Die geistlichen Werke der Barmherzigkeit

 

Was bewog so manchen Heiligen, seine teure Heimat zu verlassen, auf alle Vorteile und alle Annehmlichkeiten zu verzichten? Was trieb sie hinaus in ein fremdes Land? Was erleichterte alle Entbehrungen und Beschwerden und machte sie sogar köstlich zum Beispiel bei der Missionsarbeit? Das heiße Verlangen, die Seelen zu retten. Auch wir haben die Pflicht, für das Seelenheil des Nächsten zu sorgen, und dies geschieht besonders durch die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit.

 

Das erste und höchste Gebot Gottes ist die Liebe. Gott sollen wir lieben über alles, den Nächsten wie uns selbst. Da nun die Seele höher steht, als der Leib, so sollen wir unser und des Nächsten geistiges Wohlergehen vor allem befördern. Dies geschieht durch Belehrung und gutes Beispiel, durch Ermahnung und geschwisterliche Zurechtweisung, durch Strafe, durch Rat und Trost, durch Geduld und Versöhnlichkeit und durch christliche Fürbitte.

 

1. Die Unwissenden belehren, ist das erste geistliche Werk der Barmherzigkeit. Wer den Weg zum Himmel nicht kennt, kann ihn auch nicht gehen. Was das Licht dem Auge, das ist die Wahrheit dem Geist. Deshalb unterrichtete Gott selbst die ersten Menschen, und ließ später durch seine Propheten sein Volk unterrichten und bilden. Der göttliche Heiland ging drei Jahre lehrend umher, bekämpfte die Irrtümer der jüdischen Gesetzeslehrer und stiftete eine lehrende Kirche, damit sie alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit führe. Deshalb hat die Kirche durch alle Jahrhunderte ihre Missionare bis zu den entferntesten Ländern und Inseln gesandt, um mit dem Licht des Glaubens die Unwissenheit und den Irrtum zu verscheuchen. Mehrere Orden sind im Lauf der christlichen Jahrhunderte entstanden, die es sich zur Hauptaufgabe stellten, die Unwissenden zu belehren.

 

2. Die Sünder bestrafen. Den Eltern und Erziehern, der geistlichen und weltlichen Obrigkeit steht das Recht und die Pflicht zu, das Böse zu bestrafen, um sowohl den Übeltäter als andere abzuschrecken. Die Züchtigung ist ein bitteres, aber wirksames Arzneimittel. Wo eine liebevolle Zurechtweisung, ein gerechter Tadel nicht fruchtet, darf die Strafe nicht fehlen. Im Buch der Sprichwörter (28,29) heißt es: „Wer einen Menschen bestraft, wird einst bei ihm mehr Dank haben, als der glattzüngige Schmeichler.“ Der göttliche Heiland selbst trieb mit einem Strick die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinaus.

 

3. Den Zweifelnden recht raten. Ein guter Rat ist Goldes wert. Der weise Sirach sagt (5,14): „Hast du Verstand und Einsicht, so antworte deinem Nächsten; wo nicht, so lege die Hand auf den Mund, damit du dich nicht in ungeschickte Reden verwickelst und zu schanden werdest.“ Einen guten Rat gab Josef dem Pharao, um die drohende Hungersnot abzuwenden. Als die Zuhörer am Pfingstfest voll Gewissensangst fragten: „Was sollen wir tun?“ erteilte ihnen Petrus den Rat: „Tut Buße und lasst euch taufen.“ Der göttliche Heiland gab dem Jüngling den Rat: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen und komm und folge mir nach!“ Wie viele fromme Seelen haben diesen Rat befolgt und damit den Himmel erworben!

 

4. Die Betrübten trösten. Wie viele Menschen hat die Trauer in Verzweiflung gestürzt! „Wie die Motte dem Kleid und der Wurm dem Holz, so schadet die Traurigkeit dem Herzen des Menschen.“ (Sirach 25,20) Darum ist es ein Werk der Barmherzigkeit, das traurige Herz zu trösten und aufzuheitern. So tröstete Jonathas den verfolgten David; so richteten die Propheten den gesunkenen Mut des heimgesuchten Volkes wieder auf. Jesus ladet alle Trauernden und Leidenden so liebevoll zu sich: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Wohltun, Heilen und Erlösen war sein Tagewerk. Und als er zum Vater zurückkehrte, sandte er den Heiligen Geist, den Tröster, dass er immer in seiner Kirche bleibe. Auch uns ruft der Apostel zu: „Tröstet die Kleinmütigen!“

 

5. Das Unrecht mit Geduld leiden. Es scheint dem Menschen schwer, aber es ist ein edles, hochherziges Werk der geistlichen Barmherzigkeit, auf das Recht der Verteidigung und Entschädigung Verzicht zu leisten und das widerfahrene Unrecht vergessen. Der heilige Petrus weist uns auf das Beispiel Jesu: „Wenn ihr Gutes tut und geduldig leidet, so bringt dies Gnade bei Gott; denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußspuren nachfolgt. Er hatte nichts Böses getan, und keine Unwahrheit war aus seinem Mund gekommen, und doch lästerte er nicht wieder, da er gelästert wurde, drohte nicht, da er litt, sondern überließ sich willig der Vollziehung des ungerechten Urteils. (1 Petr 2) Wenn indes durch Duldung die Bosheit und der Mutwille der Beleidiger nur vermehrt wird, oder wenn höhere Rücksichten darunter leiden, so rät die christliche Klugheit, dem Unrecht entgegen zu treten.

 

6. Den Beleidigern gern verzeihen. „Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, betet für diejenigen, die euch verfolgen und lästern.“ So befiehlt der Heiland, der noch sterbend seinen Mördern verzieh. So handelte der heilige Stephanus, der unter einem Steinhagel für seine Feinde betete: „Herr, rechne es ihnen nicht zur Sünde!“ Der heilige Paulus schreibt (Röm 12,21): „Wenn dein Feind Hunger hat, speise ihn; wenn er Durst hat, tränke ihn! Tust du dies, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Wie viele Ausbrüche des Zorns und der Rachsucht könnten wir durch Versöhnlichkeit verhüten!

 

7. Für die Lebendigen und Toten Gott bitten. Kannst du deinem Nächsten nichts anderes Gutes erweisen, so kannst du wenigstens für ihn beten. Bete für deine Eltern, Vorgesetzte, Verwandte und Freunde, bete für die Irrenden und Ungläubigen, besonders für die Bekehrung der Sünder, bete vor allem für die armen Seelen im Fegfeuer, damit sie, aus ihren Qualen befreit, deine Fürbitter am Thron der Gnade werden! Das Gebet und Beispiel Jesu und unserer Kirche, das Beispiel der Heiligen, so wie die vielen wunderbaren Bekehrungen, die auf die Fürbitte der Heiligen gewirkt worden sind, fordern uns dazu auf. Willst du, o Mensch, dass sich Gott deiner erbarme, so erbarme auch du dich deiner leidenden Brüder und Schwestern!