Die englischen Märtyrer

 

Die englischen Märtyrer und das heiligste Altarsakrament

 

In zwei Hauptpunkten, in dem Hass gegen den Papst und dem Hass gegen die Heilige Messe, hat die englische Staatskirche ein volles Maß des lutherischen und calvinischen Geistes geerbt. Ihren Hass gegen die Heilige Messe bezeugen der berühmte 31. Artikel ihres Glaubensbekenntnisses und die grausamen Maßregeln, mit denen sie ber 200 Jahre alle verfolgte, die sich des Verbrechens schuldig gemacht hatten, die Heilige Messe gelesen oder angehört zu haben.

 

Schon zur Zeit Heinrichs VIII. wanderten alle goldenen und silbernen Kirchengeräte in den königlichen Schmelzofen. Alle wertvollen Paramente und kostbaren Altarstickereien gingen auf die Märkte von Antwerpen und anderen Städten der Niederlande. Hätte des Königs Tochter Elisabeth 20 Jahre später ihren Willen durchsetzen können, dann hätte es in England keine Heilige Messe mehr gegeben. Den Priestern war das Messelesen nach römischen Ritus verboten, hingegen sollten sie die Messe ab sofort in englischer Sprache feiern, nach den im neuen „Buch des gemeinsamen Gebetes“ vorgeschriebenen Zeremonien. Auch den Laien wurde es untersagt, einer nach dem alten Brauch gelesene Messe beizuwohnen. Mit Geldbußen, Einziehen des Vermögens und den schrecklichen Strafen, die für Hochverrat angesetzt waren, brachte man diese Vorschriften des Parlamentes zur Ausführung. Die ganze Reformation hindurch war es den Feinden des Glaubens hauptsächlich immer um die Heilige Messe zu tun.

 

Unsere Aufgabe soll es deshalb sein, den größten Ruhmestitel der englischen Märtyrer zu beleuchten: sie retteten ihrem Vaterland die Heilige Messe dadurch, dass sie für sie starben.

 

1. Zeitverhältnisse

 

Um die Größe und die Schwierigkeit der Aufgabe des englischen Klerus jener Zeit gebührend zu schätzen, müssen wir zuerst einen Blick auf die religiösen Zustände des Volkes werfen, unter dem diese Priester zu arbeiten hatten.

 

Sie selbst unterschieden immer drei Klassen in der Bevölkerung (damals 4-5 Millionen): Katholiken, Häretiker und Schismatiker. Von den zwei ersten Klassen gab es verhältnismäßig wenige. Die Mehrzahl des Volkes bildeten die Schismatiker. Sie waren der neuen Religion nicht zugetan, verwarfen die Verfolgungswut des Hofes, ja munterten sogar ihre Frauen und Kinder auf, am alten Glauben treu festzuhalten, und waren bereit, wenn es ohne zu große Gefahr geschehen konnte, einen fliehenden Priester zu beherbergen. Sie lebten in der Hoffnung auf bessere Zeiten – etwa einen politischen Umschwung, eine katholische Heirat für die Königin, einen katholischen Thronfolger – oder erwarteten doch die Tröstungen der Religion für sich selbst in ihrer Todesstunde. Mittlerweile aber, um ihre Börse und ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen, schwammen sie mit dem Strom und wohnten dann und wann dem protestantischen Gottesdienst bei. Unter diesen „halben“ Katholiken befanden sich, so befremdend und unentschuldbar es auch scheinen mag, sogar viele Geistliche. So schreibt z.B. ein Augenzeuge, Kardinal Allen: „Nicht nur Laien, die den Glauben im Herzen festhalten und zu Hause wenn möglich der Messe beiwohnen, besuchen die schismatischen Kirchen, sondern auch viele Priester lesen heimlich die Heilige Messe, in der Öffentlichkeit aber feiern sie den häretischen Gottesdienst und das Abendmahl.“

Solch äußerliches Mittun mit den Protestanten wurde vom Konzil von Trient und von Papst Pius V. verworfen. Aber desungeachtet bat Maria, Königin von Schottland, noch 1582 in Rom um die Erlaubnis – freilich vergebens – dass ihren Anhängern gestattet werden sollte, auf diese Weise dem protestantischen Gottesdienst beizuwohnen.

