F wie Französische Revolution

Die Schwester des Blutmannes

 

Eine Episode aus den Tagen der französischen Schreckensherrschaft.

 

Luzien Bourdon war eines der gefürchtetsten Häupter der französischen Schreckensherrschaft. Seine Grausamkeit, seine Blutgier flößten oft sogar den anderen Gewalthabern, denen ein menschliches Leben doch auch nicht viel galt, Entsetzen und Widerwillen ein.

 

Luzien Bourdon hasste alle Menschen, besonders den Adel. Warum ihm eigentlich der Adel so zuwider war, dafür fehlte ihm die Erklärung. Es hatte ihm noch kein Edelmann etwas zuleide getan, ja, einer adeligen Dame, der Gräfin von Saint Etienne, hatte seine Familie die Rettung vom Untergang und die Begründung ihres Wohlstandes zu danken. Aber mochte Luzien dies vergessen haben oder mochte ihn sonst ein Grund dabei leiten, die Tatsache blieb bestehen: er hasste die Adeligen und es gewährte ihm eine diabolische Freude, möglichst viele von ihnen der Guillotine zuzuführen.

 

Wenn es vorhin hieß, Luzien Bourdon hasse alle Menschen, so ist dies nicht ganz richtig. Ein Wesen gab es, das er nicht hasste, das er sogar mit aller Zärtlichkeit liebte, deren sein verhärtetes Herz noch fähig war und dieses Wesen war seine jüngste, kaum den Kinderschuhen entwachsene Schwester Yvonne.

 

Yvonnes Gemüt hatte das Gift der Jakobiner noch nicht eingesogen, es war noch ebenso gut und rein, als es aus den Händen ihrer verstorbenen Mutter und ihrer Erzieherinnen, der Schwestern von Notre Dame, hervorgegangen war. Sie huldigte nicht der Göttin der Vernunft, sondern betete noch immer in den verwüsteten Kirchen; sie weinte bitterlich, als ihr Beichtvater und väterlicher Freund, der Abbé Gounod, ins Ausland fliehen musste, und als man ihre geliebten Lehrerinnen zum Schafott führte, begleitete sie diese mutig und betend bis zu den Stufen des furchtbaren Mordwerkzeuges. Ihren Bruder liebte die Kleine zärtlich, aber sie war nicht imstande, seinen harten Sinn zu mildern. Sie konnte nur für die Rettung seiner Seele beten und das tat sie täglich zu ungezählten Malen.

 

Eines Morgens, beim Frühstück, legte Yvonne Bourdon mit einer Bewegung des Schreckens die Liste der Verdächtigen aus der Hand.

 

„Luzien, hier steht ja auch die Gräfin Hortense von Saint Etienne?“

 

„Ich weiß es. Ich habe sie selbst auf die Liste setzen lassen“, entgegnete der Bruder kalt.

 

„Luzien, du willst sie in das Gefängnis schleppen lassen?“

 

„Sie befindet sich bereits dort.“

 

„Du willst die Gräfin der Guillotine überantworten?“

 

„Der Guillotine wird ihr Kopf allerdings verfallen.“

 

Yvonne brach in Tränen aus. „Die alte, ehrwürdige Dame! Luzien, ist dir denn das Gefühl der Dankbarkeit ganz abhandengekommen? Oder hast du vergessen, dass es die Gräfin war, welche die Schuld unseres Vaters tilgte, als ihn der hartherzige Gläubiger in den Kerker werfen lassen wollte? Dass sie es war, die ihm, dem tüchtigen, aber armen und darum beschäftigungslosen Goldschmied, Kunden in ihren Kreisen warb, so dass er zu Wohlstand gelangen konnte? Das Vermögen, von dem wir heute noch zehren, verdanken wir nur ihr.“

 

„Du irrst, Kind! Dieses Vermögen ist schon längst verzehnfacht durch die Güter des Adels“, entgegnete Bourdon ebenso kalt wie zuvor.

