Die Qual des schlechten Gewissens

 

Wie ein schwaches Schiff, das der Sturm erfasst und die wilden Meereswogen schäumend und zischend bald hoch hinauf schleudernd, bald in die dunkle Tiefe hinabstoßen, während die Seeleute tausendfache Todesangst ausstehen, so erscheint das schlechte Gewissen, dem die begangenen bösen Taten keine Ruhe lassen und oft der Verzweiflung ausliefern. Zeugen dieser Wahrheit sind die Mörder der heiligen Märtyrer. Viele von ihnen sind angesichts dieser begangenen Verbrechen in Verzweiflung und oft sogar Wahnsinn gefallen. Die Qual des schlechten Gewissens ist in der Tat

 

1. eine furchtbare,

2. eine fortdauernde Qual.

 

1. Wie es für eine gute Handlung keinen schöneren Lohn gibt, als das frohe Bewusstsein eines guten Gewissens, so lässt sich für eine böse Handlung keine empfindlichere Strafe denken, als die Vorwürfe eines schlechten Gewissens. Denk dir einen zum Tod verurteilten Verbrecher. Man setzt ihm die besten Speisen und Getränke vor, man redet ihm Mut ein und spricht ihm freundlich zu, aber von ihm weicht die Ruhe, der Schlaf und die Fröhlichkeit, nur das Schafott steht vor seinen Augen und der Tod grinst ihn hohnlachend an. So erinnert den Sünder jeder Augenblick an seine Schuld, an den unbestechlichen Richter, an die ewige Verdammnis. Was ist unverschuldete Armut, was langwierige Krankheit, was Verfolgung und Kränkung von Seiten boshafter Menschen gegen die Folter des schlechten Gewissens? Alles lässt sich leichter ertragen, als das Schuldbewusstsein. Das schlechte Gewissen begleitet den Verbrecher im Lärm der Welt, wie in der Einsamkeit, es gönnt ihm keinen Frieden bei Tag, keine Ruhe in der Nacht. Er erschrickt vor dem Lispeln des Blattes, wie vor dem eigenen Schatten. Die Schönheit der Natur erfreut ihn nicht, der Kreis der Fröhlichen erfreut ihn nicht. Der dumpfe Ton der Sterbeglocke erschüttert ihn, ein plötzlicher Todesfall dringt ihm bis ins Mark. Überall schwebt das Bild seiner bösen Tat ihm vor Augen. David klagt nach seinem Sündenfall: „Kein Frieden ist in meinen Gebeinen. Ich bin elend geworden und gebeugt. Den ganzen Tag gehe ich traurig umher.“ „Gleich einer schweren Bürde ruhen meine Missetaten auf mir.“ Seht den blutbefleckten Mörder, wie er hinausflieht in den dunklen Wald voll Nacht und Grauen, aber der dunkle Wald hebt die dunkle Tat nicht auf, die Hölle begleitet ihn. Seht den Wucherer, den Ruhmsüchtigen, den Geizhals, das Brandmal der Bosheit ruht auf ihrer Stirn, ihre Sünden schreien zum Himmel hinauf und rufen die Strafgerichte des Allgerechten auf sie herab. Oft steigt die innere Qual so hoch, dass sie sich der Verzweiflung überlassen oder sich selbst dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit ausliefern.

 

2. Die Qual des schlechten Gewissens ist nicht allein eine furchtbare, sondern auch eine fortdauernde. Der Fluch der bösen Tat klebt an der Ferse und begleitet den Sünder zu allen Stunden und an allen Orten. Kaum hatten die ersten Eltern der verlockenden Stimme der Schlange Gehör gegeben, da überfiel sie Scham und Bestürzung und sie versteckten sich vor dem Herrn. Der Brudermörder Kain floh unstet umher. Überall trat ihm die blutige Gestalt des erschlagenen Abel vor die Seele. Josephs Brüder bekannten zitternd: „Wir haben an unserem Bruder Joseph verschuldet, was wir leiden.“ Kaum hatte Judas das Blutgeld des Verrats empfangen, da ließ ihm das schlechte Gewissen keine Ruhe mehr, er warf die Silberlinge den Hohenpriestern vor die Füße und wurde sein eigener Richter. Es ist entsetzlich, die Qual eines schuldbeladenen Gewissens immer mit sich umherzutragen. Schaut der Sünder zum Himmel hinauf, so muss er sich sagen: dort wohnt dein Richter, dort ist kein Platz für dich. Fällt sein Blick zur Erde, so muss ihm unwillkürlich einfallen, dass bald das Grab seinen Leib und die Hölle seine Seele verschlingt. Findet er Trost im Lärm der Welt, in Ausschweifungen und Genüssen? Umsonst stürzt er sich in den betäubenden Strudel. Die Ernüchterung folgt bald und hält ihm wieder den Spiegel seiner bösen Taten vor Augen. Überall hängt das Damoklesschwert über seinem Haupt und vergällt ihm alle Genüsse. Ein rechtschaffener Mensch mag noch so arm, noch so geplagt und verlassen sein, er ist dennoch zufrieden, weil er Gott zum Freund hat und die Hoffnung auf die ewige Glückseligkeit ihn tröstet. Aber was hat der unbekehrte Sünder nach einem qualvollen Leben zu erwarten? Die ewige Verdammnis.

 

Gibt es denn kein Mittel, um die grässlichen Gewissensqualen zu beseitigen? Ja, er kann Rettung finden, der arme, vielgequälte Sünder. Wie der verlorene Sohn muss er zum Vater zurückkehren und sagen: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und gegen dich. Ich bin nicht wert, dein Sohn zu heißen. Nimm mich nur an als einen deiner geringsten Knechte!“ Und der Vater wird ihn in seine liebevollen Arme schließen. Der Beichtvater wird den reumütigen Sünder voll Freude aufnehmen und ihm sagen: „Sei getrost, mein Sohn! Deine Sünden sind dir vergeben. Gehe hin in Frieden Gottes und sündige nicht mehr!“ In demselben Augenblick kehrt Ruhe und Freude in das lange geängstigte Herz zurück.