 

Doch nicht alle Priester waren dieser Art. Im Gegenteil standen ihrer viele, ganz auf sich allein angewiesen, 16 Jahre lang mutig auf ihrem Posten. Jeglichen Beistandes und aller kirchlichen Führung bar – denn die Bischöfe waren meistens vertrieben oder eingekerkert – ihrer Kirchen und Einkünfte beraubt, fuhren sie fort, in den Häusern der Gutsbesitzer die Heilige Messe zu feiern, den Sterbenden Beistand zu leisten und den Glauben in den Herzen des Volkes wachzuhalten. Ihre Namen sind leider verloren gegangen und es sind keine näheren Berichte über ihre Arbeiten und ihre Heldentaten auf uns gekommen. Aber ihre Zahl muss doch beträchtlich gewesen sein, denn noch 1596, nach 38 Jahren unerhörter Verfolgungen, waren etwa 40 bis 50 dieser „marianischen“ (von Maria Stuart) Priester in der englischen Mission tätig.

 

2. Die Seminarpriester

 

Königin Elisabeth hatte gehofft, dass die römisch-katholischen Priester allmählich aussterben würden und mit ihnen auch die Heilige Messe. Aber die Vorsehung hatte schon für einen Mann gesorgt, der ihre Hoffnungen vereiteln sollte. Er war der hochw. Dr. Allen, der Gründer des Kollegs von Douay. Wie mancher andere erwartete auch er die Bekehrung Englands von einer politischen Umwälzung. Seine Gründung bezweckte also, englische Priester heranzubilden, die dann im günstigen Augenblick in Bereitschaft wären. – Aber der sehnlichst erwartete Augenblick kam nie. Und als seine ersten Priester vor den Weihen standen, da wurde es ihm klar, was dem Land bevorstehe, und er sprach das mutige und erhabene Wort: „Wir dürfen nicht warten, bis die Dinge sich besser gestalten, sondern wir selber müssen sie besser machen.“

 

1574 betraten infolgedessen die ersten Seminarpriester das Arbeitsfeld. Jedes Jahr brachte fortan neuen Nachschub, so dass 1580 ihre Zahl bereits 160 betrug. 1596 waren es ihrer etwa 300, denen 40-50 aus der Zeit der Königin Maria zur Seite standen. Schon 100 hatten den Märtyrertod erlitten, andere 100 waren verbannt. 1634 berichtet Pauzani nach Rom, dass sich in dem ganzen Reich etwa 500 Weltpriester befänden, mehr als 160 Jesuiten, 100 Benediktiner, 20 Franziskaner, 7 Dominikaner, 2 Minoriten, 5 Karmeliter und 1 Kartäuser-Laienbruder. – Eine heroische Schar von Helden der Heiligen Messe.

 

Viele von ihnen legten eine unbeschreibliche Geduld, Seelengröße und Fröhlichkeit an den Tag, auch inmitten der Folterqualen. Die erste Frucht ihrer Arbeiten war eine wunderbare Erneuerung des katholischen Lebens unter dem Volk. In den Herzen der Schismatiker riefen sie Schamgefühl und Reue wach und den treugebliebenen Katholiken, die vor Erschöpfung fast den Mut verloren, brachten sie Hoffnung und Trost. Mit welcher Freude sie von den alten Priestern begrüßt wurden, die schon jahrelang unter beständiger Lebensgefahr für den Glauben in England gearbeitet hatten, kann man sich denken. Jetzt wussten diese, dass ihre Arbeit nicht umsonst gewesen war, denn jüngere und besser geschulte Kräfte wollten sich jetzt mit ihnen in die Arbeit teilen.

