Franziskus

 

Blütenkranz des heiligen Franziskus von Assisi

 

Wie das Paradies blüht sonnig und wonnig die Landschaft Umbrien, reich an Weingärten und Ölbäumen. Auf sanfter Anhöhe schimmert freundlich Assisi, das alte Städtchen. Am Fuß des Berghanges liegt das Heiligtum Portiunkula, geweiht der lieben Mutter Gottes, der Königin aller Engel. Hier vernahm Franz am 24. Februar 1209 im Evangelium das Wort des göttlichen Heilandes an die Jünger: „Ihr sollt weder Gold noch Silber tragen.“ Vom himmlischen Licht erleuchtet, sprach er fröhlich: „Das ist`s, was ich lange schon gesucht habe!“ So berief ihn Gott, den Orden der heiligen Armut zu stiften. Bald fanden sich elf Gefährten; mit ihnen pilgerte Franz nach Rom, voll Ehrfurcht vor der Kirche, der heiligen Mutter.

 

Innozenz III. regierte damals. In ihm erreichte das Ansehen des Papstes den höchsten Glanz. Eben in diesem Jahr 1209 gab er dem deutschen König Otto IV. feierlich die Kaiserkrone. Wer gewann aber größeres Glück – der Kaiser mit all seinem Gold und seinen Edelsteinen oder der Arme von Assisi? Franz schätzte sich überglücklich, als ihm der Statthalter Christi gütig den Segen gab für den Orden der heiligen Armut. Er meinte das tröstliche Wort Christi selbst zu hören: „Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich!“ Frei von zeitlichen Sorgen, reich an Frieden und Freude Gottes, jubelte sein reines Herz:

 

So hehr ist jener Preis, nach dem ich trachte,

Dass ich darum das Irdische verachte.

 

Der Bruder Immerfroh! Durch Dörfer und Städte wanderte er eifrig und beginnt seine Predigt gern mit dem freundlichen Gruß: „Der Herr gebe euch Frieden!“

 

Wie vom Frieden des Paradieses umweht, wirkt Franz so segensreich. Viele folgen seinem Beispiel. Schon im Jahr 1219 sieht er fünftausend Mitbrüder in Assisi versammelt. Allen empfiehlt er, fröhlich dem Herrn zu dienen: „Freudig im Herrn, heiter und liebenswürdig sollen sie sich zeigen.“ Im Jahr 1223 pilgert Franz wieder nach Rom, auch von Honorius III. den Segen für seinen Orden zu gewinnen. Noch eine Bitte stellt er an den Heiligen Vater: Weihnachten im Freien feiern zu dürfen, nicht weit von Rom, im Wald von Greccio. Dort feiert Franz wirklich die Christnacht im Kreis der armen Hirten.

 

Wie festlich flammt erst über Greccio der Sternenhimmel, der heitere Himmel des milden Südens. Am Altar der Krippe funkelt reicher Lichterglanz: die Brüder alle halten Kerzen in den Händen, die Hirten aber Windlichter – welch klares Glasten und Glänzen, als erscheine wieder die Lichtgestalt des Engels. Fromm und froh beginnt zu Mitternacht Liederklang und Flötenspiel; die Sänger und Musikanten wollen fast mit den seligen Engelchören wetteifern, sobald der Priester am Altar das Gloria anstimmt. Franziskus selbst waltet als Diakon beim Hochamt und singt feierlich das freudenreiche Evangelium. Nach dem Evangelium hält er die Predigt; mit Worten voller Freude redet er von dem armen König, der in dieser Nacht geboren ist, und frohlockt immer von neuem: „Lieben wir das Kindlein von Bethlehem!“

Wie schön blüht die Krippenfreude des heiligen Franziskus fort und fort durch alle Jahrhunderte bis heute!

