Die Freude des Bekehrten

 

„Über einen Sünder, der Buße tut, ist im Himmel mehr Freude, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ So versichert der Mund des Herrn, der Mund der ewigen Wahrheit. Manch ein Heiliger hatte sich verirrt in seinem Leben, aber sobald die Bekehrung erfolgte und der Irrtum erkannt wurde, taten sie ernste und strenge Buße und sühnten durch ihre edlen Tugenden, was sie gefehlt hatten. Möchten wir ihnen in der Buße folgen, wenn auch wir gesündigt haben. So würde über die Bekehrung Freude sein im Himmel und auf Erden.

 

1. Wenn der göttliche Heiland behauptet, es sei im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr Freude, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen, so will er damit nicht sagen, er sehe es lieber, dass die Menschen erst sündigten und dann sich wieder bekehrten. Nein. Gott sieht nichts lieber, als wenn die Menschen ihm immer treu bleiben, und es ist ihm nichts so verhasst, wie Sünden und Laster. Der Heiland will nur seine Freude darüber ausdrücken, wenn sich ein Sünder aufrichtig bekehrt, eben weil es so schwer gelingt, dass ein Verirrter wieder auf den rechten Weg kommt. Freuen wir uns doch auch über eine wiedergefundene Sache mehr, als über jene, die wir im sicheren Besitz haben. – Auf mannigfaltige Weise ruft der gute Hirt das verlorene Schäflein: bald sucht er den Sünder durch Wohltaten an sich zu ziehen, bald durch Prüfungen und Leiden zu erschüttern, bald durch gute Freunde oder erbauliche Bücher auf den Weg des Heils zurückzuführen. In einer großen Stadt führte ein junger Mensch ein höchst ausschweifendes Leben. Als er einst wieder die ganze Nacht durchschwärmt hatte und morgens um drei heimkehrte, hörte er einen Nachwächter folgende Strophe singen:

 

Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf!

Ermuntre dich, verirrtes Schaf

Und bessre bald dein Leben!

Wach auf! jetzt ist es hohe Zeit!

Es rückt heran die Ewigkeit,

Dir deinen Lohn zu geben.

 

Der junge Mensch verstand den Mahnruf der Gnade, fing von Stund an, sich zu bessern, und führte seinen Entschluss treu und mutig aus.

 

2. Wie im Himmel Freude herrscht über den bekehrten Sünder, so hat der Sünder selbst eine namenlose Freude über seine Bekehrung. Er ist versöhnt mit seinem Richter, der Friede zieht in seine Seele, er fühlt einen Vorgeschmack des Himmels, die Freude im Heiligen Geist versüßt ihm alle Tage. Doppelt glücklich, wenn er durch sein Beispiel noch andere Sünder aus ihrem geistigen Todesschlaf erweckt und dem Verderben entreißt. Ein bekehrtes, ein gebessertes Leben ist nicht so traurig, wie sich viele einbilden. Ich nehme diejenigen zu Zeugen, die ihre Sünden reumütig und aufrichtig gebeichtet und ernstlich gebessert haben. Gebt Gott die Ehre, ihr gebesserten Christen! War nicht die Stunde, in der ihr aus der Wüste in den Vaterschoß Gottes zurückkehrtet, die glücklichste Stunde eures Lebens? Fühltet ihr irgendwo eine zärtlichere Liebe, als an dem Herzen eures Vaters, den ihr eine Zeitlang verlassen und geschmäht habt, um die Treber der Säue zu essen? Ein jeder Sünder, der sich aufrichtig gebessert hat, wird in Freude aufjubeln und ausrufen: O wie ist es mir so wohl, als wäre ich schon im Himmel. Ja, du bist im Himmel, solange du am Herzen Gottes ruhst. Bleibe bei ihm und verlass ihn nie wieder, er wird auch dich nicht verlassen. Amen.