Verehrung der Heiligen

 

Seitdem die Lehre Luthers Eingang fand, wurden viele Kirchen in vielen Städten und Dörfern dem katholischen Gottesdienst entzogen, und die Gräber der Heiligen in diesen Kirchen werden von den Protestanten nicht besucht, um den ehemaligen Patron um seine Fürbitte anzurufen, sondern man staunt höchstens die kunstreichen Grabdenkmale an, wenn sie nicht zerstört wurden, und manche drücken ihr spöttisches Bedauern aus, dass solche Denkmale, Kirchen und Kapellen einst einem „einfältigen“ Heiligen geweiht waren. Da bis heute noch von Seiten unserer Glaubensgegner manche Einwendungen gegen die Verehrung der Heiligen erhoben werden, so lohnt sich sicher die Mühe, sie hier zu beleuchten.

 

1. Die Gegner der katholischen Kirche beschuldigen sie eines unchristlichen Götzendienstes. Mit Unrecht, denn niemals hat die Kirche gelehrt, dass man den Heiligen göttliche Ehre erweisen dürfe. Keine Kirchenversammlung, kein Katechismus, kein Religionshandbuch hat im Lauf der christlichen Jahrhunderte je eine Anbetung der Heiligen gelehrt. Den dreieinigen Gott allein beten wir an, die Heiligen verehren wir nur. Zwischen Anbetung und Verehrung ist aber ein Unterschied, wie zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Ehrt man in der Welt die Frauen und Männer, die sich durch Wissenschaft, Kunst und große Taten auszeichneten, feiert man ihre Geburtstage, preist man ihre Verdienste und setzt man ihnen Standbilder, warum soll es der Kirche verwehrt sein, die Tugend und Heiligkeit zu ehren, worin die wahre Größe des Menschen besteht? Gott verehren wir um seiner selbst willen, die Heiligen um Gottes willen, weil sie durch seine Gnade groß geworden sind. Verkündet die sichtbare Welt Gottes Macht, Weisheit und Güte, so offenbart sich in den Heiligen Gottes Gnade und Heiligkeit. „Gott ist wunderbar in seinen Heiligen.“ Indem wir die Heiligen ehren, verherrlichen wir umso mehr denjenigen, durch den sie heilig geworden sind. – Liegt in der Anrufung der Heiligen vielleicht ein Misstrauen gegen Gott? Nein, von Gott erwarten wir alles. Aber warum sollten wir die Fürsprache seines treuen Dieners verschmähen? Wendet sich doch ein Bürger gern an einen verdienten Staatsmann, um durch seine einflussreiche Fürsprache eine Hilfe zu erhalten. Sollte nicht das Gebet eines erprobten Heiligen bei Gott mehr vermögen, als das Bitten eines Sünders? Der heilige Jakobus (5,16) antwortet: „Das Gebet des Gerechten vermag viel bei Gott.“

 

2. Man wirft der katholischen Kirche vor, durch die Verehrung der Heiligen werde Jesus Christus gering geschätzt, und man will nur ihn als Mittler gelten lassen. Welch ein ungerechter Vorwurf! Wo wird die Gottheit Christi treuer geglaubt? Wo wird seine Mittlerschaft lauter verkündigt, als in der katholischen Kirche? Niemals hat die katholische Kirche gelehrt, ein Heiliger, etwa Petrus oder die Mutter Gottes könne für unsere Sünden genugtun. Nur Christus verdanken wir unsere Erlösung und einstige Verherrlichung. Wie könnten wir jemals die Begnadigten an die Stelle des Gnadenspenders, die Erlösten an die Stelle des Erlösers setzen? Fleht Mose für sein Volk um Abwendung der Strafe, mahnt Paulus die Gläubigen, dass sie ihm mit ihren Gebeten bei Gott helfen möchten, warum sollten die Verklärten weniger vermögen?

 

3. Unsere Gegner behaupten noch, die Menschen auf Erden ständen in keinem mit den Heiligen und diese könnten nicht wissen, was auf Erden vorgeht. Ihnen antwortet der göttliche Heiland: „Ihr irrt und versteht weder die Schrift noch die Kraft Gottes. Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen.“ (Mt 22,29,32) Wir alle sind Glieder eines Leibes, dessen Haupt Christus ist. So gewiss die Heiligen mit ihrem Haupt jenseits verbunden sind und bleiben, so gewiss stehen sie auch mit uns auf Erden in Verbindung. Sollte das Band der Liebe zwischen uns zerrissen sein? Sie haben auf Erden für ihre Brüder und Schwestern gebetet, gekämpft, gearbeitet, sollten sie ihrer jetzt vergessen? Nein, ihre Liebe ist noch größer geworden, seitdem sie zum Urquell der Liebe gelangt sind. – Aber wissen die Heiligen um uns? Hören sie unsere Gebete? Gott hat seinen auserwählten Dienern schon auf Erden oft eine wunderbare Kenntnis gegeben. Er ließ die Propheten in die Zukunft schauen; er offenbarte dem Petrus die Herzen von Ananias und Saphira; er entrückte Paulus in den Himmel; er öffnete das Geistesauge des heiligen Johannes, dass er das himmlische Jerusalem und die Zukunft der Kirche sah. Soll Gott nicht bei den Verklärten ein Gleiches und unendlich mehr tun können? Die Bekehrung des Sünders ist eine innere Tat, und doch versichert Jesus selbst, dass „unter den Engeln des Himmels Freude ist über einen einzigen Sünder, der Buße tut.“ Wie Gott den Heiligen unsere Gebete und Anliegen mitteilt, wird uns dereinst klar werden. – Die Verehrung der Heiligen ist somit vollkommen gerechtfertigt. Danken wir Gott, dass er uns in den Heiligen erprobte Vorkämpfer gegeben hat. Ahmen wir ihrem Tugendleben nach. Arbeiten, kämpfen, leiden wir, wie sie. Rufen wir sie recht oft um ihre Fürbitte an, damit auch wir unsere Laufbahn glücklich vollenden und einstens in ihrer Gesellschaft die ewigen Wonnen genießen mögen.