Über die Hochachtung, die wir Maria schulden


„Maria, von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus (der Messias) genannt wird.“

Mt 1,16

 

Nach Gott, dem allein als dem höchsten, vollkommensten Wesen jene allerhöchste Hochachtung und Verehrung gebührt, die die Kirche mit dem besonderen Namen Anbetung bezeichnet, schulden wir unstreitig Maria die höchste Hochachtung, die nur immer einem Geschöpf zukommen kann. Damit nun diese Hochachtung gegenüber Maria sich unserem Geist und Herzen immer tiefer einpräge und sich in unserem Leben immer vollkommener bekunde, erwägen wir mit gläubigem Sinn:

 

I. worauf sich diese Hochachtung gründet und

II. wie wir diese Hochachtung ihr bezeugen können.

 

I. Die Hochachtung gegenüber Maria gründet sich auf die außerordentlichen Vorzüge, wodurch Gott sie vor allen übrigen Geschöpfen ausgezeichnet hat. Diese Vorzüge sind so zahlreich und erhaben, dass deren bloße Aufzählung schon genügt, um uns die größte Hochachtung gegenüber der Himmelskönigin zu verleihen.

 

1. Der erste Vorzug Marias ist ihre unbefleckte Empfängnis. Nach der unfehlbaren Lehre der Kirche wurde Maria mit Rücksicht auf die überreichen Verdienste ihres göttlichen Sohnes durch eine glorreiche Ausnahme in ihrer Empfängnis vor aller Makel der Erbsünde bewahrt und zugleich durch solch eine Überfülle von Gnaden geheiligt, dass sie alle Engel an Heiligkeit weit übertraf.

 

2. Der zweite Vorzug Marias ist ihre reinste Jungfräulichkeit. Sie war eine Jungfrau und zwar allezeit. Aus freier Wahl weihte sie durch ein Gelübde ihre Jungfräulichkeit Gott dem Herrn und ist so das Vorbild und die Königin jener unabsehbaren Schar reiner Jungfrauen geworden, die wie duftende Blüten den Garten der Kirche schmücken.

 

3. Der dritte Vorzug Marias ist ihre jungfräuliche Mutterwürde. Maria ist Jungfrau und Mutter zugleich. Wie ihr göttlicher Sohn Mensch wurde, ohne aufzuhören, Gott zu sein, so wurde Maria Gottes Mutter ohne Beeinträchtigung ihrer unversehrten Jungfräulichkeit. Als jungfräuliche Mutter steht sie aber einzig in der ganzen Weltgeschichte da.

 

4. Der vierte Vorzug Marias ist ihre Muttergotteswürde. Maria ist nicht nur eine jungfräuliche Mutter, sie ist die Mutter Gottes im wahren und strengen Sinn des Wortes, weil sie Jesus Christus, den in ihrem reinsten Schoss Mensch gewordenen Sohn Gottes, geboren, der in seiner göttlichen Person die göttliche und menschliche Natur geheimnisvoll vereinigt. Diese ihre über alle Vorstellung hohe Würde erhebt sie zum Höhepunkt aller denkbaren geschaffenen Größe. Der Heilige Geist hat daher ihre ganze Hoheit und Verehrungswürdigkeit treffend ausgedrückt, indem er von ihr sagt: „Maria, von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus (der Messias) genannt wird.“ (Mt 1,16

 

5. Der fünfte Vorzug Marias ist ihre tätige Teilnahme am Erlösungswerk. Maria hat den göttlichen Erlöser in ihrem reinsten Schoss empfangen, ihn geboren, gepflegt, ernährt, erzogen, ja ihn auf dem Kalvarienberg für unser aller Heil geopfert. Durch dieses ihrem Mutterherzen so schmerzliche Opfer aber hat sie zu unserer Erlösung tätig mitgewirkt und ist so in gewissem Sinn die Mithelferin unserer Erlösung geworden.

 

6. Der sechste Vorzug Marias ist die im Bereich der Schöpfung ganz einzige Stellung, die sie zufolge ihrer Muttergotteswürde einnimmt. Durch diese Würde ist sie in eine so innige Beziehung zum dreieinigen Gott getreten, dass eine noch innigere zwischen dem Schöpfer und dem puren Geschöpf nicht denkbar ist. Niemand hat, wie sie als Gottesmutter, einen so hohen Anteil am Werk unserer Erlösung. Als Gottesmutter erhielt sie so außerordentliche und zahlreiche Gnaden, wie sie keinem geschaffenen Wesen außer ihr zuteil geworden sind. Somit hat sie nicht ihres Gleichen. Alles Endliche steht tief unter ihr, über ihr steht nur der unendliche Gott.