 

„Du hasst die Gräfin, weil dich ihre Nichte abwies, als du ihr deine Liebe gestanden hast. Was kann aber die alte Frau dafür? Sie war uns immer wohl gesinnt. Und war es denn Hochmut, der Luise bewog, deine Hand abzulehnen? Sie musste es tun. Sie hatte sich bereits einem Höheren angelobt, war die Braut des Heilandes.“

 

„Lass uns davon schweigen, Yvonne!“

 

„Gib die Gräfin frei, Bruder, ich flehe dich an!“

 

„Unmöglich!“

 

„Ich beschwöre dich bei dem Andenken unserer Eltern!“

 

„Ich kann nicht. Und wenn ich auch wollte, es ist mir nicht möglich, jetzt noch den Lauf des Schicksals zu hemmen. Die Bürgerin Hortense ist dem Henker verfallen.“ Mit harten, dröhnenden Schritten verließ der unerbittliche Mann das Zimmer.

 

Yvonne hob die gefalteten Hände empor. Ein todesmutiger Entschluss strahlte aus ihren schönen Augen. „Die Wohltäterin meines Vaters soll nicht dem Henkerbeil verfallen“, flüsterte sie. „Ich werde sie retten.“

 

Am Abend desselben Tages verließ die Gräfin von Saint Etienne als Yvonne Bourdon das Gefängnis und floh aus Frankreich. Das junge Mädchen nahm an ihrer Stelle die Kerkerhaft auf sich.

 

Es war der Schwester des gefürchteten Schreckensmannes nicht schwer geworden, Einlass in das Gefängnis zu erhalten und niemand hatte Verdacht geschöpft, als die Edeldame in ihren Kleidern dasselbe verließ. Die Zellen waren überfüllt und täglich kamen neue Gefangene. Wie konnten da die Kerkermeister im Gedächtnis behalten, welche Gestalt und Züge gerade die Bürgerin Etienne gehabt? Die Frauen aber, die mit Yvonne den Kerker teilten, schwiegen.

 

Zwei Wochen später, als die Gräfin längst außer Landes war, rief man sie vor das Revolutionstribunal. Wie erschrak aber Bourdon, der den Vorsitz führte, als statt der gehassten Edeldame seine seit vierzehn Tagen spurlos verschwundene Schwester vor ihm erschien!

 

„Ich habe der Gräfin zur Flucht verholfen“, bekannte sie offen, „und ich freue mich, dass ich es getan habe.“

 

„So stirb auch an ihrer Stelle“, schrie Luzien, aufflammend in wilder Wut, und Yvonne Bourdon wurde zum Tod verurteilt.

 

Ruhig hörte sie das Urteil an . . . .

 

Am anderen Morgen führte man sie zum Tode. Der Wagen, auf dem sie neben elf Leidensgefährtinnen saß, rollte an ihrem Vaterhaus vorüber und sie grüßte es zum letzten Mal mit ihren Blicken.

 

Luzien hatte den Wagen gehört. Er presste die geballten Fäuste an seine Schläfen. Jetzt führte man seine einst so innig geliebte Schwester zum Blutgerüst, zu dem er sie selbst verurteilt hatte.

 

Und mit einem Mal wachten die Erinnerungen in ihm auf, die er bislang sorglich in Schlummer gehalten hatte: die Erinnerung an seine Kindheit, an seine fromme Mutter, seinen gerechten, menschenfreundlichen Vater; die Erinnerung an die Zeit, in der er neben beiden gekniet und die kleinen, noch nicht mit Blut befleckten Hände zum Gebet gefaltet hatte. Und neben ihm kniete seine unschuldsvolle Schwester, dieselbe, die heute die Schuld der Undankbarkeit sühnte, die er auf sich geladen hatte.

