Die Ewigkeit

 

1. „Es gibt eine Ewigkeit!“

 

Ein Arbeiter, der mit Frau und Kindern aus der Kirche ausgetreten war – so erzählt der protestantische Pfarrer Iskraut (Bielefeld) – wurde schwer krank. „Frau“, sagte der Leidende plötzlich morgens um vier Uhr, „lass den Pfarrer holen!“ „Wie kann ich zum Pfarrer gehen“, antwortete die Frau, „wir sind ja alle ausgetreten.“ Der gequälte Mann ließ nicht nach, bis sie zum Pfarrer ging. Morgens um fünf Uhr stand der Pfarrer am Krankenbett. Der Kranke sprach wenig. „Beten Sie mit mir“, war seine einzige Bitte. Als wäre eine Zentnerlast von seinem Herzen genommen, so seufzte der Kranke nach dem Gebet erleichtert auf. Mit Augen, die die Finsternis des Todes zu durchdringen schienen, sah er den Geistlichen an, und tief erschüttert sagte er: „Herr Pfarrer, es gibt doch eine Ewigkeit. Die Gottesleugner haben mich belogen, der Tod aber hat mir die Wahrheit gesagt.“ Darauf wandte er sich an seinen Ältesten und beschwor ihn, von dem verkehrten Weg umzukehren. Der Junge schien das widerwillig zu hören. Da nahm der Kranke eine fast drohende Gebärde an, rief aber dabei im Ton inständigen Flehens: „Mein Sohn, lass dir von deinem sterbenden Vater sagen: es gibt eine Ewigkeit, kehr um und gehe Gottes Weg.“ Die kleineren Kinder und die Frau bat er aufs dringendste, was ihnen auch begegnen möge, was die Leute auch reden würden, sie sollten doch ja anders leben, als er ihnen vorgelebt habe, denn: Es gibt eine Ewigkeit! Gegen Mittag brachte die tiefgebeugte Frau dem Geistlichen die Todesanzeige, zugleich aber bat sie ihn herzlich, er möge sie mit allen ihren Kindern wieder in die Kirche aufnehmen.

 

2. Was ist die Ewigkeit?

 

Jakob Brydaine, ein berühmter Missionar und ausgezeichneter Volksredner, hielt einst auf freiem Feld vor Tausenden von Menschen eine Predigt über den Tod. Im Verlauf seines Vortrags rief er mit stärkster Stimme urplötzlich: „Wohlan, meine Brüder, worauf stützt ihr denn euren Glauben, dass euer letzter Tag noch fern sei? Etwa auf eure Jugend? Ja, antwortet ihr, ich bin erst zwanzig, erst dreißig Jahre alt. Welche Täuschung! Merkt ihr nicht, was ihr damit sagt? Das heißt doch: Der Tod hat schon zwanzig bis dreißig Jahre über euch voraus. Nehmt euch in Acht. Schon hat die Ewigkeit auf eurer Stirn den Augenblick eingezeichnet, wo sie für euch anfangen wird. Und wisst ihr, was die Ewigkeit ist? Die Ewigkeit ist eine Pendeluhr, an der der Pendel bei Grabesstille unaufhörlich nur die beiden Worte spricht: Immer! Nimmer! – Immer! Nimmer! Und wenn während dieser immer wiederkehrenden Zeit ein Verworfener in entsetzlicher, qualvoller Angst fragt: Wieviel Uhr ist es?, dann antwortet ihm die Stimme eines andern Elenden: Es ist – Ewigkeit.“

 

3. Der Ernst der Ewigkeit.

 

Auf P. Segneri SJ, den großen Prediger, machte der Gedanke an die Ewigkeit einst bei seinen Exerzitien einen solchen Eindruck, dass er mehrere Nächte lang nicht schlafen konnte. Seit ihm die eigene Ewigkeit in ihrer ganzen Größe und Tragweite aufging, wurde sein früher schon heiliges Leben ganz Gott zugewandt.

 

4. Der Trost des Ewigkeitsgedankens.

 

Ein Seelsorger stand am Sterbebett eines dreißigjährigen Arbeiters, der seine Schmerzen mit heroischem Starkmut trug. Als er ihn einmal fragte, was ihm die Kraft gebe, die schwere Krankheit so gefasst zu tragen, erhielt er zur Antwort: „Das ist mein Glaube an die Ewigkeit und an einen ewigen Ausgleich alles Durchlebten und Durchlittenen. Was wäre der Mensch in solcher Lage ohne den Glauben.“

 

5. Er hat es erfahren.

 

Julie Postel, die spätere heilige Ordensstifterin, hielt als junge Lehrerin zu Barfleur während der Wirren der Französischen Revolution die heiligen Gefäße ihrer Pfarrkirche in ihrem Haus verborgen. Eines Tages erschienen plötzlich Häscher und durchsuchten alles, fanden aber nichts. Aus Ärger darüber spottete einer der Häscher über ein Bild an der Wand, das die Ewigkeit der Seligen und der Verworfenen darstellte. „Bürgerin“, rief er, „was bedeutet das Bild?“ „Schauen sie doch hin“, erwiderte Julie mit der größten Ruhe, „und lesen Sie die Unterschrift!“ „Zum Teufel mit der Ewigkeit!“ fluchte der Wüterich und hieb das Bild in Stücke. Die Heilige sammelte die Trümmer auf und sprach leise: „Der Unglückliche, in 24 Stunden ist er vielleicht schon in seiner Ewigkeit!“ Noch am gleichen Abend wurde der Frevler von einem seiner Kameraden im Streit erschlagen.

 

6. Eine Umkehr in letzter Stunde.

 

Ein Priester wurde einmal zu einem sterbenden Rechtsanwalt gerufen, der schon lange seine religiösen Pflichten vernachlässigt hatte. Im Hausflur vertraute ihm die Frau des Sterbenden an, dieser habe ihn nur rufen lassen, um ihn durch Fragen in Verlegenheit zu bringen. Als der Priester eintrat, redete ihn der Advokat mit schon fast gebrochener Stimme an: „In meiner ziemlich bedenklichen Lage möchte ich Euer Hochwürden eine Frage vorlegen, die Sie mir ohne Zweifel beantworten können: Gibt es eine Ewigkeit oder nicht? Da zog der Priester seine Uhr heraus, legte den Finger auf das Zifferblatt und sprach: „Ehe der kleine Zeiger das Zifferblatt ganz durchlaufen hat, werden Sie selbst Zeugnis davon ablegen nicht nur, dass es eine Ewigkeit, sondern auch, dass es eine ewige Gerechtigkeit gibt.“ Der Kranke geriet außer sich vor Zorn, brach in Schimpfworte aus und forderte den Priester auf, zu gehen. Aber kurz darauf besann er sich eines Besseren. Die Antwort hatte ihn erschüttert. Er wollte es doch nicht darauf ankommen lassen, erst durch eigene schreckliche Erfahrung belehrt zu werden. Er ließ den Priester noch einmal zu sich bitten und brachte in großer Zerknirschung sein Leben vor Gott in Ordnung.

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 445)