Echte Hummel-Sachen zum Verkauf“, während andere Läden nur den Namen Hummel gebrauchten, um damit Bilder jeder Art von hübschen pausbackigen Kindern zu bezeichnen.


Berta Hummel wurde am 21. Mai 1909 in Massing in Niederbayern geboren. Diese Gegend war auch die Heimat des hl. Konrad von Parzham, eines Kapuzinerlaienbruders, den Berta Hummel auch auf einem Bild darstellte.

 

Berta war das drittälteste von sechs Kindern. Sie war immer ein lebhaftes, geschäftiges Kind, selbst eine kleine Hummel. Ihr Vater Adolf, ein Kaufmann, war selbst ein Kunstliebhaber, der in der Schule künstlerische Anlagen gezeigt hatte, sich aber damit begnügte, seine Liebe zur Kunst dadurch zu zeigen, dass er seiner Familie ein Heim schuf, in dem man Zeichen und Bilder schätzte.

 

Die Familie war gut katholisch; die Eltern bemühten sich, aufgeschlossene, geweckte und glaubensstarke Jungen und Mädchen zu erziehen. Berta erinnerte oft daran, wie jeder Papierabfall, jedes Stück Kreide, jede Kleinigkeit, die nicht zu etwas anderem benutzt wurde, den Kindern zum Malen gegeben wurde.

 

Wenn irgendeine Familienfeier war, erfreuten die Kinder ihre Eltern mit mühsam geschaffenen kindlichen Arbeiten. Frau Viktoria Hummel erzählte oft, dass Berta, als sie noch klein war, es nie über sich bringen konnte, schwarz-weiße Bilder nicht farbig auszumalen.

 

Alle Hummel-Kinder liebten zu malen, aber Berta liebte es am meisten. Sie war geradezu versessen darauf, alles was sie sah zu malen. Sie brauchte Papier und Farbstifte genauso wie Brot und Luft. Als sie neun Jahre alt war, träumte sie davon, wie sie später erzählte, eine große Künstlerin zu werden, und ihr Kopf war voller Ideen, die sie ausführen wollte: ihre Schwester beim Blumenpflücken, ihren Vetter vor einer Kapelle am Weg, die Dorfkinder beim Spiel.

 

Von 1916 bis 1921 besuchte Berta die Volksschule, die von den Armen Schulschwestern in ihrem Ort geleitet wurde. Auch dort schon ragte sie unter ihren Gefährtinnen hervor. Die Schwestern erinnern sich noch daran, wie sie nie untätig sein konnte, immer neue Pläne hatte und darauf aus war, eine Abwechslung in den ruhigen Gang des Schullebens zu bringen.

 

Zuerst verfertigte Berta, die etwas scheu und schüchtern war, ihre Zeichnungen im geheimen. Eines Tages wurde sie an die Tafel gerufen. Dort malte sie die Kinder ihrer Klasse, wie sie beim Spiel waren. Ihre Schulkameradinnen waren entzückt. Sie erkannten ihre eigenen Gesichtszüge und ihre Kleider. Bald verbreitete sich in der Schule und im ganzen Ort die Nachricht, dass Berta Hummel ungewöhnlich begabt sei und Familienbilder von allen zeichnen könne. So waren es zuerst die Kinder selbst, die den Namen Hummel bekannt machten. Nach Schulschluss scharten sie sich um Berta und baten sie, sie abzumalen, und brachten die Ergebnisse den entzückten Eltern heim. Bald baten alle Leute des Dorfes sie um kleine Zeichnungen, und die Schwestern ließen von ihr die Schulzimmer ausschmücken und Post- und Glückwunschkarten malen. Ihr Vater war besonders entzückt über diesen Erfolg seiner Tochter. Er war schon immer stolz gewesen auf einen Großonkel, der Priester gewesen war und dessen Grabstein im Dorffriedhof von einem „beliebten Priester und einem begabten Künstler“ kündete. So entschlossen sich die Eltern. Berta jede Möglichkeit zur Ausbildung ihres Talentes zu geben.

 

Der erste Weltkrieg brach aus, als Berta noch in der Schule war. Vater Hummel wurde eingezogen. Während der langen Jahre seiner Abwesenheit schrieben ihm die Kinder fleißig Briefe, und Berta fügte kleine Zeichnungen über das Leben in der Familie bei. Als im Jahr 1921 Vater Hummel wieder als Zivilist zu Hause war, war es seine größte Sorge, Berta nun möglichst schnell zum Kunststudium kommen zu lassen. So sandte man Berta in das nahe Institut der Englischen Fräulein, wo es berufliche Kunstklassen gab. Berta blieb dort 6 Jahre. Ihre Lehrerinnen erkannten ihr großes Talent, ließen ihr eine besondere Ausbildung zuteilwerden und gaben sich außerordentliche Mühe bei der Beurteilung ihrer Werke. Sie erhielt stets die Note 1, die nur Schülerinnen von ausgesprochenen Fähigkeiten gegeben wurde.