 

Warum St. Franzisko alle nachfolgen

 

Einstmals weilte St. Franziskus in dem Kloster der Portiunkula mit Bruder Masseo von Marignano, der sehr heilig war und schön, und verständig von Gott zu reden wusste; darum liebte ihn St. Franziskus sehr. Eines Tages nun kehrte St. Franziskus aus dem Wald zurück, wo er gebetet hatte, und da kam ihm Bruder Masseo entgegen; dieser wünschte nämlich, zu erkunden, wie groß Sankt Franzisci Demut war, und darum sprach er: „Warum dir, warum dir, warum dir?“ St. Franziskus entgegnete: „Was willst du denn eigentlich sagen?“ Bruder Masseo erwiderte: „Ich frage, warum alle Welt dir nachläuft, und warum jedermann dich sehen will und auf dich horchen und dir gehorchen? Du bist kein schöner Mann; du bist nicht sehr gelehrt; du bist nicht edel. Was ist es denn, dass alle Welt dir nachläuft?“ Wie das Sankt Franziskus hörte, wurde er sehr froh im Gemüt; und er hob sein Antlitz gen Himmel und blieb lange unbeweglich stehen; denn sein Geist war zu Gott erhoben. Als er aber wieder zu sich kam, warf er sich auf die Knie, pries und dankte Gott und wandte sich dann voller Inbrunst zu Bruder Masseo und sprach: „Willst du wissen, warum mir? Willst du wissen, warum mir? Willst du wissen, warum mir? Warum mir alle nachfolgen? Das hat mir der Blick des allmächtigen Gottes ersehen, der allerorten auf Guten und Bösen weilt. Denn seine heiligen Augen sahen unter den Sündern keinen, der elender war, denn ich, keinen, der untüchtiger war, denn ich, keinen, der ein größerer Sünder war, denn ich; und, um das wunderbare Werk zu vollbringen, das er sich vorgenommen, fand er kein Geschöpf auf Erden, das armseliger war; darum hat er mich auserwählt, um die Welt zu beschämen mit ihrem Adel und ihrem Stolz und ihrer Stärke und ihrer Schönheit und ihrer Weisheit; auf dass da kund werde, dass alle Kraft und alles Gute von ihm ausgeht und nicht von der Kreatur, und niemand sich vor seinem Angesicht rühme; wer sich aber rühmt, rühme sich in dem Herrn, dessen alle Ehre ist und alle Herrlichkeit in Ewigkeit.“

 

Da erschrak Bruder Masseo über diese Antwort, die so demütig war und mit so viel Inbrunst gesprochen wurde.. Und nun erkannte er gewiss, dass St. Franziskus unerschütterlich in Demut war.

 

Lob des Ordenskleides

 

Ein Jüngling, der recht zart und edel war, trat in den Orden des heiligen Franziskus, und nach einigen Tagen begann er, vom Teufel verleitet, das Gewand, das er trug, so zu verabscheuen, dass es ihm deuchte, er sei mit einem elenden Sack bekleidet; es ekelte ihn vor seinen Ärmeln, und er verabscheute die Kapuze, und die Länge und Rauheit des Kleides schien ihm eine unerträgliche Last. Und da sein Widerwillen gegen den Orden nur zunahm, beschloss er endlich, das Mönchsgewand abzulegen und in die Welt zurückzukehren. Schon hatte er aber die Gewohnheit angenommen, jederzeit, wenn er am Altar des Klosters vorbeikam, wo der Leib Christi aufbewahrt wurde, höchst ehrerbietig niederzuknien, die Kapuze hinunterzuschieben und sich mit gekreuzten Armen zu verbeugen, wie es ihn sein Meister gelehrt hatte.

