Gottes Gericht

 

Zu dem heiligen Entschluss, die Welt zu verlassen und in stiller Abgeschiedenheit ein strenges Bußleben zu führen, trugen bei vielen Heiligen Erlebnisse bei, die sie bis in das tiefste Innere hinein erschüttert haben. Beim großen heiligen Bruno zum Beispiel, dem Stifter des Kartäuserordens, war es ein ganz schauerliches Ereignis, dessen er in Paris Augen- und Ohrenzeuge wurde. Dort starb ein berühmter und wegen eines tadellosen Lebens geschätzter Prediger, namens Raymund, der seine Zuhörer oft bis zu Tränen rührte. Als vor seiner Beerdigung die Geistlichen mit den versammelten Leidtragenden am offenen Sarg die kirchlichen Tagzeiten sangen und der Lektor die Worte Hiobs las: „Antworte mir: Wie große Missetaten habe ich denn?“ da richtete sich der Tote auf und rief mit lauter Stimme: „Ich bin angeklagt“ und sank wieder leblos zurück. Entsetzt ließ man die Leiche bis zum anderen Tag stehen. Wieder wurden vor zahlreichem Volk die Tagzeiten gesungen, und bei derselben Stelle richtete sich der Tote abermals auf und rief jammervoll: „Ich bin gerichtet.“ Die Anwesenden flohen zitternd aus der Kirche. Am dritten Morgen strömte die ganze Stadt zusammen. Während der Kirchengebete erhob sich der Tote wieder und schrie im Ton der Verzweiflung: „Durch das gerechte Urteil Gottes bin ich verdammt“ und sank für immer zurück. Man begrub die Leiche, aber das schauerliche Ereignis vergaß man nicht.

Jeder Mensch muss gleich nach dem Tod vor Gottes Gericht erscheinen, um sein Endurteil zu vernehmen. Wie bestürzt wird da mancher erscheinen, verlassen von der Welt und ihren Geschöpfen, verlassen von Eltern, Geschwistern und Freunden, verlassen von allem, woran das Herz im Leben hing, von allen Gütern und Genüssen. Während des irdischen Treibens wurde das Gewissen nur zu oft eingeschläfert, jetzt erwacht es, um sein ganzes Elend zu sehen. Aber noch entsetzlicher ist es, statt eines gütigen Vaters einen erzürnten und allgerechten Richter vor sich zu sehen. Stelle dir lebhaft dieses Gericht vor Augen. Der Allwissende schlägt das Buch der Vergeltung auf, in dem alle deine sündhaften Gedanken und Begierden, alle, auch deine geheimsten Gedanken und die Unterlassungen des Guten verzeichnet stehen. Ach, wie werden dir die Augen aufgehen. Wie vieles wirst du da als schreckliche Sünde erkennen, was du im Leben für nichts hieltest. Wie in einem Spiegel wirst du die ganze Hässlichkeit deiner Seele, die Folgen der Sünden, die Größe und Dauer ihrer Strafe wahrnehmen. Du siehst dein Schicksal unwiderruflich für die ganze Ewigkeit. Wehe, wehe, wenn die Waagschale deiner Sünden tief nach unten sinkt. Ewige Qualen sind dein Los im Feuerpfuhl, wo ewiges Heulen und Zähneknirschen sein wird. Ach, noch ehe der Körper ins Grab gesenkt ist, liegt die Seele schon in der Hölle begraben. – Heilige Kirche, du kleidest dich in Trauer beim Tod deiner Kinder, du betest noch für sie und die Totenglocke mahnt zur Teilnahme, deine Diener bringen für den Verstorbenen das heilige Messopfer dar. Ach, Gebete, Tränen, Opfer – alles ist unnütz für die Seele des Verdammten, die Gerechtigkeit hat begonnen, um nimmer zu enden. – Wie schrecklich, wie niederschlagend muss die Verzweiflung für eine Seele sein, die hätte ewig glücklich sein können, nun aber unwiderruflich verdammt ist. Der Feuerschlund hat sich geöffnet, um die Seele ewig zu verschlingen. Das Höllentor lässt niemand wieder zurück. Gottes Finger hat über die Pforte mit Flammenzügen die Worte geschrieben: „Ewigkeit, Ewigkeit, Ewigkeit.“