Papst Gregor der Große

 

Der Fels Petri

 

Von H. van Boven

Gekürzt aus „Egmondiana“

St. Adelberts-Priorij,

Edmond-Binnen, Niederlande

 

Etwa in der Mitte eines stürmischen Jahrhunderts, kurz vor 540, wurde der Mann geboren, der nach den Plänen der Vorsehung dazu bestimmt war, auf dem Schutthaufen der alten römischen Kultur die Grundlagen für die neue christliche Gesellschaft zu legen. Hohe christliche Tugend hielt mit dem letzten Schimmer der Glorie Roms an seiner Wiege Wacht. Mehr als drei Geschlechter schon hatte seine Familie den Päpsten treu gedient. Sein Vater, der Senator Gordianus, war mit der Verwaltung eines der sieben Stadtteile Roms betraut. Er besaß große Domänen in mehreren Provinzen Italiens. Seine Mutter, die fromme, sanftmütige Sylvia, zog sich in den letzten Jahren ihres Lebens in ein kleines Oratorium nahe bei der Sankt Paulus-Basilika zurück, um ihre Tage in Übungen der Frömmigkeit und Nächstenliebe zu beschließen. Zwei Tanten erreichten gleichfalls einen hohen Grad von Heiligkeit, und Gregor selbst hat uns in seinen „Dialogen“ deren heiliges Leben und Sterben beschrieben.

 

Sein mehr praktischer Verstand fühlte sich stärker von der Rechtswissenschaft angezogen. Aber der Einfluss des elterlichen Hauses, der seine Jugend vor der Verdorbenheit der Welt bewahrte, trug vor allem dazu bei, seine religiösen Gefühle zu entwickeln. Bereits als Junge las er regelmäßig die Heilige Schrift. Er trat in den Dienst der Stadt Rom, und hier zeigte sich sein außerordentliches Talent auf verwaltungstechnischem Gebiet. Wir sehen ihn zum Präfekten aufsteigen, dem höchsten Rang, den das Rom seiner Tage kannte. Damit war die gesamte Verwaltung Roms in seine Hände gelegt.

 

Doch konnte ihn dieses Leben nicht befriedigen. Er zögerte noch, nicht weil sein Herz am Vergänglichen hing, sondern weil er sah, wie groß die Not seiner Mitbürger war, und er sie nicht in diesen schweren Zeiten im Stich lassen wollte. Endlich überwältigte ihn die Gnade, und er konnte sich langsam von allem losmachen, um in den sicheren Hafen des Klosters zu flüchten. Er begann, nach dem Vorbild der Wüstenväter sein Eigentum zu verkaufen – Gordianus, sein Vater, war inzwischen gestorben -, um mit dem Erlös die Armen zu unterstützen und sieben Klöster zu bauen, sechs auf seinen Ländereien in Sizilien und eins in Rom in seinem eigenen Palast auf dem jetzigen Monte Celio.

 

Er selbst trat in das Kloster zu Rom ein – es wird etwa im Jahr 575 gewesen sein – um dort, nach dem feurigsten Wunsch seines Herzens Gott in Einsamkeit und Beschaulichkeit, in Armut und Stillschweigen, in Gehorsam und Demut zu dienen.

 

Es ist nicht schwer, sich ein Bild von dem Mönch Gregor zu machen. In seinen Briefen und Schriften lässt er uns in seiner Seele lesen, und wir dürfen einen bewundernden Blick in sein stets auf Gott gerichtetes Streben tun. „Im Kloster“, bezeugt er später, „konnte ich meiner Zunge alle unnötigen Worte ersparen und meinen Willen fortwährend auf das Gebet richten“. Das Kloster nennt er „die tiefe Freude, den Gipfel meiner Ruhe“.