 

Da geschah es, dass er in der Nacht, da er davongehen und den Orden verlassen wollte, am Altar des Klosters vorüber musste; und, als er vorbeikam, kniete er, wie er es gewohnt war, nieder und verneigte sich. Da wurde er auf der Stelle im Geist entzückt, und Gott zeigte ihm ein wunderbares Gesicht also, dass er vor sich eine schier endlose Zahl von Heiligen sah in der Art einer Prozession, zu zweien und zweien in herrlichen und köstlichen Gewändern, und ihr Antlitz und ihre Hände glänzten in der Sonne, und sie zogen dahin mit Gesang und Spiel von Engeln. Unter den Heiligen waren aber zwei, die edler gekleidet und reicher geschmückt waren wie alle anderen, und von solcher Klarheit umgeben, dass sie dem, der sie sah, gewaltig staunen machten; und fast am Ende des Zuges gewahrte er jemand, der mit solcher Herrlichkeit geziert war, dass er ihm gleich einem erschien, der eben den Ritterschlag empfangen und höher geehrt wurde wie die anderen.

 

Als der Jüngling diese Erscheinung sah, wunderte er sich und wusste nicht, was dieser Zug bedeuten sollte; er wagte aber nicht, danach zu fragen und er war starr vor lauter Staunen. Doch als der ganze Zug vorübergegangen war, fasste er Mut, läuft hinter den letzten her und fragt sie mit großer Scheu und spricht: „Liebe Herren, ich bitte euch, dass ihr mir sagen möget, wer jene wunderbaren Männer sind, die in so würdiger Prozession einherziehen?“ Und sie antworteten: „Wisse, lieber Sohn, dass wir alle Ordensbrüder sind, die wir eben aus der Herrlichkeit des Paradieses kommen.“ Er aber fragte nun also: „Wer sind jene beiden, die strahlender sind, als die anderen?“ Sie antworteten: „Das sind St. Franziskus und St. Antonius, und jener zuletzt, den du so hochgeehrt siehst, ist ein heiliger Bruder, der unlängst gestorben ist. Und, da er gegen alle Versuchungen mannhaft gestritten hat und dies bis an sein Ende ausharrte, führen wir ihn im Triumph zur Herrlichkeit des Paradieses. Und diese wunderbare Seide, die wir tragen, hat uns Gott für die rauen Kutten gegeben, die wir geduldig in dem Orden getragen haben, und die herrliche Klarheit, die du an uns siehst, gab uns Gott für unsere Geduld und Demut und für die heilige Armut, den Gehorsam und die Keuschheit, der wir bis an das Ende gepflogen haben. Darum, lieber Sohn, lass es dich nicht hart dünken, das grobe Ordenskleid zu tragen, das solchen Lohn bringt; denn wirst du mit St. Francisci grobem Gewand um Christi willen die Welt verachten und das Fleisch töten und mannhaft gegen den Teufel kämpfen, so wirst du mit uns ein gleiches Gewand und gleiche Herrlichkeit und Glanz empfangen.“

 

Nach diesen Worten kehrte der Jüngling in sich und, durch das Gesicht ermutigt, verscheuchte er jegliche Anfechtung und bekannte seine Schuld vor dem Guardian und den Brüdern.

 

Seit dem trachtete er bloß nach der Rauheit der Buße und des Mönchsgewandes und beschloss in großer Heiligkeit sein Leben in dem Orden.

 

Das Lächeln des Narren

 

In den Tagen und in der Stadt des heiligen Franziskus von Assisi lebte ein Mann, der gestörten Geistes war, und den die Leute deshalb „il pazzo“ das ist „den Narren“ nannten. Er war aber nicht wild und ungebärdig, wie sonst wohl Narren zu sein pflegen; sein Gemüt war traurig und wie von dunklen Wolken umdüstert. Und obwohl er sprechen konnte, hatte man selten ein Wort von seinen Lippen gehört, und nie hatte man ihn lachen gesehen. Er ging alleine seine seltsamen Wege, sprach wohl auch nach der Narren Art im Gehen halb laut mit sich selbst, sobald er aber Menschen erblickte, wurde sein Gesicht scheu und hilflos, und er wich ihnen aus, wo er konnte. Im Volk aber ging das Wort: Wenn der Narr einmal lachen könnte, wäre er geheilt. Keiner jedoch kümmerte sich viel um ihn, und da er niemand ein Leid tat, ließ man ihn ruhig seiner Wege ziehen und achtete nicht groß auf sein Wesen. Geschah es aber, dass ein Gesunder ihn unversehens in der Einsamkeit antraf, so eilte er, schnell von dem Narren wegzukommen, und in seinen Augen stand jener Ausdruck, mit dem die Menschen gemeiniglich die sogenannten „Verrückten“ betrachten: halb Neugier und halb lähmende Furcht.