 

P. Parsons berichtet über den Aufschwung des religiösen Lebens, den er bei seiner Ankunft 1580 in England vorfand: „Ich staune über die Andacht bei der Heiligen Messe, die die Katholiken hier durch ihre Gebärden und ihr Betragen an den Tag legen. Sie sind so voll Ehrfurcht, dass sie an die Brust schlagen, wenn sie auch nur den Namen des Papstes im Offizium nennen hören, und bei der Emporhebung der heiligen Hostie fließen ihre Tränen so reichlich, dass auch ich bei ihrem Anblick meine Tränen nicht zurückhalten konnte.“

Ganz anders war freilich der Eindruck, den die Ankunft dieser Seminarienpriester auf die Hofpartei machte. Sie gewahrte wohl, dass sie dadurch in eine unangenehme Lage gedrängt wurde und zögerte nicht, die ganze Wut ihres Hasses gegen sie zu entfachen. Es wurde jetzt als Hochverrat erklärt, wenn ein Priester auch nur im Land zu atmen wagte, und als Verrat, wenn ein Laie einen Priester beherbergte. Damit war der Preis für eine Heilige Messe festgesetzt: mindestens der Bettelstab, oftmals Einkerkerung, Folter und ein schrecklicher Tod. Spione, angeeifert durch die Hoffnung auf reiche Belohnung, bewachten die Reichen wie die Armen und sorgten dafür, dass der Preis auch bezahlt wurde.

 

3. Das Leben eines Priesters zur Zeit der Verfolgung

 

Bei seiner Ankunft in England fand der junge, an eine kirchliche Organisation gewohnte Seminarpriester nur ein wirres Durcheinander: Es gab keine Bischöfe und Pfarreien und ebensowenig ein gesichertes Einkommen. Für seinen Unterhalt war er gänzlich auf die durch Geldstrafen schon ohnehin stark mitgenommenen adeligen und ländlichen Gutsbesitzer angewiesen. Zum Glück taten die Laien großherzig ihre Pflicht. Man hatte Listen zusammengestellt von Familien, die bereit waren, einen oder mehrere Priester zu unterhalten. Da lebten die Missionare verkleidet, manchmal als Gäste, manchmal als Lehrer, nicht selten als Diener. Die Familie des Gastgebers vergaß dabei aber keineswegs den priesterlichen Charakter des Fremden. Ja in mehreren Fällen wurde der Priester gerade durch die große Ehrfurcht, die man ihm erwies, verraten.

 

Der Sicherheit halber und auch um ihren priesterlichen Pflichten besser nachkommen zu können, hielten sich die Priester nicht immer am selben Ort auf, sondern wanderten von Haus zu Haus – gewöhnlich zur Nachtzeit. Zuverlässige Führer waren jederzeit bereit, ihnen das Geleit zu geben. Ja, Georg Gilbert hatte einen eigenen Verein von jungen katholischen Herren für eben diesen Zweck gegründet, ebenso der ehrw. Ralph Milner. Später, als die Jahre der Verfolgung sich ausdehnten und dadurch manche adelige Familie ruiniert wurde oder andere, schwächere, des Widerstandes überdrüssig, abfielen und wieder andere um des Glaubens willen auswanderten, mussten neue, ärmere Schlupfwinkel aufgesucht werden, die nur den wenigen Treugebliebenen bekannt waren. – So hatte z.B. der selige Nikolaus Postgate seine Dachkammerkapelle bei Egton Brücke. In Holywell hielten sich Weltpriester und Jesuiten als Gasthausbesitzer auf, bei denen die armen Katholiken jener Gegenden Erfrischung für die Seele wie für en Leib finden konnten. Schon früh führte man den Brauch ein, Betttücher auf die Hecken zu hängen zum Zeichen für die Eingeweihten, dass an einem verabredeten Ort die Messe gefeiert werde.

