Nur die GÜTIGEN sind groß

 

Nur die Gütigen sind groß – Heilmittel gegen die Einsamkeit

 

Von Margaret Susan O´Gara

Zusammenfassung aus „Your Life“, 227 E. 44th St., New York City

17. Januar 1948

 

Wir aßen neulich zusammen zu Mittag, ein Geschäftsfreund und ich. Eine auffallend schöne, elegante Frau ging an unserem Tisch vorbei und nickte meinem Freund zu.

 

„Das ist Mary Blanc“, sagte er, „eine der begabtesten Frauen, die ich kenne.“

 

„Manchen Leuten ist alles gegeben“, antwortete ich. „So schön und dazu noch so begabt!“

 

Nach einem Augenblick des Schweigens antwortete mein Freund: „Mary könnte eine wirklich große, wunderbare Frau sein, wenn sie nicht so hartherzig wäre. Doch sie weiß leider nicht, was Herzensgüte bedeutet.“

 

„Aber ist es nicht eine allgemein anerkannte Tatsache“, fragte ich, „dass man hart sein muss, um erfolgreich oder groß zu sein, besonders als Frau?“

 

„Um groß zu sein?“ fragte mein Freund. „Es gibt eine Gedichtzeile, an die ich oft denken muss: „Nur die mit Herzensgüte sind wirklich groß.“ Härte hat nie wahre Größe zustande gebracht.“

 

Ich hatte einmal sagen hören, dass „das Herz alles Leuchtende aufzeichnet und es wie Musik durch alle Jahre nachklingen lässt.“ Ich dachte an alle glücklichen und erfolgreichen Leute, die ich kenne. Sie ragten durch ihr gütiges Wesen, das ihnen eine besondere Prägung verlieh, aus der Menge heraus.

 

Da war eine junge Krankenschwester, die ich kannte, deren Gegenwart im Krankenzimmer so beruhigend war wie die Berührung einer kühlen Hand. Zwei Jahre war sie während des Krieges in Übersee gewesen. Bombenangriffe, Hunger, Krankheiten, alles hatte sie mitgemacht. Aber nie habe ich sie etwas Hartes sagen hören oder tun sehen. Sie nimmt die Leute, wie sie sind. „Das Leben ist zu kurz für Garstigkeit, Hass oder Furcht“, sagt sie, und jedermann spürt ihre Güte und den persönlichen Zauber, der von ihr ausgeht.

 

Ich dachte an Jerry, den Kriegsteilnehmer, der regelmäßig Medizin und Vitamine an ein Waisenhaus in Europa sendet, weil er mit seinem guten Herzen die armen und verlassenen Kleinen, die er dort sah, nicht vergessen kann.

 

Güte ist nicht ein oberflächlicher Liebreiz, den man nach Belieben zeigen und verschwinden lassen kann. Sie ist auch keine bloße Stimmung, die einen überkommt, wenn man gute Musik hört oder ein ausgezeichnetes Gedicht liest. Herzensgüte geht auch über die Umarmung Liebender und die Zärtlichkeit zwischen Eltern und Kind hinaus. Sie ist keine Erscheinung, die plötzlich unser Leben verherrlicht.

 

Die Güte zeigt sich vielmehr darin, wie wir die Alltagsdinge vollbringen und hinnehmen. Sie ist der gemeine Gedanke, den wir verjagen, das stolze oder hässliche Wort, das wir nicht sprechen. Sie ist die Zartheit, mit der die Mutter das schmutzige Gesicht ihres kleinen Kindes abwäscht, die besondere Rücksicht, die wir Kindern und Greisen erweisen, die aufrichtige Freundlichkeit, die wir allen zeigen, die uns in den Weg kommen.

 

Ich kenne einen jungen Burschen, der nach der Schule Krämerwaren austrägt. Er ist ein kluger, feinfühliger Junge und kann ganz großartig erzählen. Es macht mir oft Freude, ihm zuzuhören, wenn er von seinen Tageserlebnissen spricht. Eines Abends war er besonders still, und ich fragte ihn, ob ihn etwas bedrücke. „Nein“, sagte er, „ich dachte nur an eine Frau, die ich heute traf. Sie hatte eben eine Todesnachricht erhalten. Ihr Sohn war gefallen. Sie weinte nicht, aber sie brauchte jemanden, und so habe ich ihr einfach für eine halbe Stunde zugehört, wie sie mir von ihm erzählte.“ Mein Herz schlug höher, als ich dadurch erfuhr, dass ein Junge so früh schon gelernt hatte, was Herzensgüte bedeutet.

 

Durch gütiges Verständnis kann man Wunder wirken. Die Methode Father Flanagans, des Leiters der berühmten Jungenstadt, beruhte auf diesem Grundsatz. Der große Heilige Franz von Sales schrieb „Nichts ist so stark wie Güte, nichts so gütig wie wirkliche Strenge.“

 

Mit Güte kann man einem Menschen die Selbstachtung zurückgeben, vergangene Träume wieder beleben, ein gebrochenes Herz heilen und den Himmel auf die Erde bringen. Und wenn wir dies tun, werden wir groß sein; denn nur die Gütigen sind wirklich groß.

 

In unserer Hast, die materiellen Dinge zu erlangen, sehen wir das Leben nur trübe wie durch mattes Glas. Wir sperren uns selbst innerhalb der Mauern unserer eigenen kleinlichen Wünsche und Begierden ein. Wir leiden an Herzkrankheiten, für die es keine medizinischen Heilkuren gibt. Dies ruhelose, suchende, schreiende Bedürfnis, das wir spüren, kann nur durch lebendige Güte beantwortet und erfüllt werden.

 

Wir mögen die Sprache des anderen nicht verstehen, nicht das gleiche Gesicht oder die gleiche Musik wie er gerne haben; Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen mögen verschieden sein, aber Güte ist eine allgemeine Sprache, die von allen verstanden wird. Wir bringen uns selbst um den schönsten Reichtum und die tiefsten Freuden des Lebens, wenn wir anderen unser Herz verschließen. Schon die Güte gegenüber ein paar uns nahestehenden Menschen, unseren Familienmitgliedern, den Freunden und Bekannten, dem Geschäftsteilhaber genügt dazu. Denn mit dieser Güte umfassen wir die ganze Welt.

 

Güte bedeutet nicht ein passives Hinnehmen von Unrecht und Dummheit. Sie bedeutet, dass wir Hass mit Liebe und Gier mit Gebefreudigkeit erwidern. Sie besteht darin, dass wir an Stelle von Furcht Vertrauen, von Widerstand Zusammenarbeit, von Unwissen Einsicht und von Ärger Segen setzen.

 

Ich fragte den berühmten Psychologen David Seabury über Herzensgüte. „Es scheint merkwürdig“, sagte er, „dass so wenig Leute wissen, dass Güte das einzige Heilmittel gegen die Einsamkeit ist. Man wird einsam geboren, stirbt einsam, und selbst in den großen Augenblicken des Lebens können wir nicht vollständig an den Erlebnissen anderer teilnehmen. Nur wenn Mitgefühl und Güte die Augen der Seele öffnen, erkennen wir einander vollständig und verstehen das Geheimnis des Herzens des andern. Das ist der Grund, warum alle Schönheit der menschlichen Beziehungen von der Herzensgüte abhängt.“

Die Donau in Passau