Ewiges Leben

 

1. Die Ahnung der Vorzeit.

 

Wie Plato in seinem Dialog „Phaidon“ berichtet, hat sein Lehrer Sokrates seinem Glauben an ein Land der Herrlichkeit, dem er zuwanderte, bis in die Todesstunde hinein ergreifenden Ausdruck gegeben. Siebzig Jahre alt, wurde Sokrates schuldlos verurteilt, den Giftbecher zu trinken. Ihn, der bis zuletzt seinen Gottesglauben bekannte, hatte man wegen Gottlosigkeit angeklagt. In Wirklichkeit waren es seine Weisheit, seine Überlegenheit, seine Kritik der Gottlosigkeit in seiner Vaterstadt, die seine Verurteilung herbeigeführt haben. In den letzten Stunden vor seinem Tod versuchte Sokrates seine Freunde davon zu überzeugen, dass sein Leib, den man in die Erde legen werde, doch nicht er selbst sei. Man brauche sich also keine Sorge zu machen, was man mit seinem Leib anfange. Es sei durchaus genügend, wenn man ihn auf schickliche Art begrabe. Er selbst werde, nachdem er den Schierlingstrank genommen habe, nicht länger bei ihnen bleiben, sondern zu irgendwelchen Herrlichkeiten der Seligen fortgehen. Er sage dies nicht, um sie oder sich zu beruhigen. Er verbürge sich dafür, dass es nicht anders sei, als er sage. Und nachdem er dies gesagt hatte, setzte er an und trank den Giftbecher aus. Ein großes Weinen erhob sich. Sokrates aber sagte: „Was macht ihr doch, ihr wunderlichen Leute! Ich habe immer gehört, man müsse still sein, wenn einer stirbt!“ Plato schreibt, das sei der Tod eines Mannes gewesen, der von den damaligen Menschen der trefflichste und auch sonst der vernünftigste und gerechteste war.

 

2. Das Wissen des Christen.

 

Im Jahr 185 wurde zu Rom ein vornehmer, hochgebildeter Christ namens Apollonius wegen seines Glaubens vor Gericht geschleppt. Beim Verhör sprach er zum vorsitzenden Prokonsul die schönen Worte: „Du weißt, Gott hat über alle Menschen ohne Ausnahme den Tod verhängt, und nach dem Tod kommt das Gericht. Die Menschen sterben freilich ganz verschieden. Wir Christen sterben jeden Tag frohgemut, weil wir unsere Leidenschaften zügeln und nach dem Gesetz des Herrn leben. Ich lüge nicht, wenn ich sage: in unserem Leben ist keine Spur von Unlauterkeit. Wir wenden unsere Augen ab von aller Sinnlichkeit und gehen jeder Verführung aus dem Weg. Wir wollen unsere Seele rein erhalten. Darum sterben wir gerne für Gott, der uns erschaffen, und sind bereit zu jedem Opfer, um uns zu bewahren vor dem ewigen Tod. Im Leben und Sterben sind wir des Herrn.“ Der Richter fragte dazwischen: „Du liebst also den Tod?“ Apollonius versetzte: „Ich liebe das Leben. Das ist es, was mich den Tod nicht fürchten lässt. Es geht nichts über das ewige Leben, das den Guten nach diesem zeitlichen Leben sicher ist.“

 

3. Die große Erwartung.

 

Über die letzten Lebenstage der heiligen Monika schreibt ihr Sohn, der heilige Augustinus, unvergleichlich schön: „Als der Tag herannahte, da sie aus diesem Leben scheiden sollte, standen wir beide, ich und sie allein, ans Fenster gelehnt, von wo man in den inneren Garten unseres Hauses sah. Dort zu Ostia am Tiber war es, wo wir in Ruhe, fern vom Geräusch der Welt, nach langer, mühevoller Reise uns für die Meerfahrt neue Kräfte sammeln wollten. Da sprachen wir denn einsam miteinander, gar süß und lieb, vergessend des Vergangenen und hingewandt zu dem, was vor uns liegt (Phil 3,13). Und vor dir, o Gott, der du die Wahrheit bist, fragten wir uns so bei uns, wie wohl das ewige Leben deiner Heiligen sei, das da „kein Auge noch gesehen und kein Ohr gehört hat und das in keines Menschen Herz gedrungen ist“ (1 Kor 2,9). Und da erhoben wir unsere Seelen mit wachsend heißer Glut zum Ewigen selbst. Und da wir also davon sprachen und danach verlangten, berührten wir leise das Ewige . . . Fünf Tage später warf das Fieber sie aufs Krankenlager. Wir eilten herzu. Da sie bemerkte, dass wir ganz verstört von Trauer waren, sprach sie: „Ihr werdet eure Mutter hier begraben.““

 

4. Der große Trost.

 

Auf einem alten Grabstein im Friedhof einer englischen Stadt stehen folgende sinnige Verse:

„Wie lieblich ist der Ort, wo Christen ruh`n!

Wie süß die Au, wo Engel selig schweben!

Warum nur weinen, trauervoll und bang?

Sie starben nicht, sie geh`n voraus – ins Leben!“

 

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 455)