Christus im Bagno - Das schwerste Opfer

 

Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. (Mt 25,36b)

 

von Leo Wolpert

aus „Der Weg unterm Stern“

Echter Verlag, Würzburg, 1949

 

Im Jahr 1850 erschien in Würzburg eine eigenartige, aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte Schrift unter dem Titel „Die Jesuiten im Bagno“. Wer diese Schrift liest, wird sich mehr als einmal ergriffen fühlen, selbst wenn er „aus zäherem Holz geschnitzt“ ist als der Durchschnitt der Menschen. Denn die Schrift berichtet von Triumphen der Liebe Christi in hasserfüllten Menschenherzen.

 

Das „Bagno“ (Zuchthaus), von dem in dem Büchlein erzählt ist, besteht heute nicht mehr in dieser Form. Unweit Toulon liegt eine kleine Insel im Meer, ein kahler Felsen. Ein weitläufiges Gebäude auf der Insel, das fast nur aus langen Sälen bestand, und ein paar abgetakelte Schiffe nebenan im Meer bildeten eine Art Zuchthaus für Schwerverbrecher aus Frankreich – ungefähr viertausend an der Zahl. Das war das Bagno von Toulon.

 

Jeden Morgen um 6 Uhr, im Winter um halb sieben Uhr, gab im Bagno ein Kanonenschuss das Zeichen zur Arbeit, die bis mittags 3 Uhr dauerte. Die übrige Zeit gehörte den Sträflingen. Als Nahrung gab es Schwarzbrot und Bohnensuppe und für Schwerarbeiter eine kleine Menge Wein. Ein Kanonenschuss am Abend war das Zeichen zur Nachtruhe. Die eisernen Gitter der Zugänge wurden geschlossen; Schildwachen zogen innen und außen auf; die Männer legten sich auf ihre Betten in langer Reihe. Dann kam ein Wächter, steckte durch den letzten Ring der Kette, die jeder Gefangene Tag und Nacht am Fuß trug, eine eiserne Stange, die durch den ganzen Saal ging, und befestigte sie mit Haken und Schlössern an dem eisernen Boden. In jedem Saal lagen zwischen hundert und zweihundertfünfzig Menschen, die alle so aneinander gekettet waren.

 

Man kann sich denken, wie sehr sich in die ohnehin von Sünden verdorbenen Herzen der Männer der Hass einfraß; der Hass gegen die Aufseher und Vorgesetzten, die eiserne Ordnung halten mussten; der Hass gegen jene, durch die sie hierher gebracht worden waren; der Hass gegen die ganze Menschheit, von der sie sich ausgestoßen sahen und verachtet fühlten. Und umso leichter und gründlicher konnte der Hass sein Zerstörungswerk in diesen armen Herzen verrichten, da diese Menschen nie etwas von Gott und seiner Liebe hörten.

 

Als am 25. Oktober 1849 früh um sechs Uhr wieder der Kanonenschuss erdröhnte, betraten neun Jesuiten das Bagno, um hier einen Monat lang Mission zu halten. Wie das kam, wollen wir hier unerwähnt lassen, weil es zu weit führen würde. Die neun Jesuiten verteilten sich sofort auf die fünf Säle und vier Schiffe und begannen die religiöse Belehrung; es war an jedem Tag nur morgens und abends je eine halbe Stunde dafür frei gelassen; nur sonntags wurde einige Zeit zugegeben. Zuerst waren die Männer neugierig. Dann staunten sie über das, was sie da hörten; denn die meisten wussten von religiösen Dingen nicht das Geringste, weil sie entweder noch nie etwas davon gehört oder das in der Jugend gehörte wieder längst vergessen hatten. Am ersten Sonntag wurde an dem Platz, wo sonst die Unverbesserlichen hingerichtet wurden, ein Altar errichtet und eine Messe gehalten; viele wohnten hier zum ersten Mal einem Gottesdienst bei. Am Allerseelentag las einer der Missionare morgens vor der Arbeit eine heilige Messe für die verstorbenen Verwandten der Sträflinge und erinnerte in einer Ansprache auch an ihre lebenden Angehörigen. Da ging eine merkliche Bewegung durch die Scharen; man sah sogar Tränen fließen.

 

Allmählich fühlten die armen Gefangenen immer deutlicher, dass die Patres ihnen wohlwollten. Obwohl die Cholera im Bagno ausgebrochen war, blieben die Missionare bei ihnen; und sie behandelten die Gefangenen nicht wie Ausgestoßene, sondern wie Brüder.

 

Als diese Erkenntnis sich durchgesetzt hatte, wuchs in den Herzen der Sträflinge nicht nur ein grenzenloses Vertrauen, sondern auch eine Freundschaft und Liebe, die sich oft auf ergreifende Art äußerte. Als ein Pater krank geworden war, knieten während der Mittagspause auf der Werft mehrere Sträflinge nieder und beteten für ihn; nie zuvor hatte man im Bagno jemanden offen beten sehen. Von der geringen Löhnung, die sie erhielten, hatten die Sträflinge mehrere hundert Francs für die Missionare gesammelt. Die Patres nahmen die gutgemeinte Spende jedoch nicht an; sie erklärten vielmehr: „Wollt ihr uns die einzige Belohnung geben, die wir wünschen, so seid euren Vorgesetzten gehorsam“. Am andern Tag geschah etwas im Bagno, was man noch nie erlebt hatte: unter viertausend Mann hatte kein einziger eine Strafe verdient.

 

Da sich die Männer nicht nur in Scharen zur Beichte drängten, sondern auch viele Nichtkatholiken Unterricht begehrten, mussten noch elf andere Jesuiten zu Hilfe kommen. Am 21. November wurden fünf Heiden, darunter ein Chinese, sowie zwei Israeliten und siebzehn Mohammedaner getauft; acht Andersgläubige verschiedener Sekten legten das katholische Glaubensbekenntnis ab. Am Schluss der Mission knieten zweihundertfünfzig Sträflinge um den Altar, jeder eine brennende Kerze in der Hand, und gingen zur ersten heiligen Kommunion; eintausendzweihundert erhielten am Nachmittag die heilige Firmung.

 

Den schwersten Kampf kostete es diese Männer aber, als die Missionare ihnen sagten, dass sie ihren Hass besiegen und allen verzeihen müssten. Am 18. November, während des Sonntagsgottesdienstes, wandte sich der Obere der Missionare in seiner Predigt an die Sträflinge und sagte: „Verzeiht ihr euren Feinden, euren Anklägern, euren Richtern und all denen, die schuldigerweise oder unschuldigerweise zu euren Leiden beitrugen?“ Da riefen tausend Stimmen zu gleicher Zeit: „Ja, wir verzeihen!“ Und dabei klirrten die Ketten, die diese unglücklichen Menschen trugen. Viele, deren Seele der Hass noch in Fesseln hielt, brachten ihr letztes Opfer und vollendeten ihre Bekehrung.

 

Am Abend dieses Tages ging der Priester zu der Zeit, da die Sträflinge für die Nacht angeschlossen wurden, durch die Säle. Da fühlte er plötzlich, wie einer der Männer nach seiner Hand griff und sie küsste. Dabei flüsterte der Gefangene dem Missionar zu: „Sie haben diesen Morgen viel bewirkt . . . Ich hatte noch einen Mann zu töten; es ist vorüber, ich verzeihe ihm.“ Es war ein Korse; all die Jahre her hatte er darauf gewartet, eine Blutrache zu vollenden, wenn er je aus dem Bagno käme – heute hatte die Gnade sein Herz bezwungen.