 

Ein heiserer Schrei entfuhr seinen Lippen und barhaupt, ohne Mantel, stürzte er die Treppe hinab und den Weg entlang, den der Karren genommen hatte. Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte er sie noch retten! Dem Wort des gefürchteten Machthabers beugten sich ja alle, es musste auch das Beil des Henkers hemmen.

 

Als er bei dem Blutgerüst anlangte, zeigte der Scharfrichter eben ein blutbeflecktes Haupt der johlenden Menge. Bourdon erkannte die reinen, noch im Tod schönen Züge seiner Schwester und kraftlos brach er in die Knie.

 

Eine hohe, in ein dunkles Gewand gekleidete Frauengestalt, an deren Gürtel ein Kreuz funkelte, beugte sich zu ihm nieder und richtete ihn auf.

 

„Ihr kommt zu spät, Luzien Bourdon, Eure Schwester kann Euch kein Lebewohl mehr sagen“, sprach sie mit ernster Stimme. „Aber ihr letzter Gedanke galt Euch, ihr letztes Wort war ein Gebet für Euch. Lasst es nicht vergebens gesprochen sein; Luzien, kehrt um!“

 

Schon riss man die Nonne hinweg. Eine Minute später zeigte der Henker den jubelnden Hyänen der Guillotine ein zweites Frauenhaupt . . . .

 

Bourdon schauerte zusammen. Das war Luise von Saint Etienne gewesen, die Geliebte seiner Jugend. Ob auch ihr letztes Wort ein Gebet für ihn, ihren Mörder, gewesen war?

 

Lautlos brach der starke Mann neben dem Blutgerüst zusammen.

 

Einige Tage später erzählte man sich im Klub der Jakobiner, dass der Bürger Bourdon Frankreich verlassen habe. Er sei nach Rom geflohen, ein Abtrünniger an dem großen Gedanken der Freiheit . . . .

 

Viele Jahre später, als die Schreckensherrschaft in Frankreich längst gebrochen, Napoleons Siegeszug durch Europe bereits zu Ende war und sich um den französischen Thron wieder die goldenen Lilien schlangen, starb in einem italienischen Trappistenkloster ein Mönch eines heiligmäßigen Todes. In tiefer Erbauung knieten die Brüder neben seiner Leiche. Die Annalen des Klosters hatten noch keinen solchen Büßer verzeichnet.

 

Der Mönch war Luzien Bourbon, der Blutmann von Paris. Yvonnes Gebet war nicht vergebens gesprochen worden.

 

Die seligen Karmeliterinnen von Compiégne

 

Unter den blutigen Tagen der französischen Revolution, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts Frankreich durchtobte, wird der 17. Juli 1794 stets in besonderer Erinnerung bleiben. Es ist der Todestag der 16 Karmeliterinnen, deren Namen am 27. Mai 1906 von Papst Pius X. dem Verzeichnis der Seligen hinzugefügt wurden. Man darf sie die Blumen der französischen Revolution nennen; sie starben als mutige Bekennerinnen des Glaubens und werden in der katholischen Kirche nun für immer als Märtyrerinnen verehrt werden. Ihre Namen sind folgende: Mutter Theresia vom heiligen Augustin, Priorin, dann die Schwestern Maria Anna vom Kreuze, Charlotte von der Auferstehung, Maria Anna vom heiligen Ludwig, Maria Antoinette vom Herzen Jesu, Euphrosia von der Unbefleckten Empfängnis, Theresia vom heiligen Ignatius, Franziska Gabrielle von Croissy (Henriette von Jesus), eine Großnichte Colberts, des ersten Ministers Louis XIV., Rosa Christine de la Neuville, Anna Pelras (Henriette), Maria Johanna Meunier (Konstanze), Novizin, Antoinette Roussel (vom Heiligen Geist), Maria Donfous (Martha), Julia Berolat vom heiligen Franziskus, die beiden Schwestern Katharina und Theresia Soiron.

