Das persönliche Gericht

 

1. Ein Erlebnis als Vorspiel des Gerichts.

 

Ein Überlebender des schweren Eisenbahnunglücks bei Leiferde (Arthur Kummerow) erzählt: „Ich hatte einen Eckplatz am Gang, stieß die Tür auf und setzte meinen rechten Fuß hinaus. In diesem Augenblick war es mir, als ob der Himmel bersten wollte und sich mit dem Brüllen stürzender Gebirge der rasende Donner der Stürme und Meere mischte. Ein Krachen, von dem ich nur den Einsatz hörte, erschütterte die Luft, und mit ihm brachen Dunkelheit, Finsternis und Grauen über mich herein. Mein ganzes Leben floss plötzlich noch einmal an mir vorüber. Aber nicht etwa mit seinen allgemeinen Umrissen, sondern mit den geringfügigsten Einzelheiten. Und jeder Vorfall war von einem Gefühl des Guten oder Bösen begleitet. Es war als ob das Buch des Gerichts vor mir aufgeschlagen worden wäre. Aber langsam versanken alle Vorstellungen. Als ich dann wie aus einem schweren, totenähnlichen Schlaf erwachte, war um mich herum Finsternis. Nun erst vernahm ich, dass Menschen schrien, kreischten und wimmerten. Da wurde es mir klar, was geschehen war: dass ich bei diesem furchtbaren Eisenbahnattentat verschont geblieben war.“ (Anm.: Das Eisenbahn-Attentat bei Leiferde im Landkreis Gifhorn wurde am 19. August 1926 gegen 02:10 Uhr verübt. 21 Tote waren die Folge. Dies war bis heute der folgenreichste Anschlag auf den Eisenbahnverkehr in Deutschland.)

 

2. Der große Augenblick.

 

Als der Einsiedler Pambo hochbetagt starb, waren seine letzten Worte an die versammelten Brüder: „Seit ich hierher an diese einsame Stätte kam und meine Zelle baute, habe ich nie mein Brot umsonst gegessen (vgl. 2 Thess 3,8), sondern nur, was ich mir mit meiner Hände Arbeit erworben habe. Es reut mich kein Wort, das ich geredet habe bis zu dieser Stunde. Jetzt aber muss ich vor Gott hintreten und bin ein Mensch, der nie auch nur angefangen hat, Gott zu dienen.“ (Anm.: Eventuell ist hier der heilige Pambo der Große gemeint, der Vorsteher einer Mönchsgemeinschaft in einer ägyptischen Wüste war. Bei seinem Tod stand auch die heilige Melania an seinem Sterbebett. Um 386 ist der heilige Pambo gestorben und sein Gedenktag ist der 1. Juli.)

 

3. „Dort wird sehr fein gesponnen.“

 

Die selige Josepha Maria von der hl. Agnes aus dem Augustinerinnenorden (+ 21.1.1696) hatte ein Leben voll heiliger Strenge und Frömmigkeit hinter sich, als sie in eine schwere Krankheit fiel. Man hatte ihr bereits die heilige Ölung gegeben, da geriet sie in eine Entzückung. Man hielt sie schon für tot, ihr aber war, als stünde sie vor dem ewigen Richter, der alle ihre Fehler und Mängel mit großer Strenge rügte. Sie kam dann wieder zu sich und lebte sogar noch einige Jahre. Aber sie hatte von da an eine große Furcht vor dem Gericht nach dem Tod und pflegte zu sich zu sagen: „Gib wohl acht, dass du gut lebst und handelst, denn dort wird sehr fein gesponnen.“ Sie hat auch nach dieser heilsamen Erkenntnis gehandelt und wurde darum, als ihr wenige Monate vor ihrem Heimgang die Todesstunde offenbart wurde, von heiliger Freude erfüllt, die noch aus ihren Worten sprach, wenn sie anderen die ihr gewordene frohe Kunde mitteilte. Am Fest der hl. Agnes des Jahres 1696 entschlief sie selig im Herrn. Im Jahr 1888 wurde sie von Papst Leo XIII. seliggesprochen, ihre Heiligsprechung steht bevor.

 

4. Die Entscheidung.

 

In dem berühmten althochdeutschen Muspilli-Lied wird der Übergang der Seele in das andere Leben hochpoetisch also geschildert: „Gleich, wenn sich die Seele auf den Weg erhebt / und sie den Leichnam liegen lässt / dann kommt ein Heer von den Himmelsgestirnen / das andere von der Hölle – da fechten sie darum. / Sorgen mag die Seele, solang das Gericht ergeht / zu welchem der beiden Heere sie gehören wird. / Denn wenn sie zu Satans Gesinde stößt / das leitet sie gleich dorthin, wo ihr Leid geschieht. In Feuer und Finsternis – das ist ein schrecklich Ding. / Wenn sie aber holen, die da vom Himmel kommen / und sie der Engel Eigen wird / die bringen sie sogleich hinauf ins Himmelreich. / Da ist Leben ohne Tod, Licht ohne Finsternis / Wohnung ohne Sorgen, da ist niemand siech. / Wenn der Mensch im Paradies Wohnung nimmt / dem Haus im Himmel, da ist ihm geholfen genug.“

 

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 447)