Der kirchliche Gottesdienst

 

Wer ist nicht schon an einem Sommertag durch einen schönen Wald gewandert. Wie ist es da so feierlich still ringsum, als ob sich alles zum Gottesdienst bereitet hätte. Ernst streben die mächtigen Baumstämme nach oben und breiten weit ihre dunklen, schweren Äste aus. Über den Wipfeln der Bäume brütet die Sonne, und wo das grüne Laubgewölbe sich öffnet, schaut der Himmel mit seinem großen, blauen Auge herein. Von einem Baum zum anderen winden sich Schlinggewächse und schaukeln im sanften Luftzug und am Boden blühen bescheiden und doch so duftig und frisch Moose und Blumen aller Art – eine ganz kleine Welt für sich.

 

Einem prächtigen Wald, dessen Wipfel nie den Blätterschmuck abwerfen und stets in ewiger Schönheit sich verjüngen, kann man unsere heilige Kirche vergleichen. Die Säulen und Stämme dieses Waldes stellen die großen kirchlichen Andachtsübungen dar, während wir all die Zeremonien, mit denen sie ihren Gottesdienst umgibt, das kleinere junge Volk der Blumen und der übrigen Pflanzen nennen dürfen, die sich am Fuß der Waldriesen in immer neuem Wechsel entfalten, die Strenge und Eintönigkeit unterbrechen und das entzückendste Allerlei in die Waldeinsamkeit hineinzaubern.

 

An diesen reichen Zeremonien unserer heiligen Kirche haben Andersgläubige und auch manche oberflächliche Katholiken schon oft Anstoß genommen. Sie werfen uns vor, wir gehen ganz auf in leerem Formelkram und vernachlässigen darüber das, was doch eigentlich vor Gott allein Wert hat: den inneren Geist. Auch Christus der Herr habe einst den Juden Vorwürfe gemacht wegen ihrer Äußerlichkeiten und gesagt, man solle Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. – Wer sich auch nur einigermaßen in der Heiligen Schrift auskennt, weiß, was der Heiland mit seinem Tadel wollte. Nicht die Zeremonien selbst erregten seinen Unwillen, denn sie waren ja von seinem himmlischen Vater angeordnet, sondern nur die Art und Weise, wie die Israeliten sie beobachteten. Sie erfüllten die Gebräuche ihrer Religion nämlich mit ängstlicher Genauigkeit, ohne sich viel um die weit wichtigeren Gebote der Nächstenliebe zu kümmern. Ja, während sie um keinen Preis sich die Unterlassung einer Waschung oder einer anderen ähnlichen Vorschrift hätten zuschulden kommen lassen, machten sie sich kein Gewissen daraus, Witwen und Waisen zu berauben oder ihre Mitmenschen zu bedrücken. Gegen solche Auffassungen sprach der Erlöser sein gerechtes Missfallen aus und er würde es ebenso noch gegen jeden Christen äußern, der glaubte, er dürfe ungestraft ein lasterhaftes Leben führen, wenn er nur den Schein der Frömmigkeit und Heiligkeit wahre.

 

Im Gegenteil sollen die Zeremonien, deren wir uns beim Gebet bedienen, wie das heilige Kreuzzeichen, das Verneigen des Hauptes usw. gerade unsere Herzensgesinnung offenbaren. Denn der Mensch besteht nicht nur aus einer Seele, sondern besitzt auch einen Leib und ist in seinem ganzen Handel und Wandel an die Sinnenwelt gebunden. Deshalb entspricht es seiner Natur, dass er seine Gedanken und Gefühle auch äußerlich kundgibt. Ja, wenn seine Gesinnungen echt und wahr sind, so hängt es bisweilen nicht einmal von ihm ab, sie zu verbergen. Ein Verzweifelnder z.B. ringt von selbst seine Hände und rauft sich die Haare. Ein Schuldbewusster klopft unaufgefordert an seine Brust. So sinkt auch der Ehrfurchtsvolle von selbst auf die Knie und der Andächtige faltet von selbst seine Hände.

