Die christliche Hoffnung

 

Wir werden in Tränen geboren, wir leben unter Dornen, wir sterben in Schmerzen. Dies ist unser Lebenslauf. Wenn uns nicht die Erwartung eines glückseligeren Loses aufrechterhielte, wie unaussprechlich groß wäre unser Unglück. Die Hoffnung allein ist noch unsere Stärke und Stütze, sie tröstet uns in allen Leiden des Lebens, sie versüßt uns alle Bitterkeit des Todes, sie eröffnet uns die Aussicht auf ewige Güter. Die christliche Hoffnung. Wundern wir uns darum nicht, dass viele Märtyrer die grausamsten Quälereien freudig ertrugen, die Hoffnung ewiger Freuden überwand die kurzen Leiden des hinfälligen Lebens.

 

1. Die Hoffnung gibt Trost in allen Leiden. Was ist unser Leben auf Erden? Eine fortlaufende Kette von Leiden und Traurigkeiten. Unser Weg ist mit Dornen und Kreuzen besät, Tränen sind unser täglich Brot, wir schwimmen in einem Strom von Bitterkeiten, unsere Großeltern und Eltern verlassen uns, unsere Freunde verraten uns, die Kinder gehen ihrer Wege, unsere Pläne missraten, die Gesundheit weicht der Krankheit, die Freude dem Leid, die Ruhe der Verwirrung. Leiden sind das Erbteil der Kinder Adams und Evas. Von der Wiege bis zum Grabe, vom Zepter bis zum Bettelstab, zu allen Zeiten, unter allen Ständen gibt es Leiden. Könnten wir heimlich die Familien in den Palästen wie in den Hütten der Armen belauschen, wie viele Klagetöne, Seufzer und Jammer würden wir hören. Wie viele bekümmerte Väter, trostlose Mütter, misshandelte und vernachlässigte Kinder, in Tränen schwimmende Ehefrauen, Kranke auf ihrem Schmerzenslager, Arme in Dürftigkeit, Gefangene in Fesseln, verzweifelnde Unglückliche würden wir antreffen. – O Gott der Güte! Lässt du keinen Lichtstrahl in diese Finsternis dringen? Ja, doch! Du gibst uns die Hoffnung als lindernden Balsam in unserem Elend. Welch ein Trost, wenn wir uns sagen können: noch umfängt uns die Nacht dieser Zeit, noch leben wir in diesem Tal der Tränen, noch weinen und klagen wir in Not und Verzweiflung, aber nur noch kurze Zeit! Lust und Trauer, Freude und Bedrängung, alles nimmt ein Ende. Warum sollen wir uns niederbeugen lassen? Einst kommt der Tag, wo das Maß der vergänglichen Übel voll ist und wo die endlosen Freuden beginnen. O Hoffnung der Ewigkeit! Du wischst die Tränen von meinen Augen und machst mein Leid erträglicher. Wer weiß, wie bald der ersehnte Tag anbricht? Noch habe ich Sünden zu büßen, noch muss ich die Krone verdienen, noch muss ich pilgern in der Fremde, aber in der Ferne winkt mir schon das liebe Vaterhaus, wo der gütigste Vater seine Arme nach mir ausbreitet. Gern will ich den Leidenskelch trinken, den mir die christliche Hoffnung versüßt.

 

2. Die christliche Hoffnung verscheucht die Schrecken des Todes. Dem Heiden und Ungläubigen ist der Tod ein Sinnbild der Vernichtung und deshalb stellt er ihn dar als eine erlöschende Fackel, als eine zertrümmerte Säule, als eine dunkle Nacht, der kein Morgen mehr folgt, aber dem gläubigen Christen erscheint der Tod als ein Gottesbote, der ihn aus dem Land der Trübsal in die glückliche Heimat hinüberführt. Die christliche Hoffnung hebt den schwarzen Schleier von dem ernsten Grab und zeigt uns eine schöne, unermessliche Zukunft. Im Licht der christlichen Hoffnung verschwinden die Schrecken des Todes, denn wir haben nichts verloren, wenn wir Gott und seine Freundschaft bewahrt haben. Was uns der Tod raubte, finden wir viel reichlicher und schöner jenseits des Grabes wieder. Der Augenblick des Todes ist der Anfang eines neuen Lebens. Wir verlassen ein mühseliges und sterbliches Leben, um ein freudenvolles und unsterbliches zu gewinnen. Mit unserer Geburt steigt die Seele in ein Gefängnis, mit unserem Tod erhält die Seele die Freiheit der Kinder Gottes. – Wohl trennt uns der Tod von allem, was uns auf Erden lieb und teuer war, aber die christliche Hoffnung erleichtert auch diesen Schmerz. Du klagst bitter über den Tod deines geliebten Vaters, deiner geliebten Mutter, aber gönne ihnen doch die Ruhe im Vaterschoß Gottes. Du stehst weinend am Grab eines guten Freundes, aber sei getrost, du wirst ihn wiedersehen. Du Mutter kannst dich nicht finden in den Verlust deines liebsten Kindleins, aber dein Kind lebt ja im höchsten Glück. Trauernde Frau, dein Herz ist tief verwundet durch den Heimgang deines guten Mannes, aber du wirst wieder mit ihm vereinigt werden, wenn du dich nur noch kurze Zeit geduldest, und dann gibt es keine Trennung mehr. Wer du auch bist, lass die Hoffnung nicht fahren, betrachte dein Ziel, schau auf die Krone. In dieser schönen Erwartung magst du die Widrigkeiten als Gnaden, die Schwierigkeiten als Gunstbezeugungen, die vergänglichen Schmerzen und Krankheiten als die Quelle unveränderlicher Güter, den Tod selbst nur als den Übergang zu einem unsterblichen Leben hinnehmen. – O Gott der Güte! Deine Verheißungen sind die Unterpfänder wunderbarer Hoffnung. Kräftige sie in uns durch den Glauben, belebe sie durch die Liebe. Gib, dass wir sie durch unsere Werke, durch unsere Gebete, durch ein heiliges Vertrauen auf deine Güte und durch gänzliche Hingabe an deine Vorsehung aufrechterhalten. Noch einige Jahre der Prüfung und des Kampfes auf Erden, und wir werden im Triumph zum Himmel emporsteigen. Amen.