 

Das Karmeliterinnen-Kloster zu Compiégne wurde im Jahr 1647 gegründet. Es stand unter dem besonderen Schutz des Königs und der Königin von Frankreich und war berühmt durch seine klösterliche Zucht, Frömmigkeit und Ordnung. Vor Ausbruch der Revolution zählte das Kloster 16 Chornonnen, 3 Laienschwestern (Konverse) und 1 Novizin, sowie 2 weltliche Dienerinnen. Der Sturm gegen die Klöster nahm seinen Anfang im Jahr 1790. Am 5. August dieses Jahres unterdrückte die konstituierende Nationalversammlung die Konvente, indem sie die religiösen Gelübde für null und nichtig erklärte und den Ordensleuten nahelegte, von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen und aus den Klöstern hinauszugehen. Da aber hiermit keine direkte Schließung der Klöster verfügt war, blieben die Karmeliterinnen an ihrer gottgeweihten Stätte und erfüllten dort nach wie vor mit heiligem Eifer ihre religiösen Pflichten. Doch ihre Ruhe sollte nicht lange dauern. Am 14. September 1792, dem Fest Kreuz-Erhöhung, wurden sie von Compiégne ausgewiesen und gezwungen, ihr Kloster zu verlassen. Mehrere der Schwestern waren damals schon über 80 Jahre alt. Man ließ sie nicht ruhig sterben an dem Ort, an dem sie dem lieben Gott so lange gedient hatten; in ihren alten Tagen mussten sie die Stätte, die sie in langen Jahren liebgewonnen hatten, verlassen.

 

Die Klosterfrauen bezogen nun drei Privatwohnungen. Dort lebten sie ebenso zurückgezogen wie in ihrem Kloster. Sie gingen nie aus, außer um zum gemeinschaftlichen Gebet zusammen zu kommen. So war ihr Leben auch jetzt noch das Leben der Bräute Christi, die der Welt entsagt haben und nur für Gott leben.

 

Die Vertreibung aus dem Kloster war für die Karmeliterinnen gewiss hart gewesen. Doch sie sollten bald noch mehr zu dulden haben; sie sollten nicht umsonst Schülerinnen Dessen sein, der für uns das schwere Kreuz getragen hat, der für uns am Kreuz gestorben ist. Das revolutionäre Überwachungs-Komitee beschuldigte die Karmeliterinnen des Versteckthabens von Waffen in ihren Wohnungen und eines Komplotts gegen den Staat. In dem diesbezüglichen Schriftstück heißt es: „Das Überwachungs-Komitee wurde aufmerksam gemacht, dass die ehemaligen Karmeliterinnen, die sich in drei oder vier Abteilungen dieser Stadt (Compiégne) verteilt haben, sich jeden Abend heimlich vereinen. Da sich in Registern nun schon eine Anzeige befindet, dass die genannten Frauen noch nach dem fanatischen Regime ihres Klosters leben; ferner in Erwägung, dass zwischen ihnen und den Fanatikern von Paris ein verbrecherischer Briefwechsel stattfinden kann, dass man also genügend Grund hat, über diese vom Fanatismus eingegebenen Vereinigungen in ihren Häusern, den Verdacht eines Komplottes zu haben, beschließt das Komitee, dass von seinen Mitgliedern in den verschiedenen Wohnungen der genannten Frauen eine Hausdurchsuchung stattfinde und dass jede von ihren Abteilungen von einer genügenden Anzahl Dragoner eskortiert werde.“

 

Die Hausdurchsuchung fand statt. Man fand nicht viel, einige wenige Briefe, die an die Oberin und an zwei andere Schwestern gerichtet waren und einige andere Dinge ohne Belang. Doch das reichte den Glaubenshassern hin, die Schwestern als Gefangene nach Paris zu schicken, damit sie wie als Verbrecherinnen abgeurteilt würden. Nach einer beschwerlichen Reise, welche die Klosterfrauen mit kreuzweise auf den Rücken gebundenen Händen, auf einem elenden Karren sitzend, hatten zurücklegen müssen, langten sie am Morgen des 13. Juli 1794 in der Hauptstadt an. Hier wurden sie einige Tage in das Gefängnis geworfen und sodann vor eine sogenannte „Gerichtssitzung“ geführt. Vorsitzender derselben war ein gewisser Scellier, Sohn eines Tuchhändlers aus Compiégne. Das Urteil über die ehrwürdigen Klosterfrauen war schon bestimmt, noch ehe die Verhandlung stattfand.