 

Weitentfernt mit ihren Zeremonien etwas Widersinniges zu tun oder von uns zu verlangen, zeigt die Kirche also eben dadurch, dass sie das Menschenherz versteht und sich unseren Neigungen und Bedürfnissen anzupassen weiß. – Einige von ihren gottesdienstlichen Gebräuchen hat schon Christus der Herr eingesetzt. So hat er selbst verordnet, dass die Reinigung von der Erbsünde durch die Taufe, somit durch eine äußere Abwaschung mit Wasser vorgenommen werde. Beim letzten Abendmahl segnete er das Brot, dankte, erhob seinen Blick zum Himmel, so wie es noch jetzt vom Priester bei der Wandlung in der Heiligen Messe geschieht. Andere Zeremonien rühren von den Aposteln her, die nach dem Zeugnis des heiligen Völkerapostels dafür sorgten, dass beim Gottesdienst „alles geziemend und nach Ordnung geschehe“ (1Kor 14,40). Die meisten wurden jedoch vom Papst und den Bischöfen eingeführt, als die Kirche nach den traurigen Zeiten der blutigen Verfolgungen aus den unterirdischen Katakomben ans Tageslicht treten und ihren Gottesdienst ungestört ausbilden konnte.

 

Dass die Kirche dabei nicht willkürlich und gedankenlos voranging, sondern sich vom Geist Gottes leiten ließ, zeigt schon die wunderbare Schönheit und Mannigfaltigkeit unserer Liturgie, in der sich die Schönheit und Herrlichkeit Gottes noch deutlicher widerspiegelt als in der sichtbaren Natur. „Wirklich nichts Schöneres außer dem Himmel als unsere Liturgie!“ ruft ein Schriftsteller aus. „Ein herrliches Gewebe ist sie, zusammengestellt von der Kirche aus tiefen, unergründlichen Wahrheiten, himmlischen Gedanken, seligen Gefühlen und Empfindungen und sinnreichen, symbolischen Gebärden und Handlungen, dessen Blüten unter den wechselnden Farben des Kirchenjahres bald im lichthellen Weiß der Freude, bald in der dunklen Glut der Liebe und des Leidens, bald im stillen Grün und Violett der Hoffnung und Sehnsucht, bald im ernsten Dunkel der Trauer und des Leids erglänzen. Ein wundersames Gedicht des Heiligen Geistes ist sie, gewoben aus Licht und Farben und Duft und Ton, ein Pracht- und Wunderwerk der göttlichen Weisheit, die ja auch aus der kleinsten Auswahl der einfachsten Stoffe das unermessliche Weltall in der mannigfaltigsten und großartigsten Herrlichkeit hervorgehen, sich gestalten und mächtig sich ausranken ließ.“

 

Damit der kirchliche Gottesdienst seinen Zweck der Erbauung erreiche, ist freilich ein Doppeltes nötig: einmal muss der amtierende Priester die Zeremonien würdig und andächtig verrichten, sonst wird das Heilige in den Augen der Menschen verzerrt und ins Lächerliche gezogen. Sodann müssen die Gläubigen in die Bedeutung der kirchlichen Gebräuche eingeweiht sein, sonst gleichen sie einem Menschen, der ein schönes Buch in einer Sprache lesen soll, die er nicht versteht.

 

Leider fehlt es aber bei den meisten Christen in diesem Punkt sehr stark. Wenn es gut geht, so erfreuen sie sich wohl an einem schönen Gottesdienst, ohne sich indes Rechenschaft geben zu können, warum dies und jenes geschieht. Vielen aber erscheint ein Gottesdienst, den sie nicht verstehen, geradezu langweilig. Das ist umso mehr zu bedauern, als sie dadurch auf ein überaus wirksames Mittel verzichten müssen, um ihre religiösen Kenntnisse zu vermehren oder wenigstens aufzufrischen. Denn das ganze Leben Christi und die hauptsächlichsten Geheimnisse unserer Religion werden uns in der Bildersprache der Zeremonien immer wieder vor Augen geführt, und da für gewöhnlich das Gesehene und Gehörte viel leichter und tiefer im Gedächtnis haftet, als was wir nur mit dem Verstand erkennen, so ist es gar nicht anders möglich, als dass wir durch die verständnisvolle Teilnahme am Gottesdienst in unserem Glauben bestärkt werden.

 

Es ist deshalb wahrhaftig der Mühe wert, auch dafür zu beten, dass die Katholiken unsere herrliche Liturgie wieder mehr schätzen lernen. Vor allem aber müssen wir suchen, selbst durch Anhörung des Wortes Gottes und durch Lesung geeigneter Bücher immer mehr in ihre Geheimnisse einzudringen.