Fahnenwahl

 

Kaum war der Ruf der göttlichen Gnade an so manche heilige Männer und Frauen ergangen, so verließen sie freudig die Welt, um in stiller Einsiedelei ihrem höchsten Herrn allein zu dienen. Auch wir müssen wählen zwischen Christus und der Welt. Damit unser Entschluss glücklich und richtig ausfalle, betrachten wir die Fahne der Welt und die Fahne des Herrn.

 

1. Die Welt entrollt ihr lockendes Banner, auf dem geschrieben steht: Freiheit, Licht und Lust. Der Mensch dürstet nach Freiheit. Deshalb ruft die Welt: Zerreißt die Banden der Autorität! Weg mit dem Gewissenszwang! Weg mit Zepter und Kronen! Jeder glaube, was er will, jeder lebe, wie er will, jeder sei König und Herr im goldenen Tempel der Freiheit. Der Mensch dürstet nach Licht. Deshalb ruft die Welt: Kommt zu mir! Ich will euch aus der dunklen Grabesnacht in die strahlende Morgensonne führen. Weg mit allem mittelalterlichen Kirchenkram! Weg mit Wundern und Geheimnissen! Weg mit dem Evangelium! Jeder sei sich selbst Licht und Sonne! Der Mensch dürstet nach Seligkeit. Daher ruft die Welt: Kommt zu mir! Ich will euch die Paradiespforten erschließen. Weg mit dem Einsiedlerleben! Weg mit Anstand und Rechtschaffenheit! Pflückt die Rosen, ehe sie verblühen! Trinkt aus dem Born der Lust in Überfülle! – Wie verlockend weht das Banner der Welt und doch wie verderblich! Die Güter dieser Welt sind einem Sodomsapfel gleich, außen eine lachende Schale, innen ein bitterer Aschenknäuel. „Die Welt vergeht mit ihrer Lust.“ Schau die Kinder der Welt! Sie tragen die Sklavenkette der Sünde und des bösen Gewissens und diese drücken sehr schwer. Die Weisheit der Welt ist Finsternis, blindes Umhertappen ohne festen Grund und helles Ziel. Die Honigtropfen, die die Welt bietet, wandeln sich in eine Flut von Galle. Die Genüsse enden mit Siechtum und Elend, und welche Aussicht in die Zukunft ist es, wo Qual und Verdammnis die Kinder der Welt erwartet.

 

2. Auf der anderen Seite entrollt der Herr sein Banner, auf dem die abschreckenden Worte stehen: Glaube, dulde, entsage! Glaube an Christus und sein Evangelium, auch dann, wenn deine Hand den Schleier nicht lüften kann, der über vielen Geheimnissen liegt! Dieses Opfer des Verstandes fordert der Herr von dir. Dulde in der Prüfung und trinke den Wermutbecher, den dir Gott darreicht! So bringst du Gott das Opfer deines Willens. Entsage allem, was dich von Gott entfernen kann, auch wenn dieses Opfer des Herzens deiner Selbstsucht auch noch so schwer fällt – So schwer auch diese Opfer erscheinen, so werden sie doch reichlich von Gott vergolten: hier mit einem Frieden, der alle Erdengüter weit aufwiegt, und dort im Himmel mit überschwänglichen und ewigen Freuden.

 

Welches Banner willst du wählen? Das Banner der Welt oder das Banner des Herrn? Zweifelst du noch, so wirf einen Blick zur Hölle und einen Blick zum Himmel! In der Hölle siehst du alle, die der Fahne der Welt folgten, im Himmel siehst du alle, die der Fahne Christi folgten. In der Hölle Jammer, Nacht und Qual, im Himmel Jubel, Licht und Seligkeit. Aus der Hölle tönt der Ruf: „Wehe uns, dass wir dem Banner der Welt folgten!“ Vom Himmel tönt der Ruf: „Wohl uns, dass wir dem Banner des Herrn gefolgt sind!“ Trägst du noch Bedenken, welches Banner du ergreifen willst? Wähle das Banner Christi! Amen.