Gaben des Heiligen Geistes

 

Wie einst der König Salomo als kostbarste Gabe die Weisheit erflehte und in so reichlichem Maß erhielt, dass er die Bewunderung aller Zeitgenossen und der späten Nachwelt hervorrief, so bestürmten auch viele Heilige den Himmel mit frommen und beharrlichen Gebeten, um Weisheit und Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht zu empfangen, und ihr Gebet wurde erhört. Glücklich jeder, dem der Heilige Geist seine sieben Gaben spendet, den Geist der Weisheit und des Verstandes, des Rates und der Stärke, der Wissenschaft und Frömmigkeit und Furcht Gottes.

 

1. Die wahre Weisheit beurteilt alle Dinge nach ihrem letzten Endzweck, nach ihrer Beziehung zu Gott. Voll dieser Weisheit sprach der Apostel: „Ich halte alles für Schaden wegen der alles übertreffenden Erkenntnis Jesu Christi, meines Herrn, um dessen willen ich auf alles verzichtet habe und es für Kot achte, damit ich Christus gewinne.“ (Phil 3,8) In diesem Geist sprach der heilige Ignatius von Loyola: „Wie ekelt mich die Erde an, wenn ich den Himmel anschaue!“ „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.“ (1 Kor 3,19)

 

2. Die Gabe des Verstandes macht den Menschen bereit und fähig, unter dem Einfluss des Heiligen Geistes göttliche Dinge zu erfassen. Durch diese Gabe werden wir befähigt, tiefer in die Religionswahrheiten einzudringen und die Überzeugung von der Göttlichkeit unserer Religion fester zu begründen. Um diese Gabe flehte der Psalmist: „Gib mir Verstand, dass ich lerne deine Gebote!“ Der heilige Leopold, die heilige Katharina von Siena und andere fromme Seelen wurden mit bewunderungswürdiger Einsicht in die Geheimnisse unserer Religion begnadet.

 

3. Die Gabe des Rates befähigt den Menschen, in schwierigen Angelegenheiten das für das Seelenheil und die Ehre Gottes Ersprießliche zu wählen, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die Förderungsmittel zum Heil anzugeben. Christus verhieß diese Gabe seinen Aposteln mit den Worten: „Wenn man euch in die Synagoge führt, und vor die Obrigkeiten und Mächtigen, dann sorgt nicht, wie oder was ihr antworten oder reden sollt, denn der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen sollt.“ (Lk 12) Den Heiligen Geist sollen wir zu Rate ziehen in allen wichtigen Angelegenheiten, besonders bei der Standeswahl.

 

4. Durch die Gabe der Stärke erfüllt uns der Heilige Geist mit Kraft und Zuversicht, das für Gott unternommene zu vollenden und die entgegenstehenden Hindernisse zu überwinden. Mit dieser Gabe ausgerüstet gingen selbst schwache Frauen und zarte Kinder dem grausamsten Martertod entgegen. Mit ihr schreiten auch wir über Schlangen und Basilisken unserem Ziel unverzagt zu und überwinden alle Schmerzen, alle Versuchungen und Prüfungen dieses irdischen Jammertales. Um diese Gnade soll der Christ besonders beten, weil er sie am meisten braucht.

 

5. Durch die Gabe der Wissenschaft wird der Mensch geeignet, das Wahre vom Falschen und das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Diese Gabe waffnet uns gegen die mannigfaltigen Täuschungen, die bald in den Einflüsterungen Satans, bald in den falschen Grundsätzen der Welt, bald in unserer verderbten Natur eine nie versiegende Quelle haben. Im Licht der göttlichen Wissenschaft schätzen wir das Irdische gering und streben nach dem Himmlischen. Mit dem heiligen Aloysius fragen wir bei allen Dingen und Unternehmungen: „Welchen Wert hat dies für die Ewigkeit?“

 

6. Die Gabe der Frömmigkeit regt zu einer kindlichen Gesinnung gegenüber Gott an. Aus diesem Geist entspringt auch die Liebe gegenüber allen Menschen als Kinder Gottes, die Barmherzigkeit gegenüber Notleidenden, die innige Andacht im Gebet, die schöne Gabe der Tränen. Dieses Blut der Seele, dieses Herzwasser strömte aus den Augen der Heiligen. Für ihre schlichten, frommen Gemüter waren Tränen eine Art von Gebetsformel, eine tiefinnerliche, ausdrucksvolle Andacht, ein zartes, schweigsames Opfer, durch das sie sich allen Leiden und Verdiensten Christi und seiner Heiligen anschlossen.

 

7. Die Gabe der Gottesfurcht bewirkt, dass wir uns scheuen, Gott zu missfallen und uns von ihm zu trennen. Die knechtische Furcht denkt nur an Strafe, aber die kindliche Furcht vermeidet jede Beleidigung des Allerhöchsten aus Ehrfurcht und Liebe zu ihm. Sie verabscheut jede Selbstüberhebung, jede Saumseligkeit im Guten, jede Sünde. – Rufen wir recht oft und innig unsere Heiligen und Patrone an, dass sie auch uns die sieben Gaben des Heiligen Geistes erbitten. Amen.