 

Der öffentliche Ankläger beschuldigte die Schwestern, dass sie, obgleich ihre Wohnungen getrennt lagen, doch zusammengekommen seien, wohl zu keinem anderen Zweck, als um gegen die Revolution zu arbeiten und das französische Volk wieder den Händen der Tyrannen und der blutdürstigen Priester auszuliefern. „Zu diesem Zweck“, behauptete er weiter, „hatten diese Frauen Waffen in ihrem Haus verborgen.“

 

Da zeigte die Oberin ein Kruzifix und sagte: „Hier, Bürger, dieses ist die einzige Waffe, die wir, das gebe ich zu, immer in unserm Haus hatten.“

 

Der Ankläger fuhr fort und sprach von fanatischen Korrespondenzen, welche besonders die Oberin, sowie die Schwestern Thouret (Schwester Charlotte von der Auferstehung, 79 Jahre alt) und Dufono (Schwester Martha, 83 Jahre alt) unterhalten hätten.

 

Da nahm die Oberin wieder das Wort und fragte: „Bürger, wollen Sie uns sagen, was Sie unter dem Wort fanatisch verstehen?“

 

Der Ankläger suchte dieser Frage auszuweichen und die Oberin musste ihre Frage noch einmal wiederholen, indem sie zugleich aufmerksam machte, dass es Pflicht der Richter sei, auf die sachlichen Fragen eines Angeklagten zu antworten. Da entgegnete der Ankläger: „Unter fanatisch verstehe ich Eure Anhänglichkeit an einen kindischen Glauben, Eure dummen Religionsübungen.“

 

„Werden wir also deswegen gerichtet?“

 

„Ja, deswegen.“

 

Da wandte sich eine der Schwestern an die Oberin und rief mit lauter Stimme: „Liebe Mutter, liebe Mitschwestern, Ihr habt gehört, wie der Ankläger erklärt, dass wir verurteilt werden wegen unserer Anhänglichkeit an unseren heiligen Glauben. Können wir uns ein schöneres Lebensende wünschen? Lasst uns daher herzinnigst Demjenigen danken, welcher uns als Erster den Weg zum Kalvarienberg gezeigt hat. O, welche Glückseligkeit, zu sterben für unseren Gott!“

 

Die Schwestern wurden ohne jede weitere Verteidigung zum Tode verurteilt. Das Urteil sollte sofort vollstreckt werden. Die Schwestern erschraken nicht. Sie erneuerten ihre Gelübde und stimmten dann auf dem Weg zum Richtplatz das Veni Creator und nach dessen Beendigung das Salve Regina an. Wohl nie mag dieses Bittgebet so innig und mit solcher Andacht zum Thron der Himmelskönigin, der Helferin in aller Not, emporgestiegen sein, wie es hier geschah. „Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unser Leben, unsre Wonne und unsre Hoffnung, sei gegrüßt! Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas; zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu, und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.“ Da war der Henkerkarren am Richtplatz angekommen. Schwester Konstanze, die 28 Jahre zählte und die jüngste der Schwestern war, bat die Oberin, zuerst sterben zu dürfen. Sie ließ sich segnen und beugte dann ihr Haupt zum Todesstreich. Schwester um Schwester stieg die Stufen des Schafotts hinan und bot als treue Bekennerin des Glaubens ihr Haupt dem Henkerbeil. Die Oberin musste der Hinrichtung aller Schwestern zusehen und wurde dann als letzte enthauptet.