 

Und doch war der Narr nicht ganz verlassen. Denn seine dumpfe Seele barg eine zärtliche und scheue Liebe zu Kindern und zu Tieren, und diese liebten ihn wiederum, wie man ja weiß, dass Kinder und Tiere die Liebe schneller spüren, woher sie auch kommen mag und sie mit gleicher Liebe vergelten. So konnte man den Narren zuweilen inmitten einer Schar Kinder sitzen sehen, die ihm Baumrinde brachten, damit er ihnen allerhand Spielzeug, zumeist aber kleine Schifflein daraus schnitze. Und der Narr war hurtig bei der Hand, schnitzte und klebte und feilte, und ehe die Kinder es sich versahen, schwamm eine stattliche Flotte, mit Segelwerk aus Schilf und grünen Blättern, auf dem kleinen Bach. Und die Kinder jubelten und lärmten, fassten den Narren an den Händen oder an seinen Kleidern und zogen ihn an den Bach, damit er die Herrlichkeit bewundere und bestaune. Aber inmitten des Gelächters und des fröhlichen Bellens der Hunde, die ihre kleinen Herren begleiteten, blieb der Narr stumm. Kein Lächeln bewegte sein Antlitz und es schien, als habe eine dunkle Hand es verriegelt und in Trauer festgebannt. Und wenn eins der mitleidigen Herzlein ihn am Rock zupfte und fragte: „Warum bist du denn immer traurig, Giovanni?“ dann schaute der Narr das Kind mit erloschenen Augen an und schüttelte den Kopf und wusste nichts zu sagen. Kam aber der Abend und läuteten die Glocken von den Türmen der Stadt, dann nahmen die Kinder eilig ihre kostbaren Schifflein auf die Arme und liefen davon wie ein Bienenschwarm, und die Hunde umbellten sie in der sinkenden Dämmerung. Und der Narr stand allein; er schaute ihnen nach, bis das Lärmen und Bellen verklungen war, schüttelte wieder den Kopf, als wüsste er keinen Rat, und kauerte sich auf der Wiese nieder. Er sah über das weite, umbrische Land, über die Felder, Hügel, Bäche, die im Dämmer lagen wie in einer mächtigen Schale, und niemand weiß, was seine arme Seele dabei dachte.

 

Der Heilige nun, dessen Herz der Spiegel und das Echo aller Dinge war, kannte den Narren wohl und liebte ihn sehr. Aber nie wollte es ihm gelingen, ihn allein zu finden, und alle Listen seiner gütigen Seele reichten nicht aus, ihm den Narren nahe zu bringen. Denn sobald dieser ihn von weitem erblickte, wich er aus, und es schien dem Heiligen, als ob er vor ihm schneller flüchte als vor allen anderen. Dies betrübte ihn sehr, und er überlegte lange Zeit hin und her, wie er es wohl anstellen möchte, dass der Narr ihm standhielte. Aber da sein Herz zuweilen gar einfältig war, und seine Listen so unerfahren und durchsichtig wie die List eines Kindes, das da meint, wenn es mit geschlossenen Augen sitze, könne es auch von keinem Menschen mehr gesehen werden, so kam er nie ans Ziel.

