Fronleichnam im KZ

 

Gefangene Priester werden zu Hunderten vom Lager Dachau zur Arbeit getrieben auf den SS-Gutshof „Liebhof“, auch am Sonntag, und gerade am Sonntag, auch die sonst in der Plantage zur Sklavenarbeit eingesetzten Priester. Auch am Fronleichnamstag 1942. Um 5.30 Uhr früh wird der etwa eineinhalbstündige Marsch angetreten zwischen den Gewehren und Wachhunden der SS-Posten. Auf halbem Weg geht’s an einem Feldkreuz vorbei. Die Priesterhäftlinge ziehen scheu, aber ergriffen ihre Häftlingsmütze. Eine Schimpf- und Spottkanonade der SS-Posten prasselt da jedes Mal los, manchmal auch Kolbenstöße. Die Priester teilen an dieser Stelle des Heilands Los. Stünde das Wegkreuz nicht auf Privatgrund, so hätte die SS es schon längst „umgelegt“. Auf dem Hof werden die Häftlinge auf die Felder verteilt zum Unkrautjäten. Unsere Hundertschaft, in der Mehrzahl Priester, kommt auf ein Basilikumfeld zum Jäten. Die Pflänzleinreihen sind vielfach noch kaum aufgegangen, man muss sehr genau schauen. Gejätet wird mit der Hand, ohne Werkzeug, auf einem Knie kniend. Wer es anders macht, hat Fußtritte der Kapos oder Zivilaufsichtspersonen zu gewärtigen. Still oder, wenn keine Aufsicht in der Nähe ist, halblaut beten Priestergruppen zu sechs, acht oder zehn den Rosenkranz. Da läuten von der Vorortskuratie die Glocken zum Fronleichnamsgottesdienst – zum Greifen nahe, kaum fünf Minuten von uns! Hunderte von Priestern knien auf dem Feld und opfern, diesmal nicht das Fronleichnamsmessopfer, sie selbst sind Opfergabe. Jeder dritte wird in den kommenden Monaten sterben. Da verkündet das prachtvolle Geläute der Stadtpfarrkirche – ihre Glocken sind bis jetzt nicht abgeliefert – den Beginn der Prozession. Hunderte von Priesterherzen ziehen mit. Der Leib ist von Gewehren gebannt, im Ornat des Häftlingskleides, auf dem Boden. Da und dort summt einer einen Fronleichnamshymnus. Pater Kentenich, in anderen Gruppen andere begabte Mitbrüder, bieten während des Jätens halblaut eine Priesterbetrachtung. Und wie das schöne Geläute zum Schluss der Prozession ansetzt, singen Hunderte von Priesterherzen – nur ganz gedämpft – das „Großer Gott, wir loben dich!“ trotz KZ und Hunger und Lebensbedrohung.

 

J. Hopper

aus „Passauer Bistumsblatt“

1. Juni 1947