Das Grab des Herrn - des Christen Hoffnungsstern

 

Wenn die welken Blätter von den Bäumen fallen und die verödete Natur von der Vergänglichkeit alles Irdischen erzählt, dann überlässt sich das fromme Christenherz gerne der Pietätvollen Erinnerung an seine Lieben, die bereits den Erdenschweiß von ihrer Stirn gewischt und in den stillen Gräbern einer seligen Auferstehung entgegenschauen. Im herzlichen Gebet bittet der Gläubige in dieser Zeit, mehr als sonst für die Entschlafenen um Gnade und Erbarmen: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!“ und voll christlicher Liebe ruft er ihnen den altehrwürdigen Friedenswunsch nach: „Sie mögen ruhen in Frieden.“ Und wenn auch bei dieser Erinnerung manche Herzenswunde von neuem schmerzlich bluten will, die christliche Hoffnung weiß den herben Schmerz der Trennung zu mildern und zu verklären.

 

Wir denken an die Grablegung Christi. Nicht unpassend werden wir da an das Grab hingeführt, an dem der Christ in jeglicher Bedrängnis Trost und Stärkung findet, besonders aber in seiner Trauer und seinem Schmerz über den Verlust manch treuer Angehörigen. Wenn es beim Tod mit dem Menschen aus und vorbei wäre, wenn wir keine Hoffnung hätten, unsere Lieben einmal wieder zu sehen, dann freilich wären wir berechtigt, uns der Trostlosigkeit und Verzweiflung hinzugeben. Ja mancher Sterbefall müsste uns wahnsinnig machen oder in den gewaltsamen Tod treiben. Aber – Gott sei gedankt für die Wohltat unseres heiligen Glaubens, freudig darf ein jeder von uns mit dem frommen Hiob ausrufen: „Ich glaube, dass mein Erlöser lebt“: am jüngsten Tag werde ich auferstehen aus der Erde und mit mir alle meine Teuren. Das Grab wird uns nicht behalten. So gewiss Christus siegreich von den Toten auferstanden ist, so gewiss werden auch wir durch Gottes Kraft aus den Gräbern hervorgehen, und so gewiss werden jene unserer Zeitgenossen zuschanden werden, die ihren Mitmenschen und besonders den armen Arbeitern zurufen:

 

„Macht euch das Leben hier auf Erden schön, es gibt kein Jenseits, es gibt kein Wiedersehn.“

 

Ja, es gibt ein Jenseits, es gibt ein Wiedersehn! Der gesagt hat: „Am dritten Tag werde ich wieder auferstehen“ (Mk10,34), der hat auch gesagt: „Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden. Und es werden vorhergehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens; die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes“ (Joh 5,28-29). Die Auferstehung Christi ist also die sichere Bürgschaft für unsere eigene Auferstehung.

 

Darum ziemt es uns nicht nach der Mahnung des Apostels (1 Thess 4,12), übermäßig zu trauern über das Hinscheiden unserer christlichen Mitbrüder gleich den Ungläubigen, die auf keine Auferstehung hoffen. Wohl aber ist es ein heiliger und heilsamer Gedanke, durch Gebet und Opfer den Verstorbenen zu Hilfe zu kommen, auf dass sie recht bald ganz rein befunden und zur ewigen Glorie zugelassen werden. Wir glauben ja an eine Gemeinschaft der Heiligen und diese Gemeinschaft versichert uns, dass wir den Entschlafenen auch im Jenseits noch Trost und Hilfe bringen können. Lassen wir sie nicht vergebens warten.

 

P. Dotzler, O.S.Fr.