Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel

 

Für die Katholiken bedeutete es keine Überraschung, als sie hörten, dass Papst Pius XII. die Absicht hat, am Montag, dem 30. Oktober 1950, ein geheimes Konsistorium abzuhalten, um anzukündigen, dass er am folgenden Mittwoch, dem Allerheiligenfest, im Petersdom das Dogma von der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel verkünden wolle. Diese Nachricht wurde schon seit 100 Jahren erwartet. Bittgesuche von überallher strömten nach Rom, den überlieferten Glauben der Katholiken, dass die Gottesmutter mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, auch formell zum Dogma, d.h. zum Glaubenssatz zu erheben.

 

Was im vierten Geheimnis des glorreichen Rosenkranzes gesagt ist, wurde seit den frühen Jahrhunderten der christlichen Zeit Anlass zu einem der größten Feste der Kirche. Unter dem Namen „Dormitio“ oder der Schlaf Unserer Lieben Frau war es der byzantinischen Kirche vom 6. Jahrhundert an bekannt und seit dieser Zeit auch in Ägypten und Syrien verbreitet. In Rom bestand dieses Fest seit der Mitte des 7. Jahrhunderts. Von dort gelangte es nach Spanien und Frankreich. Zwar besteht noch einiger Zweifel, ob es in dieser frühen Zeit schon im heutigen Sinn gefeiert wurde, aber man kann als sicher behaupten, dass es in der westlichen Kirche vom 11. oder 12. Jahrhundert an als Fest Mariä Himmelfahrt das Andenken der Wiedervereinigung der Seele der Gottesmutter mit ihrem Leib bedeutete. Bezeichnend ist auch der folgende Umstand: überall sammelte man eifrig die Reliquien der Heiligen. Seit den ältesten Zeiten aber hat keine christliche Kirche je behauptet, Reliquien des Leibes der Muttergottes zu besitzen.

 

Im Jahr 1863 begann die Königin Isabella II. von Spanien auf Veranlassung ihres Beichtvaters, des zu den Ehren der Altäre erhobenen Antonio Maria Claret, mit der Übung, den Heiligen Stuhl um eine Dogmatisierung dieses überlieferten Glaubens der Christen zu bitten, eine Sitte, die sich bald überall verbreitete. Es scheint durchaus natürlich, dass diese Bewegung in Spanien ihren Anfang nahm, dem Land, in dem einst im 17. Jahrhundert der Maler Murillo so oft die Himmelfahrt Marias darstellte. Papst Pius IX. erklärte in seiner Antwort an die spanische Königin, die leibliche Aufnahme der Gottesmutter sei in der Tat nur die Folge ihrer Unbefleckten Empfängnis, aber die Zeit für eine Dogmatisierung sei noch nicht gekommen.

 

Inzwischen wurden über 8 Millionen Bittgesuche aus der ganzen Welt dem Heiligen Stuhl übermittelt. Am 1. Mai 1946 sandte Pius XII. an alle Bischöfe der gesamten Kirche ein Rundschreiben und ersuchte sie um ihre Meinung über die Dogmatisierung. Eine überwältigende Mehrheit sprach sich dafür aus.

 

Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis war das letzte der von der Kirche verkündeten Dogmen. Heute erkennt man leicht die Weisheit des Heiligen Stuhles, das neue Dogma trotz so vieler Bittgesuche nicht im 19. Jahrhundert zu verkünden. Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert eines selbstbewussten und unerschütterten Materialismus, der von der gebildeten Welt ausging. Im 20. Jahrhundert, das in diesen Dingen bereits reifer ist, werden die Menschen nicht mehr länger von so groben Vorstellungen verwirrt, als bedeute die Himmelfahrt der Gottesmutter eine Reise durch die Stratosphäre in Millionen von Lichtjahren. Viele neue Erkenntnisse, von der Begrenzung der menschlichen Sinneswahrnehmungen, von dem Stückwerk unseres Wissens vom Weltall, von der Relativität haben die alte Idee beseitigt, dass es deshalb keinen Himmel geben könne, weil man ihn geographisch nicht festlegen kann.

 

Die leibliche Aufnahme der Muttergottes bleibt jedoch ebenso wie die Auferstehung unseres Herrn und der Satz des Glaubensbekenntnisses von der Auferstehung der Toten ein Geheimnis und ein Teil der göttlichen Offenbarung. Aber Christen, die die Auferstehung und die Himmelfahrt unseres Herrn im Glauben annehmen, können in dem neuen Glaubenssatz der leiblichen Aufnahme der Mutter des Herrn in den Himmel keine zusätzlichen Schwierigkeiten sehen. Niemand kann das apostolische Glaubensbekenntnis in voller Überzeugung beten und gleichzeitig erklären, er habe gegen die Lehre der leiblichen Aufnahme der Muttergottes in den Himmel Einwendungen vom Standpunkt der Vernunft aus. Solche Einwendungen dagegen können nur ein Zeichen dafür sein, dass man überhaupt zögert, eine übernatürliche Religion anzunehmen.

 

Die Kirchenväter erklären die Jungfräulichkeit und Mutterschaft Mariens als ein Zeichen dafür, wie sehr sie über den normalen Gesetzen der Auflösung stand und wie eng ihre Verbindung mit Christus war, woraus sich ihre Ausnahme von den Wirkungen des Todes als ganz natürliche Folge ergebe. Alle sind sich auch darin einig, dass die Tatsache der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter zum Schluss führen muss, dass sie nicht in der gleichen Weise dem Tod unterlag wie die gewöhnlichen sündigen Menschen. In der Tat führt die katholische Glaubensüberlieferung unbedingt zu dem Schluss, dass es zwischen der Unbefleckten Empfängnis und dem Ausgenommensein vom körperlichen Zerfall einen Zusammenhang geben muss.

 

Es kann keinen Zweifel geben, dass der neue Glaubenssatz in den ganzen Rahmen des christlichen Glaubens hineinpasst. Und so besteht für den Verstand des Christen keine Schwierigkeit zu glauben, dass Gott das, was er tun will, auch tun kann. Die Schwierigkeiten kommen nur aus den modernen materialistischen Gedankengängen. Wenn es heute schwer ist, unsere Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass die Muttergottes in den Himmel aufgenommen wurde, so kommt das nur daher, dass es überhaupt schwer ist, sie von der ganzen christlichen übernatürlichen Lehre einschließlich der Wunder und der Auferstehung unseres Herrn zu überzeugen. Die Hauptschwierigkeit liegt eben bereits in den Eingangsworten des christlichen Glaubensbekenntnisses, in dem Satz „Ich glaube“. Wer aber glaubt, dass Maria wirklich die Mutter Gottes war, für den ist es nicht schwer zu glauben, dass sie auch leiblich in den Himmel aufgenommen wurde.

 

Die großen Verkündungen von Glaubenslehren der Kirche haben in der Regel das Bestreiten irgendeiner Glaubenswahrheit als Hintergrund. Auf den ersten Blick möchte es nun so scheinen, als ob heute bei der neuen Dogmatisierung kein solches Bestreiten irgendeiner Glaubenswahrheit vorliege. Aber heute ist es keine bestimmte Lehre der Kirche, welche die modernen Menschen leugnen, sondern vielmehr die ganze Grundlage der christlichen Lehre, die man ablehnt. Darum gilt es, die Macht Gottes wieder zu unterstreichen und wieder darauf hinzuweisen, dass Er die Dinge lenken kann, wie Er will.