 

Der Heiland aber, der gute Held, sah die Not des Heiligen und half ihm, den Narren finden. Und als der Heilige eines Tages auf der großen Wiese sich erging, da sah er nicht weit entfernt den Narren auf den Knien liegen, den Kopf der Erde zugeneigt. Und er hörte ihn schwer ächzen und atmen, so wie ein Mensch tut, der eine schwere Last heben will. Der Heilige trat leise herzu und schaute dem Knienden über die Schulter. Und da sah er, dass der Narr vor einem Wasserloch kniete, vollgefüllt mit Schlamm und Unrat, und sich gar sehr mühte, einen schweren Feldstein zu heben, der in dem Schlamm begraben lag. Der helle Schweiß stand ihm auf der Stirn, und seine Glieder zitterten vor wilder Mühe und Arbeit. So oft er aber den Stein halb aus dem Wasser gezogen hatte, so oft auch erlahmte seine Kraft, und der Stein fiel in den trüben Schlamm zurück. Aber kein Wort und kein unwilliger Ausruf kam über seine Lippen. Er biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten, und begann aufs neue zu heben und zu ächzen. Da ergriff des Heiligen Herz ein tiefes Mitleid mit der wunderlichen Mühe des Narren, er berührte leicht seine Schulter und fragte: „Was treibst du, Giovanni?“ Aber der Narr fuhr auf, als habe ihn ein glühender Bolz getroffen und nicht des Heiligen leichte Hand; er starrte den Heiligen an mit seinen toten Augen, und seine Lippen bebten und hoben sich bebend, wie die Lefzen eines bissigen Hundes. Doch der Heilige ließ seine Augen nicht von des Narren Antlitz und seine Hand nicht von des Narren Schulter und er fragte zum zweitenmal: „Warum hassest du mich, Giovanni? Siehe, ich liebe dich sehr!“ Da schielte der Narr den Heiligen lange Zeit aus den Augenwinkeln an und sprach, und es klang wie ein raues Bellen: „Du sollst mich nichts fragen. Die Menschen sind Narren, und der, den sie Bruder Franziskus nennen, ist der größte unter ihnen.“ Der Heilige aber erschrak sehr, als er dies hörte, denn er wusste wohl, dass in den Worten der Menschen, und seien es auch Narrenworte, noch ein anderer, geheimnisvoller Sinn verborgen ist, als der, den die Redenden meinen, und dass die unsichtbare Kraft der Rede größer ist als die Kraft der Dinge. Seine Hand, die auf des Narren Schulter lag, wurde schwer wie Blei und seine Stimme zitterte leise, als er fragte: „Sage mir, Giovanni, warum nennst du mich einen Narren?“ Der Narr deutete auf den Stein, schüttelte mürrisch den Kopf, als wollte er nicht weiter reden, gab aber gleichwohl Antwort und sprach: „Jeden Tag gehst du hier vorüber und jeden Tag siehst du den Armen hier im Schlamm und Unrat liegen. Meinst du nicht, dass ihm wohler wäre, er läge in der Sonne? Die Menschen nennen dich den Guten, und du lässt es dir gefallen und bist stolz darauf. Aber den da lässt du verkommen im Elend, wie alle anderen auch. Wo ist deine Güte, du Narr?“

 

Da presste der Heilige die Hand aufs Herz, in großem Weh, denn er sah die Seele des Narren vor sich ausgebreitet liegen in namenloser Schönheit, er sah ihren wundervollen Willen zum Guten und ihre überschwängliche Liebe, und seine eigene Seele kam ihm hart und beschmutzt vor wie der Stein, der im Unrat lag. Er kniete an der Seite des Narren nieder und sagte leise: „Du sprichst die Wahrheit, Giovanni, ich will dir helfen und den Stein heben.“ Und des Heiligen reine Hände griffen in die trübe Flut und fassten den Stein, der Narr aber packte ihn am anderen Ende, sie zerrten und hoben mit großer Gewalt, und endlich lag der Stein im Gras zu ihren Füßen. Der Narr aber reinigte ihn und murmelte unverständliche Worte. Und zu dem Heiligen sprach er: „Geh jetzt deiner Wege, ich brauche dich nicht mehr.“ Aber der Heilige blieb regungslos stehen und wappnete seine Seele mit Barmherzigkeit und sprach: „Ich bitte dich, Giovanni, dass du mich bei dir lässt für eine kurze Weile.“ Und als der Narr keine Antwort gab, ließ sich Bruder Franziskus an seiner Seite nieder, und sein gequältes Herz schrie zu Gott: „Herr, lehre mich, wie ich seine Bande lösen kann! Siehe, er liebt dich sehr, und er ehrt dich noch im toten Stein. Herr, hilf ihm! Und wie er saß, fiel ihm das Wort ein, das im Volk ging: wenn der Narr einmal lachen könnte, wäre er geheilt. Und der Heilige sann hin und her, und suchte alle Kammern seines Geistes ab, dass er vielleicht eine schalkhafte Geschichte finden könnte, um den Narren zu erheitern. Aber wie er auch dachte und grübelte, alles schien ihm armselig und schal und ohne Glanz. Sein Haupt sank mutlos auf die Brust und ihm war gar trüb zumute.