 

Öffentliche Kirchen gab es natürlich keine. Die Bitte des Kaisers Ferdinand an Elisabeth, sie möge ihren katholischen Untertanen wenigstens eine Kirche in jeder Stadt gewähren, wurde abschlägig beschieden. Nur in London besaßen die Gesandten der katholischen Mächte ihre Privatkapellen, in denen die Heilige Messe gefeiert wurde. Außerdem gestatte man dies in äußerst seltenen Fällen einigen Familien des höchsten Adels. Der gewöhnliche Platz für die Feier der heiligen Geheimnisse war eine jener verborgenen Kapellen mit geheimer Stiege und bequemem Versteck, wie man sie jetzt noch sehen kann. In Harvington Hall, wo einst Maria Yates den ehrwürdigen Franziskaner-Märtyrer Johannes Wall beherbergte, existieren bis heute drei solcher Kapellen. An dem Gebälk der einen Stiege finden sich noch die groben roten und schwarzen Zeichnungen von kirchlichen Gegenständen, die zweifelsohne dazu dienten, den Gläubigen als Wegweiser zur Kapelle zu dienen, die aber die Nichteingeweihten kaum beachten konnten.

 

Noch interessanter ist die Kapelle in Purshall Hall, einige Meilen von Harvington entfernt, die ebenfalls vom ehrw. P. Wall bedient wurde: sie ist unter dem Dach versteckt, ohne Fenster oder irgend eine Öffnung, durch die Licht hätte eindringen können. Man entdeckte sie ganz zufällig und erst vor einigen Jahren. Der zerfallene Altartisch mit den Resten der vermodernden Altartücher steht noch da, die Kniebänke sind noch gut erhalten und umgeben den Altar auf drei Seiten. Nirgends tritt einem das Schreckliche der Verfolgung mehr vor die Seele als in diesem dunklen Heiligtum, wo einst ein Häuflein von Gläubigen sich mit Lebensgefahr einfanden, um das Brot der Starken zu genießen, das es ihnen dann ermöglichte, auch Heldentaten zu vollbringen.

 

In jenen Tagen, wo es der Spione viele gab und wo sich nicht selten auch unter den Brüdern Verräter fanden, mussten die Altäre natürlich auf eine Weise gebaut werden, dass man sie möglichst schnell und leicht verstecken konnte. Oftmals hatten sie die Form eines Koffers oder eines Kleiderschrankes, in dem man dann auch die Altargeräte und die Messkleider verbarg. Den Altar des Märtyrers P. Kemble bildeten nichts als zwei breite eichene Bänke, die aufeinander gestellt wurden. Waren sie nicht im Gebrauch, so standen sie ganz unverdächtig an der Wand. Viele Altarsteine aus jener Zeit sind auf uns gekommen. Sie bestehen meistens aus Schiefer, sind sehr klein und fast durchwegs ohne Reliquien. Rom hatte zwar die Erlaubnis gegeben, im Notfall die Reliquien der englischen Märtyrer zu diesem Zweck zu verwenden: aber man konnte aus naheliegenden Gründen von dieser Erlaubnis keinen ausgedehnten Gebrauch machen.

 

