Götzendienst

 

1. Ihr Abgott.

 

Eine Frau hatte im Krieg ihren Mann verloren. Geblieben war ihr ein Sohn, der nun ihres Lebens ganzer Inhalt wurde. Das Kind wurde krank und starb. Die Frau gebärdete sich wie irrsinnig, sie weinte, sie fluchte, sie lästerte. Noch lange nachher drehte sich jedes Gespräch um das Kind, und immer wieder sagte sie: „Es war mein Abgott!“ Die Frau redete damit wahrer als sie selber wusste. Jeder Gott, den wir uns selber schaffen, mag er nun aus Geldgier oder Ehrgeiz oder Mutterliebe oder Familientrieb oder künstlerischem Feingefühl heraus gebildet sein, ist ein Abgott, der den wirklichen, den lebendigen Gott hindert, uns in Besitz zu nehmen.

 

2. Im Tod versinken die selbstgeschaffenen Trugbilder.

 

Im Herbst 1831 wurde Hegel, einer der größten deutschen Philosophen (1770-1831), von der Cholera ergriffen. Ein Menschenalter hatte er studiert und gelehrt. Der Gedanke der „Entwicklung“ war sein Gott gewesen. Als er aber den Tod nahen fühlte, kam es furchtbar schwer über ihn, dass er nicht dem wahren Gott die Ehre gegeben hatte. „Ah“, rief er in seinen letzten Stunden aus (so berichtet seine Gattin), „wenn ich wieder gesund würde, wie wollte ich laut und öffentlich das Evangelium verkündigen!“ Er verurteilte die religiösen Irrtümer, denen er in seinen zahlreichen Schriften gehuldigt hatte. Er ließ sich die Bibel vorlesen und bis zum Tod wiederholte er immer wieder: „Lieber Jesus, Weg des Lebens! Mache doch, dass ich dir ganz ergeben sei, dass dein heiliges Bild in mir sich widerspiegle! Durchdringe mich ganz mit deinem Geist, dass ich reiche Früchte des Glaubens bringe, und dass ich bereit sei für dein himmlisches Reich!“

 

3. Die Wende von den Götzen zu Gott.

 

Als Bischof Remigius von Reims König Chlodwig zur Taufe vorbereitete, ermahnte er ihn, er müsse den Götzen den Abschied geben. Der König hatte Sorge, sein Volk werde es nicht zulassen, dass er die angestammten Götter verlasse. Als er aber mit dem Volk darüber redete, rief das ganze Volk wie aus einem Mund: „Die sterblichen Götter tun wir ab, dem Gott, den Remigius uns als den unsterblichen verkündet, sind wir bereit zu folgen.“ So stand der Taufe nichts mehr im Weg. Es war ein denkwürdiger Tag im Leben des Frankenkönigs, der Weihnachtstag des Jahres 496, als er sich endlich zu Reims vom Bischof Remigius taufen ließ. Alle Bischöfe des Reiches waren zu der Feier erschienen. Mit vielem Gepränge wurde der König zum Gotteshaus geleitet. Die Straßen waren mit buntgewirkten Teppichen geschmückt. Im hohen Dom flimmerten viele hundert Kerzen, der Duft von köstlichem Rauchwerk stieg empor, aus tausend Kehlen erschallten frohe Kirchengesänge. Tief ergriffen fragte der König den heiligen Remigius, ob es im Himmel auch so schön sei. Als der Bischof am Taufbrunnen stand, bereit, den Verehrer der germanischen Götter zu einem Bekenner Christi umzuschaffen, sprach er zu ihm die bedeutungsvollen Worte: „Beuge dein Haupt, stolzer Sugambrer, bete an, was du früher verbrannt, verbrenne, was du früher angebetet hast!“

 

4. Recedant vetera!

 

Ein Missionar, der 18 Jahre lang unter den Kanaken gewirkt hatte, musste wegen Krankheit nach Europa zurückkehren. Da brachten die Eingeborenen kurz vor seiner Abreise zu Hunderten unaufgefordert ihre alten Götterbilder und verbrannten sie vor seinen Augen. Sie sagten: „Pater, das Alte ist vorbei, jetzt bricht die neue Zeit an.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 20)