 

Im Jahr 1927 wurde Berta, die nun 18 Jahre alt war, von ihren Eltern nach München, dem Mittelpunkt der deutschen Kunst, gebracht und in eine berühmte Kunstschule geschickt. Auch dort zeichnete sie sich unter den anderen Studenten, die wie sie besonders begabt waren, aus.

 

Das Leben in München war für die heranwachsende Künstlerin sehr heiter und anregend. Das kleine Dorfmädchen stürzte sich mit wahrem Heißhunger auf alles, was ihm geboten wurde. Da gab es Kunst in allen Arten, alte, moderne, klassische, experimentale und bizarre. Berta studierte alle Kunstarten und wusste aus allem etwas zu lernen. Sie hatte ihre Freude an Kino, Theater, Konzerten, am gesellschaftlichen Leben und an hübschen Kleidern.

 

Der Name Hummel und ihr Werk wurde, schon als sie noch Studentin war, in ganz Deutschland bekannt. Die führenden Kreise des gesellschaftlichen Lebens der Künstler feierten sie und machten ihr den Hof. Ihre Mitstudenten und -studentinnen, die stolz über ihren Erfolg waren, freuten sich auch über ihre stets gleiche Güte und Freundlichkeit, ihren sprühenden Geist und jenen Hauch lieben Humors, der sich in ihren Werken zeigte.

 

Das Leben in München war flott und locker. Berta aber war trotz ihres Verständnisses für Spaß und ihrer Liebe zu schönen gesellschaftlichen Darbietungen immer ernst veranlagt. So beschloss sie, dem wirbelnden Leben des Vergnügens und der Gesellschaft zu entsagen und zog sich in eine ruhige Pension zurück, die von Schwestern geleitet wurde, um noch mehr zu studieren.

 

Um jene Zeit kamen zwei Franziskanerinnen in die Kunstklasse, die Berta besuchte. Der Professor, der wusste, dass Berta katholisch war, bat sie, die Schwestern herumzuführen und einzuweisen. Das war eine Aufgabe, die Frl. Hummel gerne hatte. Schon geraume Zeit dachte sie an das Ordensleben, und dieses Zusammensein mit den Schwestern gab ihr nun Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren. Als sie die Kunstschule beendete und die Zukunft sich reich und verlockend vor der jungen Künstlerin ausbreitete, gab sie ihren Entschluss bekannt, ins Kloster einzutreten. Das veranlasste einen Aufruhr unter ihren Lehrern. „Was, so ein Talent soll im Kloster verkümmern? Warten Sie damit noch etwas, Fräulein, bis Sie erst einmal Ihren Erfolg ausgekostet haben. Besonders im Anfang ist dies so befriedigend. Sie haben der Welt so viel zu geben.“

 

Aber Berta kannte ihren wahren Beruf genau. Sie verließ München und trat im Jahr 1932 in das bekannte Franziskanerinnenkloster Sießen ein. Im Jahr 1934 nahm sie den Schleier und erhielt den Klosternamen Schwester Innocentia. Von da an führte Berta Hummel das stille Leben einer deutschen Franziskanerin.

 

Aber ihr Ruhm sollte durch ihren Eintritt in das Kloster nicht leiden. Ihre Bilder, die überall unter dem Namen Hummel-Bilder bekannt waren, wurden von ihrem Kloster aus in die ganze Welt gesandt. Die einfache Schwester war die Verbindung zwischen den Besten in Deutschland und der Welt draußen in all den Jahren der Naziherrschaft. Aber in diesen langen, traurigen Jahren hörte man wenig von der Künstlerin, die in der Stille des Klosterlebens verschwand. In der Weihnachtswoche 1946 aber, als die fröhlichen kleinen Zeichnungen von Stadt zu Stadt, von Volk zu Volk und von Erdteil zu Erdteil gingen, erschien in den Zeitungen der ganzen Welt eine kleine Mitteilung über die deutsche Künstlerin:

 

„Schwester Maria Innocentia Hummel, die bekannte Künstlerin, starb nach einer Krankheit in einem Franziskanerinnenkloster im besetzten Deutschland.“