Unterdessen kam ein Hündlein des Weges, schnupperte auf der Erde herum, als hätte es etwas verloren, hob die Nase in die Luft, als wollte es das Wetter prüfen, legte sich endlich auf den Rücken ins Gras und wälzte sich im Übermut auf der Wiese herum. Vom Wald her kam lautes Krächzen an des Heiligen Ohr, und als er die Augen hob, sah er einen kohlschwarzen Raben von einem Baum auffliegen und quer über die Wiese streichen. Hinter ihm her aber flog eine kleine weiße Taube, und es sah gar lieblich aus, als segle ein flinkes, weißes Segelschifflein im Schatten und Kielwasser einer hohen schwarzen Barke. Und das Hündlein, das im Gras lag, sprang erschreckt auf die Beine, denn der Schatten des Raben mochte ihm wohl über die Nase gefahren sein, und es jagte in großen Sätzen hinter den Schatten her und bellte zornig und wollte die Schatten fressen.

 

Der Heilige aber, der dies alles sah, lachte leise auf und lachte noch einmal und lachte zum drittenmal. Und so fröhlich war sein Lachen und klang so wunderbar von seinem Mund, als wenn man mit dem Finger leise an eine Glocke stößt. Der Narr aber schaute ihn verwundert und mürrisch von der Seite an und fragte: „Was hast du zu lachen?“ Da deutete der Heilige auf die Vögel, die schon weit weg waren und auf den Hund, der hinter ihnen her bellte, und rief: „Siehst du es nicht, Giovanni?“ Der Narr jedoch sah nicht, was der Heilige sah, und schüttelte den Kopf. Aber des Heiligen Augen glänzten vor Freude, denn er fühlte, dass Gott bei ihm stand in dieser Stunde, und dass des Narren Seele in seine Hand gegeben war. Er rückte an den Narren heran und sprach und seine Stirn leuchtete und die Worte überstürzten sich, als er sprach: „Giovanni, mein Freund, ich muss dir eine Geschichte erzählen. Höre mir gut zu, Lieber, und unterbrich mich nicht.“ Und des Heiligen gute Hand lag auf des Narren Arm, und sein gebenedeiter Mund, aus dem Segen auf Segen floss zu jeder Stunde, lag dicht an des Narren Ohr. Und der Heilige erzählte dem Narren eine Geschichte von einem kohlschwarzen Raben, einer schneeweißen Taube und einem Hündlein, das ihren Schatten fressen will...