 

Die Leiber der Märtyrerinnen wurden mit den übrigen Opfern der Revolution auf dem Friedhof beigesetzt. Im Jahre 1898 errichtete man ihnen dortselbst ein Denkmal mit der Inschrift: „Dem Andenken der 16 Karmeliterinnen von Compiégne, gestorben für den Glauben am 17. Juli 1794.“ Am 23. Februar 1896 begann der Kardinal-Erzbischof von Paris den Ordinariatsprozess für die Seligsprechung der Karmeliterinnen. Am 16. Dezember 1902 erließ Papst Leo XIII. ein Dekret, mittels dessen die Märtyrerinnen für verehrungswürdig erklärt wurden; am 22. Juni 1903 begann der apostolische Prozess, welcher am 27. Januar 1904 beendet wurde. Am 24. Juni 1905 erließ der Heilige Vater Papst Pius X. das Dekret, in welchem die 16 Karmeliterinnen als Märtyrerinnen anerkannt wurden und die Erlaubnis zur Seligsprechung gegeben wurde, die dann am 27. Mai 1906 in feierlicher Weise stattfand.

 

Die Seligsprechung der seligen Karmeliterinnen von Compiégne fällt nach Gottes weiser Vorsehung gerade in eine Zeit, in welcher die Kirche in Frankreich neuen Verfolgungen ausgesetzt ist, in welcher man an vielen Orten sucht, durch modernen Unglauben die Treue im christlichen Glauben wankend zu machen. Es ist, als wolle der liebe Gott uns in der Zeit, wo das Bekenntnis des Glaubens so vielen Schwierigkeiten begegnet, ein leuchtendes Beispiel vor Augen stellen, welches uns zeigen soll, wie wir im Bekenntnis des einen wahren Glaubens treu und fest bleiben sollen, bereit, lieber alles zu opfern, als den Glauben zu verlieren. Das Gebet aber, das die seligen Märtyrerinnen auf ihrem Todesgang zum Thron der lieben Gottesmutter emporsandten, um ihre Fürbitte für die Todesstunde anzurufen, das „Sei gegrüßt, o Königin“, soll auch eines unserer Lieblingsgebete sein, mit dem wir uns in allen Anliegen des Leibes und der Seele an die glorreiche Himmelskönigin wenden. Die seligen Märtyrerinnen von Compiégne aber, diese leuchtenden Bekennerinnen, wollen wir anrufen, dass sie uns die Kraft erflehen, unseren Glauben immer und überall treu zu bekennen und nach demselben zu leben bis zum Tod.

 

Ein goldenes Kruzifix

 

Es ist bekannt, dass in der Französischen Revolution in den Neunzigerjahren des 18. Jahrhunderts das Volk einmal nach Versailles zog, wo sich der königliche Hof aufhielt, in das Schloss drang und Taten verübte, die man nicht gern erzählt. Damals wurde gestohlen und geraubt, und mancher, der dabei war, hat sich später geschämt und ist seines Raubes nicht froh geworden, wie denn unrecht Gut nicht gedeiht, weil es den Fluch Gottes in sich trägt.

 

Einer, der auch dabei war, hatte unter anderen Dingen ein in den Kot getretenes Kruzifix aufgerafft und mitgenommen. Er hatte gemeint, er hätte etwas Rechtes erwischt, aber es schien ihm nichts wert, und er warf es, wütend, dass er sich damit geplagt, in eine Ecke unter altes Gerümpel. Dort lag es bis zum Jahr 1834, in welchem jener Mann, der ein Gewürzkrämer geworden, starb. Frau und Kinder hatte er nicht; daher ließen seine Anverwandten Hab und Gut durch einen Notar versteigern. Die Leute aus der Vorstadt kamen zusammen und die Versteigerung begann.