 

7. Der siebente Vorzug Marias ist ihre Würde als gemeinsame Mutter aller Christgläubigen, denn der am Kreuz sterbende Heiland hat sie uns allen, die wir an ihn glauben, in der Person seines vielgeliebten Jüngers, zur Mutter gegeben.

 

8. Der achte Vorzug Marias ist ihre außerordentliche Heiligkeit. Durch stets treue Mitwirkung mit ihrer überschwänglichen Gnadenfülle hat sie sich zur höchsten Stufe der Heiligkeit erhoben, die nur der unendlichen Heiligkeit Gottes, des Urquells und Spenders aller Heiligkeit, nachsteht.

 

9. Der neunte Vorzug Marias ist die Unverweslichkeit ihres jungfräulichen Leibes und ihre wundervolle Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel.

 

10. Der zehnte Vorzug Marias ist ihre Erhöhung über alle Chöre der Engel, ihre Verherrlichung und Krönung im Himmel, wo sie im Strahlengewand ihrer Herrlichkeit als Königin zur Rechten ihres Sohnes thront.

 

11. Der elfte Vorzug Marias ist das wirksame und liebevolle Mittleramt, das sie durch ihre mächtige Fürbitte für uns bei Gott ausübt.

 

12. Der zwölfte Vorzug Marias ist ihre Verherrlichung auf Erden. Überall, wo Jesus, der göttliche Erlöser, angebetet wird, wird auch Maria, seine göttliche Mutter, verehrt. Wo immer der lebendige Glaube an Jesus herrscht, brennt auch Verehrungseifer und Liebe zu Maria.

 

Wenn du nun, christliche Seele, diese Ehrenvorzüge Marias mit fromm-gläubigem Sinn betrachtest, so wird dich ohne Zweifel große Freude ergreifen, du wirst bekennen, dass diejenige, die Gott selbst so hoch bevorzugt und geehrt hat, eine ihren Vorzügen entsprechende Hochachtung und Verehrung verdiene, und in deinem Herzen muss eine heilige Begierde erglühen, auch weiterhin Maria, der so hochbegnadeten Jungfrau, eine ausgezeichnete Hochachtung und Verehrung zu erweisen. Du sollst also auch hören, wie du Maria diese ausgezeichnete Hochachtung erweisen könntest.

 

II. Wir können unsere Hochachtung gegenüber Maria auf vielfache Weise bezeigen:

 

1. Dadurch, dass wir öfters mit Vorliebe ihre Ehrenvorzüge betrachten. Diese Betrachtung ist eine Huldigung des Geistes, die für Maria höchst ehrenvoll, ihr wohlgefällig ist, und die zugleich das Gefühl der Hochachtung ihr gegenüber, das durch die lebendige Kenntnis ihrer Vorzüge angeregt wird, stets erhalten, ja immer tiefer im Herzen einprägen wird.

 

2. Dadurch, dass wir die Gefühle tiefer Ehrfurcht, kindlicher Freude wegen ihrer hohen Vorzüge, zuversichtlichen Vertrauens auf ihren mächtigen Schutz in uns zu erwecken und zu beleben trachten, dass wir sie innig lieben und das sehnlichste Verlangen hegen, sie von allen erkannt, geschätzt, geehrt und geliebt zu sehen.

 

3. Dadurch, dass wir ihr auch äußerlich unsere Huldigung darbringen, durch fromme Lobpreisung ihrer Ehrenvorzüge, durch andächtige Gebete oder Lobgesänge zu ihrer Ehre, durch vertrauensvolle Anrufung ihrer Mutterhilfe, durch das demütige Bekenntnis unseres gänzlichen Unvermögens, sie je nach Würde loben und preisen zu können.

 

4. Endlich dadurch, dass wir uns ernstlich bestreben, sorgfältig alles zu meiden, was ihr missfallen könnte, und bereitwillig das zu tun und zu üben, was wir als ihr wohlgefällig erkennen. Nichts aber wird ihr Mutterherz mehr freuen, als der edle Wetteifer, ihr inneres und äußeres Tugendleben in uns nachzubilden.