 

Es ist uns aber nicht gesagt, welcher Art das Geschichtlein gewesen ist, und seine Worte sind uns nicht bewahrt. Und wenn wir sie auch wüssten, was wäre das? Wir würden sie nicht weiter erzählen und wir könnten es nicht. Es ist keiner unter uns, der es vermöchte; denn sind Worte nicht taub und blind ohne den, der sie spricht? Und wer wollte sich zutrauen, das Geschichtlein so zu erzählen, wie der Beste der Menschen es tat? Ist einer unter uns, dessen Herz in Gottes Händen ruht zu aller Zeit, dessen Hände mit Kraft gesegnet sind vom stärksten der großen Engel, in dessen Mund die Güte nicht erstirbt und in dessen Augen ein Leuchten steht, gewaltig, wie das Leuchten des jüngsten Tages? Ist einer, der in die Sonne blicken darf, wenn sie hoch im Mittag steht und zu ihr sagen: liebe Schwester? Wo ist der, dem die Vögel des Himmels auf die Schultern fliegen und in ihren Kehlen Worte des Geheimnisses bringen; dessen Augen und Ohren entsiegelt sind für die zarten Wunder von Busch und Kraut, um dessen Lippen ein Lächeln liegt, wie es um die Lippen des Heiligen lag? Lebt einer, dem dies alles gegeben ist, wohl, so weiß er, was der Heilige sprach, fehlt ihm aber eines von diesen Dingen, so weiß er es nicht und wird es nie erfahren... Uns aber ist wenig Kraft verliehen, unsere Worte sind klein und gebrechlich, und wir können nichts tun, als das Lob des Heiligen stammeln, auf dass sein Pries nicht erstirbt unter den Menschen.

 

Der Heilige erzählte und der Narr hörte ihm zu. Die Hand aber, die auf des Narren Arm lag, bewegte sich im Steigen und Fallen der Rede, wie eine Hand, die ein köstliches Saitenspiel rührt. Der Mund an des Narren Ohr formte süßen Wohllaut der Rede, und der Heilige ergötzte sich an der Lieblichkeit seines eigenen Geistes. Und ihm war, und er spürte es in seiner Seele tiefstem Kern, dass eine andere Stimme aus ihm sprach, so als läge sie verborgen an der Wurzel seiner Zunge und spräche durch seinen Mund als durch ein williges Werkzeug.

 

Es muss aber eine gewaltige und wunderbare Geschichte gewesen sein und alle Kraft der Gnade muss in ihr gewirkt haben und alle Heiterkeit des Himmels in ihr gespiegelt gewesen sein, denn jedes Wort fiel in des Narren Seele, und jeder Laut zerschlug ein Glied der Kette, die um des Narren Geist geschlungen war und ihn in Fesseln hielt. Und es war, als fielen Masken von des Narren Antlitz, als würde sein Antlitz umgeschmiedet im Feuer eines neuen Geistes. Und der Narr sah, wie viele Schleier sich vor ihm hoben, wie das Angesicht der Erde vor ihm aufstieg, klarer und immer klarer, und wie ein neues, liebliches und unerhörtes Licht über alles Dasein strömte. Seine fest geschlossenen Lippen öffneten sich leicht, als tränken sie Licht, und sein Mund lächelte, das erste Lächeln eines Kindes.

Da fiel er zu Füßen des Heiligen nieder und barg sein Antlitz an der Erde wie ein Blindgeborener tut, den das Glück des ersten Strahles überwältigt, und seine Lippen stammelten: „Herr, Herr!“ Der Heilige aber verwunderte sich sehr, als er dies sah, und ein großes Staunen war in ihm ob der Macht seines Mundes. Er hob den Narren auf und zog ihn an seine Brust, und als er dessen Augen sah, weinte er und sprach: „Bruder, dich hat Gott geheilt.“ Aber der Narr neigte sich tief und sprach: „Herr, sie nennen dich den Guten, und sie sagen die Wahrheit. Davon will ich zeugen, so lange ich lebe. Lege die Hände auf mich und segne mich.“ Da schüttelte der Heilige das Haupt und sprach leise: „Wie könnte ich dich segnen, Giovanni? Bist du nicht neugeboren in diesem Augenblick, und ist dein Herz nicht rein wie eines Kindes Herz? So bitte ich dich, wenn es dir gefällt, du mögest mich segnen.“

 

Der Narr legte die Hände auf des Heiligen Haupt und segnete ihn im Namen des Herrn.