 

In dieser Vorstadt wohnte ein junger Maler, dem es gar hart ging. Er war zwar sehr geschickt, aber er hatte kein Geld; er hatte auch keine vornehmen Freunde, die ihn empfehlen konnten und so saß er brotlos in seinem engen Dachkämmerlein und verzweifelte fast. Erst in der letzten Zeit hatte ein Wirt seinen Saal ausmalen lassen und da er fast am Verhungern war, so dünkte ihm diese Arbeit nicht zu gering. Eine fromme Mutter hatte ihn früh beten gelehrt, und die Not, die er litt, setzte das gute Werk in ihm fort. Er war fromm und bewahrte ein reines, gottesfürchtiges Herz. Das war in Paris eine Seltenheit! Zwar spotteten seine Bekannten über ihn, dass er den Sonntag heiligte, regelmäßig zu den heiligen Sakramenten ging, dass er Gottes Wort las, dass er den Rosenkranz nicht nur bei sich trug, sondern auch betete; aber das machte ihn nicht irre. Er blieb dem heiligen Zug seines Herzens treu. Er hatte bis jetzt jede Nacht auf einem Strohsack ohne Leintuch geschlafen, weil seine Armut es nicht anders zuließ. Nun hatte er bei dem Ausmalen des Saales Geld verdient und wollte es nützlich anwenden. Er hörte von der Versteigerung in seiner Nachbarschaft, erkundigte sich vernahm, der Gewürzkrämer sei ein sehr reinlicher Mann gewesen, habe noch ein neues gutes Bett und auch Leintücher dazu, die er wohlfeil würde ersteigern können. Der junge Mann hatte an dem Saal 300 Franken verdient, dafür hatte er sich Kleider, Hemden, Schuhe und Stiefel gekauft. Nun waren noch 100 Franken übrig.

 

„Wirst du dafür ein Bett bekommen?“ fragte er sich mit schweren Sorgen und Ängsten. – Auf solchen Versteigerungen geht`s manchmal seltsam zu. Sind viele Liebhaber da, so wird das alte Gerümpel teuer; fehlt es daran, so kommt das Gute um ein Geringes an den Mann. So war es bei der Versteigerung im Haus des alten Gewürzkrämers auch. Unser Maler ersteigerte das gute Bett nebst dazu gehörigem Weißzeug für das Wenige von 75 Franken. Sein Herz jubelte. Sogleich zahlte er aus und ließ sich alles in seine Wohnung tragen. Kein König war reicher und glücklicher als er! Nun blieben ihm noch 25 Franken. „Geh` noch einmal auf die Versteigerung“, sagte er zu sich selbst, „vielleicht kannst du noch etwas, was du gebrauchen kannst, wohlfeil kaufen.“ Gedacht, getan.

 

Er geht wieder hin; aber die Versteigerung ist beinahe zu Ende. Nur noch das alte Gerümpel, das in der Ecke des Speichers liegt, wird unter Spotten und Lachen ausgeboten. Da kommt auch ein Kruzifix, das mit Staub und dickem Schmutz bedeckt ist, an die Reihe. Es geht von Hand zu Hand. „Es ist von Blei!“ ruft einer; „ich gebe einen halben Franken dafür!“ – „Einen Franken!“ ruft ein anderer. Den Maler durchrieselte es eiskalt. „Entziehe der Rohheit das Bild des Heilandes, das Zeichen des Kreuzes!“ dachte er, und bot laut: „Fünf Franken!“ Der Notar überreicht ihm das Kreuz mit einer spöttischen Verbeugung; aber der Maler zahlt sein Geld, nimmt unter allgemeinem Lachen das Kruzifix in Empfang und verlässt das Lokal, voll Scham und Ärger über die Rohheit dieser Menschen und kehrt in seine Wohnung zurück. Er stellt das Kruzifix auf einen Ecktisch und macht noch einen Spaziergang, legt sich dann beizeiten nieder und schläft wie ein König.