 

Doch darf man nicht denken, dass das Klosterleben für ihn nur die süße Ruhe einer in Gott versunkenen Seele darstellte, die nicht mehr der Prüfung und Schwachheit des alten Menschen unterworfen war. Es ist uns bekannt, dass er fortwährend gegen seine schwache Gesundheit und eine ihn behindernde Magenkrankheit zu kämpfen hatte. Manchmal war der Schmerz so heftig, dass er sich dem Tod nahe wähnte. Und doch übte er schweres Fasten, gönnte sich keine Erleichterung, bewahrte seinen guten Humor und seine aufopfernde Nächstenliebe.

 

Jedoch durfte er dieses Leben nicht lange genießen. Jemand, der so deutliche Beweise seiner besonderen Führungstalente gegeben hatte, konnte der kirchlichen Obrigkeit nicht verborgen bleiben. Papst Pelagius II. nahm ihn, wahrscheinlich schon 579, in seinen Dienst. Er ließ ihn zum Diakon weihen und sandte ihn als Vertreter des Heiligen Stuhles nach Konstantinopel. Dort hatte er die Aufgabe, den Kaiser für die Sache des Westens, der mehr und mehr durch die Barbaren bedroht wurde, zu interessieren. Man hatte jedoch in Konstantinopel wenig Lust, wegen Italien in einen Krieg verwickelt zu werden.

 

In Konstantinopel schloss Gregor eine Freundschaft für das Leben mit dem heiligen Leander, dem Bischof von Sevilla, der mit einem ähnlichen Auftrag nach dem Osten gesandt worden war. Die Freundschaft mit Leander bedeutete nach seinen eigenen Worten eine herrliche Ruhe inmitten der vielen Sorgen.

 

Seine diplomatische Sendung am kaiserlichen Hof hatte von vornherein keine Aussicht auf Erfolg. Der Papst drang in ihn, das Unmögliche zu versuchen und Truppen für Italien zu erwirken; der Kaiser aber sah ihn als lästigen Mann an, der unerwünschte Ansinnen stellte. So wird seine Lage langsam unmöglich. 586 wird er dann auch nach Rom zurückgerufen.

 

Im Januar 590 stirbt Papst Pelagius II. an der Pest, die in diesem Jahr Rom außergewöhnlich stark heimsuchte. Selten ließ ein Papst die Kirche in trüberen Umständen zurück. Italien war das Opfer von Hungersnot, Pest und Überschwemmungen; die Langobarden verwüsteten das Land mit Feuer und Schwert, die Kirchenprovinz Mailand verharrte im Schisma, im Osten wuchs die Gefahr des Cäsaro-Papismus der byzantinischen Kaiser, der auch den Papst in seine Netze verstricken wollte. Rom hatte einen tatkräftigen, weisen und vorsichtigen Papst nötig, ja alle diese Eigenschaften genügten noch nicht, der Gewählte musste überdies auch ein Heiliger sein.

 

Einmütig fällt die Wahl auf Gregor, den Mann, der als Präfekt der Stadt und als Gesandter des Papstes in Konstantinopel so viel Arbeit geleistet hatte. Und er? Seine empfindliche Gesundheit, sein Hang zum zurückgezogenen Leben lassen ihn die Wahl als die Zerstörung seines ganzen Lebensplanes ansehen. Die Verantwortung, die man ihm auf die Schultern legt, geht über seine Kräfte; seine Wahl kann nur ein Unglück für die Kirche sein, denkt er selbst.

 

Aber die Römer hatten Recht: Gregor war der Mann der Stunde. Kein anderer hätte zu diesem Zeitpunkt mit so viel Sorgfalt das Schiff des heiligen Petrus durch die wütenden Wogen steuern können.

 

Gregor ist jedoch nicht der Mann, um zu seufzen und zu wehklagen. Sein ganzes Leben lang bewahrt er zwar das wehmütige Verlangen nach klösterlicher Einsamkeit, aber seine Arbeitslust und Kraft werden dadurch nicht gelähmt. Vom ersten Tag seines Pontifikates an ist er der tatkräftige Lenker, der weiß, was er will.

 

Er beginnt sein Amt mit dem Aufruf zu einer großen Bußprozession, um Gottes Zorn abzuwenden. An drei aufeinanderfolgenden Tagen zieht die Prozession durch die ganze Stadt, während die Pest auf das heftigste wütet und man unterwegs die Pestopfer niederfallen und ihren letzten Atem aushauchen sieht. Gregor selbst zieht mit und macht dem armen Volk wieder Mut.

