Helferin Elisabeth

 

Es war im November 1945. Eben aus der Evakuierung zurückgekehrt, fanden wir Zerstörung und Ungefügtheit vor, soweit das Auge reichte. Der Wind blies zu Tür und Fensterhöhlen herein und trieb ein eisiges Spiel. In unserer zerstörten Kammer, der einzigen, die noch einigermaßen bewohnbar war, hockte das Gespenst der Verlassenheit. Der Schatten des Todes ging in jenen Tagen um. Menschen, die in den vergangenen Jahren die Bombentage und –Nächte unverwundet überstanden, fielen nun dem Hungertod zum Opfer. – Auch wir waren vom Hunger gezeichnet, aber wir waren wenigstens daheim.

 

Mit Mut und Entschlossenheit gingen meine kleinen Töchter und ich – soweit wir dies mit unseren geschwächten Kräften vermochten – an die Beseitigung der Trümmer. Nun kam mein Namenstag heran. Wir hofften an jenem kalten Novembertag auf den Aufruf einer stärkenden Lebensmittelzuteilung. Vergebens. Die Erinnerung an alle Vorjahre, da der 19. November in unserer Familie ein Festtag war, an dem wir bei Kaffee und Kuchen mit frohen Gästen an festgeschmückter Tafel saßen, quälte mich. Die Kinder waren seit wenigen Tagen so schwach, dass sie sich kaum von ihrem Notlager erheben wollten, der Zustand steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. In solchen Stunden der Ausweglosigkeit werden Worte des Gebetes inbrünstig. Um ihnen noch mehr Nachdruck zu verleihen, suchte ich eine unzerstörte, nahegelegene Klosterkirche auf.

 

Verwirrt und sprunghaft kreisten meine Bitten immer wieder im gleichen ermüdenden Rund: „Heilige Elisabeth, Namenspatronin, hilf!“ Mehr brachte ich nicht zustande. Sollte sie nicht vermögen, den Hunger weinender, verzweifelter Menschen zu stillen? In ihrer Großmut und Liebe zum Nächsten füllte sie damals den Schoß ihres Kleides mit Brot, um die Hungernden zu sättigen, und was sie damals tat, konnte sich doch nach mehr als 700 Jahren wiederholen! –

 

Mein Heimweg war seltsam beschwingt, meine Sorge war abgefallen: ich fühlte mich in Gott geborgen. Schon auf halber Treppe kamen mir die Kleinen entgegen, die eine hielt mir einen großen Laib Brot entgegen, die andere gab mir zwei Päckchen mit Butter und Speck. Die Freude über den Besitz dieser Köstlichkeiten war übergroß. Auf meine Fragen, wer der edle Spender war, wussten die Kinder keinen Bescheid zu geben. Eine schlicht gekleidete Frau habe, bei Beginn der Dämmerung, die Lebensmittel gebracht und auf Befragen, wer sie sei, geantwortet: „Ihr habt doch Hunger; sagt der Mutter einen Gruß, die heilige Elisabeth habe das geschickt.“

 

Wir fanden bis heute – trotz eingehender Nachforschung – keine natürliche Erklärung des Geschehenen. Wir standen also vor einem Rätsel, einem beseligenden Rätsel! Bedankt habe ich mich mit den Kindern bei meiner Namenspatronin, die uns in höchster Not so schnell und schwerelos half mit dem, was wir so lange quälend und schmerzlich entbehrt hatten.

Elisabeth Mendgen

„Rosenkranz“

Heft 11, November 1956, Limburg/L.