 

Als er am anderen Morgen erwacht, fällt sein Blick auf das schmutzbedeckte Kruzifix. Er denkt: „Reinige es einmal!“ Nun nimmt er eine Bürste und beginnt von dem Fuß desselben den Kot zu entfernen. Da sieht er Buchstaben – es ist der Name: Benvenuto Cellini, den er mit großem Erstaunen liest. Dieser Benvenuto Cellini war in Florenz geboren und ein hochgeehrter Künstler, der meist nur für Fürsten und Könige arbeitete; seine Arbeiten wurden ungemein teuer bezahlt. Dieses Kruzifix war durch eine Königin von Frankreich nach Paris und dann in das Schloss von Versailles gekommen. Wäre es auch nur von Kupfer gewesen, so hätte es als eine Arbeit des berühmten Benvenuto Cellini einen hohen Wert gehabt. Der arme Maler wusste aber, dass der hochangesehene Benvenuto Cellini nur in Gold und Silber gearbeitet hatte, und dachte gleich: „Hier steckt etwas dahinter!“

 

Er macht sich, vor Freude zitternd, daran, das Kruzifix zu reinigen, und bald glänzt ihm ein herrliches Kunstwerk aus gediegenem Gold entgegen! Wer beschreibt seinen freudigen Schrecken. Ihm gegenüber wohnt ein Goldschmied. Zu dem geht er und zeigt ihm sein Kruzifix. „Herr“, ruft der, „Sie haben einen doppelten Schatz! Denn einmal ist es ein Kunstwerk von außerordentlicher Schönheit und dann ist es ein gediegenes, reines Gold! Lasst es uns einmal Wägen!“ Mit freudigem Schreck sah alsbald der Maler, dass es 20 Pfund wog. „Sie sind ein reicher Mann“, hub darauf der Goldschmied wieder an; „denn der alleinige Wert des Goldes ist etwa 50 000 Franken. Die will ich Ihnen noch heute dafür bezahlen. Wird Ihnen auch der Kunstwert bezahlt, so mögen Sie ohne Zweifel auf 60 000 Franken rechnen und selbst noch mehr, je nachdem der Liebhaber ist. Ich habe mancherlei Verbindungen am Hof und will Ihnen behilflich sein.“

 

Das nahm der Maler dankbar an, und schon am Nachmittag wurde er zum König beschieden. Als der König das Kruzifix sah, war er außer sich vor Bewunderung und kaufte es sogleich für 60 000 Franken. So war es wieder in die Hände des ursprünglichen Eigentümers zurückgelangt. Nun aber musste ihm der Maler erzählen, wie er dazu gekommen, was er offen und ehrlich tat. Mit großer Teilnahme hörte der König zu, freute sich über seinen frommen Sinn und merkte bald, dass er es mit einem wohl unterrichteten jungen Mann zu tun habe. Endlich sagte der König: „Sie können Morgen wieder kommen und mein Bild malen.“ Das galt dem Maler noch mehr als die 60 000 Franken; denn nun konnte er einmal seine Kunst zeigen und an den Mann bringen. Genügte er dem König, so brauchte er nicht mehr um Arbeit zu sorgen. Er kam und vollendete das Bild zu des Königs größter Zufriedenheit. Dies wurde bekannt und bald war der Name des Malers in aller Leute Mund. Er bekam Bestellungen auf Bilder, und Gott segnete ihn sichtlich.

 

Wer wollte den Finger Gottes darin verkennen? O, der ist in so viel tausend Begebenheiten sichtbar, wenn wir Ihn nur sehen wollen. Wer sich offen zu dem gekreuzigten Heiland bekennt, zu dem bekennt auch Er Sich. Wer vor allem nach dem Himmlischen trachtet, dem fällt auch vom Irdischen das Nötige zu.

 

Aufwärts, Herz:

Schau` himmelwärts!

Sei`s am Abend, sei`s am Morgen,

Sei´s in Freuden, sei`s in Sorgen,

Sei`s in bitt`rer Leidensstund`,

Immer sprich mit Herz und Mund:

Aufwärts, Herz!

Schau` himmelwärts!