 

Aber neben den übernatürlichen Mitteln vernachlässigte er die natürlichen nicht. Die Auflösung der öffentlichen Gewalt, die Einfälle der Langobarden, die Überschwemmungen des Tibers brachten neben der Pest auch Hungersnot mit sich. Rom litt mehr als jede andere Stadt unter diesem traurigen Zustand, der den Zeitgenossen das Ende der Welt anzukündigen schien. Es war eine Fügung der Vorsehung, dass die römische Kirche in jener Zeit überall reiche Ländereien besaß. Die Unsicherheit, verursacht durch die wiederholten Kriege, hatte viele Christen die Eitelkeit der Welt und des Besitzes einsehen gelehrt und sie bewogen, ihre Güter der Kirche zu schenken. Wie ein zweiter Joseph von Ägypten öffnete Gregor die Vorratskammern, um das hungrige Volk zu sättigen. Der geborene Verwaltungsmann, der echte Römer, der auf Ordnung hielt, bewährte sich auch hier. Nichts entging seinem wachsamen Auge, und seine Sorge erstreckte sich auch auf Kleinigkeiten. Wir finden in seinen Briefen treffende Beweise für diese ins Einzelne gehende Sorge. Für ganz Italien wurde er zur personifizierten Vorsehung. Gott schien ihn dazu gesandt zu haben, das namenlose Elend zu erleichtern, unter dem das Land seufzte.

 

Der Umfang seines Pontifikates bekommt aber erst seine volle Bedeutung, wenn man es im Rahmen der tragischen Lage betrachtet, in der sich Rom auch auf politischem Gebiet befand. 593 erschienen die Langobarden vor den Mauern der Stadt. Das Volk zitterte und hatte Furcht vor dem, was nun kommen sollte. Aber Gregor organisierte von der Terrasse des Laterans aus die Verteidigung der Stadt. Ja, der Papst tat noch mehr: Um sein Volk zu schonen, knüpfte er Unterhandlungen mit dem Langobardenfürsten an, und dieser, „ganz unter dem Eindruck der Gebete, der Weisheit, des religiösen Ernstes eines solch großen Mannes, sah davon ab, die Stadt zu belagern.“ So hat es uns die Chronik von 649 aufbewahrt. Papst und König begegneten einander auf den Stufen der Basilika von St. Peter: Das war eine Anerkennung des Ansehens des apostolischen Stuhles durch die „Barbaren“, aber auch eine Huldigung an die Person Gregors, der der wahre „defensor civitatis“, der Verteidiger der Stadt war.

 

Sein Blick blieb jedoch nicht auf Rom und Italien beschränkt, so sehr er sich auch als Römer fühlte. Er sah die jungen, kräftigen Völker aus dem Norden die Rolle Roms übernehmen und erkannte, dass es die Sendung der Kirche war, auch diesen das Evangelium zu verkünden. Ohne es vielleicht selbst zu wissen, hat er den Blick des Papsttums nach Norden zu den germanischen Völkern gelenkt, ganz besonders zu den Angelsachsen, zu denen er St. Augustinus mit Mönchen aus seinem Kloster vom Monte Celio sandte. Dabei wusste er jedoch das Band mit dem Osten durch seine wendige und doch feste Haltung zu bewahren.

 

Unsere Bewunderung für Gregor steigt noch, wenn wir bedenken, dass er trotz seiner eigenen Leiden und vielen Krankheiten, trotz seiner sich überstürzenden Tätigkeit auf politischem, caritativem und rein kirchlichem Gebiet die Zeit fand, in Predigten seinem Volk auch das geistige Brot zu reichen und in zahlreichen Schriften der ganzen Kirche von Nutzen zu sein. Gregor wusste den römischen Messritus zu einer solchen Formvollendung zu bringen, dass er noch heute, nach 1300 Jahren, im ganzen Westen gebräuchlich ist (nach der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils: gebräuchlich war). Unsterblich war auch sein Verdienst auf dem Gebiet der Kirchenmusik, die von ihm ihren Namen „Gregorianischer Gesang“ hat. Nicht dadurch, dass er selbst persönlich Komponist gewesen ist, sondern als Begründer der kirchlichen Musikschule in Rom bleibt sein Name für alle Zeiten mit der Kirchenmusik verbunden.

