Über die Heiligsprechung

 

Nicht immer wurde die Heiligsprechung der Diener Gottes in der feierlichen Weise vorgenommen, wie sie heute zu geschehen pflegt. Im christlichen Altertum wurden die Namen derjenigen Blutzeugen, die um des Namens Christi willen im standhaften Bekenntnis ihres Glaubens den Martertod erlitten hatten, vom Papst und den Bischöfen in das Verzeichnis der im Kanon der Heiligen Messe zu nennenden Heiligen eingetragen. Daher nennt man die Heiligsprechung auch Kanonisation. Die Bischöfe schickten sich gegenseitig die Martergeschichten von denen, die in ihrem Bistum als Heilige verehrt wurden, zu. Auf diese Weise wurde die Verehrung dieser Heiligen nach und nach allgemein. Als die Christenverfolgungen aufhörten, fingen die Bischöfe an, auch das heilige Leben und die Wunder ausgezeichneter Bekenner aufzuzeichnen. Um solchen hervorragenden Dienern Gottes die Auszeichnung der kirchlichen Verehrung zu verschaffen, wandte man sich entweder an den Papst oder auch an den Diözesanbischof mit der Bitte, die Errichtung eines Altares zu ihrer Ehre oder die Feier der Heiligen Messe über ihrem Grab gestatten zu wollen. Gab der Papst diese Ermächtigung, so galt sie als Heiligsprechung und hatte Kraft für die ganze Kirche. Gab sie der Bischof, so galt sie nur als Seligsprechung, d.h. als Erlaubnis, den Heiligen innerhalb der Grenzen des betreffenden Bistums verehren zu dürfen. Diese Art, heilig und selig zu sprechen, dauerte bis in das zehnte Jahrhundert. Papst Johann XV. (985-996) führte die jetzige Form der Heiligsprechung ein. Die römischen Päpste haben zu allen Zeiten die Heiligsprechung als ein Werk betrachtet, das mehr vom Urteil Gottes, das sich durch Wunderzeichen kundgibt, als von menschlicher Ansicht abhängt. Sie haben sie deswegen stets mit größter Behutsamkeit und mit der reifsten Überlegung behandelt. So verordnete Papst Alexander III. (1159-1181), dass man niemand mehr öffentlich als einen Heiligen verehren solle, der nicht nach dem Ausspruch der römischen Kirche als solcher anerkannt sei. Weil aber mehrere Bischöfe in ihren Sprengeln die Verehrung einiger im Ruf der Heiligkeit verstorbenen Diener Gottes ihrem Volk doch erlaubten und somit eine Art Seligsprechung vornahmen, so entschied Papst Urban VIII. im Jahr 1625 diesen Punkt unabänderlich dahin, dass er alle Selig- und Heiligsprechungen dem apostolischen Stuhl vorbehalte.

 

Die Andersgläubigen machen sich gern über die Heiligsprechung lustig, aber es gibt in der ganzen Welt keinen Gerichtshof, wo man mit solcher Sorgfalt und Genauigkeit verfährt, wie in Rom bei der Untersuchung der Heiligkeit eines Dieners Gottes. Die Heiligkeit seines Lebens, sowie der Tatbestand von Wundern, die auf die Fürbitte des Dieners Gottes gewirkt sind, muss durch die zuverlässigsten Zeugen erwiesen sein, ebenso wird gründlich untersucht, ob in jener Tatsache eine übernatürliche Wirkung anzuerkennen sei. Die erfahrensten Ärzte werden zu Rat gezogen, ein öffentlicher Anwalt macht alle erdenklichen Einwürfe, und solange diese nicht vollkommen gelöst sind, fällt der Päpstliche Stuhl kein Urteil über die Wirklichkeit der Wunder.

 

Mit welcher Strenge man bei dem ganzen, oft viele Jahre dauernden Prozessen zu verfahren pflegt, mag folgende Begebenheit dartun: Kardinal Lambertini, der später unter dem Namen Benedikt XIV. die Kirche regierte, war eben mit Durchlesung eines solchen Prozesses beschäftigt, als zwei vornehme englische Protestanten ihn besuchten. Während der Unterredung wurde er plötzlich abberufen. Er bat seine Gäste, auf ihn zu warten und fügte bei: „Wenn Sie diese Akten prüfen wollen, so werden Sie die Zeit weniger lang finden.“ Der Vorschlag wurde gern angenommen, und während der ziemlich langen Abwesenheit des Kardinals wurde alles durchgesehen und geprüft. „Was halten Sie von diesen Verhandlungen?“ fragte der Kardinal bei seiner Rückkehr. „Wenn die Person, von der hier die Rede ist, nicht heiliggesprochen wird, so kann niemand heiliggesprochen werden“, antworteten die beiden Engländer. – „Finden Sie also die Beweise hinreichend?“ – „Mehr als hinreichend.“ – „Nun so wissen Sie denn“, versetzte der Kardinal, „dass wir von allen diesen Wundern kein einziges als gültig angenommen haben, weil sie nach unserem Urteil noch nicht genügend erwiesen sind.“