Die Hölle

 

1. Ein spät entdecktes Problem.

 

Rudolf Binding, der bekannte Dichter, erhielt von seinem Vater, einem bedeutenden Juristen, eine nicht gerade religiöse Erziehung. Welchen Standpunkt der Gelehrte einnahm, offenbaren die Worte, mit denen er seine Enzyklopädie des Rechts einleitete: „Alles Recht ist von Menschen für Menschen gemacht.“ Eines Tages aber vor seinem Tod (+7.4.1920) sagte der alte Professor zu seinem Sohn: „Nun habe ich, wie ich wohl sagen darf, so ziemlich alles, was an Problemen und Arbeiten ich mir zur Aufgabe meines Lebens gemacht habe, bewältigt; ich bin zeitlebens den Untaten und den Strafen nachgegangen, mit denen die Menschen auf Erden die Verbrechen belegen. Heute nun bin ich auf ein Problem gestoßen, an das ich in meinem Leben noch nie gedacht habe: das Problem der ewigen Strafe.“

 

2. Ein Blick in die Hölle.

 

Im großen Frauensaal eines Krankenhauses lag ein schwerkrankes Mädchen im Sterben. Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus und rief: „Schwester beten Sie!“ Im gleichen Augenblick wurde sie im Gesicht und an den Händen ganz schwarz und blau und begann entsetzlich zu weinen. Eine Besprengung mit Weihwasser brachte vorübergehend Beruhigung, dann aber erneuerte sich der Anfall schlimmer als zuvor. Die Kranke schrie mit markerschütternder Stimme: „Schwester, ich bin in der Hölle!“ Kein Zureden der Schwester half. In ihre guten Worte gellten fortwährend die kreischenden Rufe des Mädchens: „Ich bin verdammt! Ich bin verloren!“ Eine Viertelstunde lang tobte der schauerliche Kampf, dann sank die Kranke mit dem Ruf: „Wehe mir, ich habe es auch verdient: ich habe ein so schlechtes Leben geführt und gehöre in die Hölle!“ erschöpft in die Kissen. Alles im Saal war totenstill. Nach und nach erholte sich die Sterbende und wandte sich mit lauter Stimme an die übrigen Kranken: „Jetzt hört, was ich euch erzähle. Ich muss es euch sagen, wie es mir erging. Es wurde auf einmal so finster um mich herum; nie in meinem Leben habe ich so etwas Schwarzes gesehen. Und je tiefer ich sank, um so heißer wurde es – zum Schluss entsetzlich heiß. Schwester, schauen Sie mich doch an, ich muss ja ganz verbrannt sein! Das Feuer aber bei all dieser Hitze war fürchterlich schwarz. Ich aber sank immer tiefer in die grauenvolle Hitze . . . Da sah ich plötzlich ein riesengroßes Kreuz, das mich vor Angst erzittern machte. Ich wollte mich daran halten, aber es war, als rutschen meine Hände kraftlos davon ab. Auf einmal sah ich die Schwester neben mir und wie ein Blitz war ich wieder in der Höhe.“ (Es war der Augenblick, wo die Schwester sie mit Weihwasser besprengt hatte.) Nachdem die Sterbende in ihrer Erregung eine Weile um Atem gerungen hatte, richtete sie sich auf und wandte sich mit durchdringender Stimme und großem Nachdruck von neuem an die Kranken: „Ich sage euch, es gibt eine Hölle! Hört, auch ich habe einmal geleugnet, dass es eine Hölle gibt. Aber merkt euch: Eine Sterbende, die die Hölle selbst geschaut hat, sagt es euch jetzt: es gibt eine Hölle! Für euch ist es noch nicht zu spät, ihr könnt euch noch retten! Aber ich habe die Hölle verdient, ich habe alle Schlechtigkeiten begangen. Weh mir, ich bin verloren!“ Die Schwester beruhigte sie mit dem Hinweis auf die Sterbesakramente, die sie doch empfangen habe. Die Kranke erwiderte tonlos: „Ich, die Sterbesakramente? Da weiß ich nichts davon.“ Sie hatte sie sehr gleichgültig und gedankenlos empfangen. Man wollte nun den Spitalseelsorger holen – er war nicht da. So betete die Krankenschwester der Sterbenden Reuegebete vor, die sie mit großer Inbrunst nachbetete. Als ihr die Schwester dann das Sterbekreuz zum Kuss reichte, umfasste sie es begierig und rief: „O, das ist das wahre, das rechte Kreuz! Nicht das entsetzlich düstere Kreuz, das ich in der Hölle gesehen habe!“ Sie ließ es nicht mehr aus den Händen und küsste es noch oft mit tiefer Inbrunst. Dann sagte sie noch zur Schwester: „Schwester, Sie kommen soviel zu den Kranken; o, sagen Sie es doch allen: Es gibt eine Hölle! Und wenn ich noch fünfhundert Jahre lebte, ich könnte es nie mehr vergessen, wie es da aussieht.“ Um sechs Uhr abends hatte der erste Anfall begonnen, nach Mitternacht rang die Kranke noch einmal schwer mit den Mächten der Finsternis, am frühen Morgen des nächsten Tages war sie tot – nach der festen Hoffnung der Schwestern gestorben in Gottes Erbarmung. (Der Bericht beruht auf brieflicher Mitteilung einer Augenzeugin an einen Priester. Dieser ließ das Ganze von seiner leiblichen Schwester, die eben damals – 1917 – im gleichen Krankenhaus wirkte, nachprüfen. Von ihr wurde die Darstellung in allen Einzelheiten vollauf bestätigt. Die Kranken im Saal seien von dem Erlebten so erschüttert gewesen, dass alles schluchzte, selbst noch als der Chefarzt zur Visite kam. Noch Jahre danach sagte eine damalige Patientin: „Wenn ich hundert Jahre alt werde – das vergesse ich nicht!“)

 

3. Wie weit es bis zur Hölle ist.

 

Ein junger reicher Herr besuchte einmal ein Kohlenbergwerk. Ein Bergmann wurde ihm als Führer beigegeben. Je tiefer sie in den Schacht hinabfuhren, desto größer wurde die Wärme, und endlich brach der Schweiß aus allen Poren aus. „O!“, rief der junge Herr mit einem Fluch aus, „hier ist`s aber heiß! Ich möchte nur wissen, wie weit es von hier noch bis zur Hölle ist.“ „Genau weiß ich die Entfernung nicht“, entgegnete der Bergmann trocken, „aber wenn das Seil von unserem Förderkorb reißt, sind Sie unter Umständen in dreißig Sekunden dort.“ Das Wort saß. Es wurde dem jungen Mann der Anlass zu ernster Besinnung und damit zu einer aufrichtigen Umkehr.

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 449)