 

Sein ruhmvolles Arbeiten zum Heil der Kirche konnte ihn jedoch seine kurzen Klosterjahre nicht vergessen lassen. Um so viel wie möglich die Atmosphäre mönchischen Lebens zu bewahren, führte er eine Veränderung in der Hofhaltung ein. Er umgab sich mit „Klerikern von besonderer Umsicht und Mönchen von hervorragender Heiligkeit“. Es schien, als ob der päpstliche Palast in ein Kloster umgewandelt sei.

 

Und wenn es Gregor auch dann noch manchmal wegen der vielen Besucher in seiner Umgebung zu unruhig wurde, flüchtete er nach seinem geliebten Andreaskloster. Obschon er in seiner tiefen Demut meinte, wie sich aus seinen wiederholten Klagen ergibt, dass seine Erhebung zum Papst ihm für immer den Weg zum beschaulichen Leben abschneiden würde, zeigt uns sein Leben das Gegenteil.

 

Unbewusst hat er uns in seiner „Regula pastoralis“, der Lebensregel für alle Seelenführer, sein eigenes Portrait gezeichnet. Vom Hirten, Bischof oder Priester verlangt er zwei Eigenschaften als Garanten für ein erfolgreiches Apostolat: Betrachtung und Mitleid im Sinne mitfühlender Teilnahme für alles, was seine Herde angeht. Der wahre Seelenhirte muss zu allen freundlich und herzlich sein, zugleich aber durch die Betrachtung der ewigen unsichtbaren Dinge über allem Irdischen und Geschaffenen stehen. Damit ist der Geist der Heiligkeit Gregors gekennzeichnet. Sein ganzes Leben bezeugt, dass sein Apostolat nichts anderes war als die Ausstrahlung einer Seele, die ganz vom Göttlichen erfüllt war.

 

Mit den Jahren nehmen seine Krankheiten noch zu, oft muss er tagelang das Bett hüten; aber all dies hindert ihn nicht, seinem Nehmen Gregorius, d.i. der Wachsame, alle Ehre anzutun. Durch eine große Korrespondenz bleibt er mit der ganzen Welt in Verbindung. Von Papst Benedikt XIV. abgesehen, hat wohl kein Papst so viel geschrieben wie er; wir sehen es aus seinen Briefen an Freunde in Konstantinopel, Sevilla, Alexandrien und Canterbury, in denen er voll herzlicher Besorgtheit mit ihnen in Liebe und Leid mitlebt.

 

Der Tod konnte einen Mann wie Gregor nicht überraschen. Seit langem hatte er sich bei seinen vielen körperlichen Gebrechen an den Gedanken des Sterbens gewöhnt. Kein Augenzeuge hat uns den Eingang des heiligen Papstes ins wahre Leben, die höchste Erfüllung seines Lebensideals, erzählt. Am 12. März 604 starb er und wurde im Portal der St. Peters-Basilika, neben dem Eingang der Sakristei, dicht bei seinen beiden großen Vorgängern, dem heiligen Leo I. und dem heiligen Gelasius, beigesetzt. Zwei Jahrhunderte später wurden seine Gebeine durch Gregor IV. in die Basilika selbst überführt.

 

Demütig und verborgen noch in seinem Sterben, wie er es für sein Leben gewünscht hatte, lebt sein Name unsterblich in der Geschichte der Kirche, die er in einem der schwierigsten Augenblicke leitete, weiter. Viele große Päpste hat Petri Stuhl schon gekannt, aber wenige so treue Jünger des Menschensohnes, der in diese Welt kam, um zu dienen, wie Gregor, „den Knecht Gottes“.