Je ärmer die Kapellen und Altäre der Missionare in jenen traurigen Zeiten waren, um so größere Sorgfalt verwendete man auf die Messgewänder und die Altargeräte. Obwohl, wie gesagt, genötigt, den Gottesdienst in Kellern und auf Dachböden zu feiern, und obwohl infolge wiederholter Geldstrafen verarmt, ließen die Katholiken es sich doch nicht nehmen, in den Sachen, die bei der Feier der Heiligen Messe verwendet wurden, die möglichste Pracht zu entfalten. Ihre Kruzifixe, Leuchter, Lampen, Weihrauchfässer und besonders die Messgewänder waren staunenerregend schön und wertvoll. Hiervon zeugen schon die Verzeichnisse dieser Kostbarkeiten, die sich in den Staatsarchiven befinden. Im Jesuitenkolleg zu Stonyhurst bewahrt man kirchliche Gewänder auf, die ehemals in der geheimen Kapelle zu Purshall gebraucht wurden. Ein rotes Messgewand und ein roter Rauchmantel, beide für die Pfingstzeit, sind reich bedeckt mit gespaltenen Zungen aus Gold. Zur Verzierung dieser Paramente und einiger anderer von weißer Farbe wurden nicht weniger als 471 große Perlen verwendet. Am kostbarsten, freilich nicht wegen ihres künstlerischen Wertes, wohl aber wegen der rührenden Erinnerungen, die sich daran knüpfen, sind die Gegenstände, die sich in einer alten eichenen Kiste bei Chaigley Farm befinden. So lange die Verfolgung dauerte, wurde der Inhalt der Kiste als Geheimnis betrachtet und immer nur dem ältesten Sohn der Familie mitgeteilt. Zu Crommwell`s Zeiten wurde nämlich ein Priester am Altar vor den Augen seiner Mutter von rohen Soldaten ermordet. Trotz aller Bitten der armen Frau hieben die Henker ihm den Kopf ab, setzten ihn auf einen Spieß, warfen ihn dann der Mutter in den Schoß und gingen schließlich höhnend von dannen. Alles was bei dieser Heiligen Messe gebraucht worden war, legte man ehrfurchtsvoll in die Kiste zurück, in welcher der Priester selbst gewohnt war, es aufzubewahren: Kelch, Messbuch, ja sogar die Kerzen aus ungebleichtem Wachs, Albe, Gürtel – alles gerötet von Blut, die heiligen Gewänder und das Haupt des Märtyrers. Eine deutsche Inschrift im Messbuch bezeugt, dass diese Sachen dem Philipp Holden, „unserem Märtyrer“, gehörten. Mehrere andere Priester wurden in den Messgewändern vom Altar weggeschleppt und in den Kerker abgeführt, aber unseres Wissens war Philipp Holden der einzige, den man am Altar ermordete.

 

Die Verehrung der Reliquien war überhaupt außerordentlich groß zu einer Zeit, die so viele Martyrien sah und in der viele Katholiken selber nach der Märtyrerpalme sich sehnten. Reliquiarien sind seit alter Zeit der eigentliche Schmuck der Altäre. Heutzutage hat eine leidenschaftliche Vorliebe für Blumen die Reliquiarien fast ganz von ihrem Ehrenplatz verdrängt. Anders aber verhielt es sich zur Zeit der Verfolgung. Deshalb verzeichnen die Häscher auch viele prächtige silberne Reliquiarien von künstlerischer Ausführung, die in ihre Hände gefallen waren. Die Reliquien der englischen Märtyrer wurden freilich für gewöhnlich der Sicherheit halber in das Ausland gebracht. Aber es herrschte der schöne, sinnreiche Brauch, dass man mit ihrem Blut das Korporale tränkte, das sie bei ihrer letzten Messe gebraucht hatten. In Stonyhurst z.B. hat man ein Korporale, das fünf selige Märtyrer im Tower benützten, bevor sie zu Tyburn hingerichtet wurden. Ihre Namen sind mit roter Seide in das Korporale gestickt. Ebendaselbst befindet sich auch ein schönes kleines Reliquienkästchen, das P. Johannes Gerard anfertigen ließ zur Aufbewahrung des unversehrten Daumens des Stafforder Märtyrers, des ehrwürdigen Robert Sutton. – Wir dürfen hier im Vorübergehen bemerken, dass der konsekrierte Zeigefinger und Daumen von Märtyrerpriestern öfters unversehrt erhalten blieben – ein schöner Lohn für die edlen Männer, die mit Gefahr für das eigene Leben so getreu das Brot des Himmels austeilten.

 

4. Die Aufbewahrung des Allerheiligsten

 

In der Geschichte der englischen Verfolgung findet man nur selten und erst in späterer Zeit die Erwähnung von Tabernakeln oder anderen Vorkehrungen zur Aufbewahrung des Allerheiligsten. Diese Tatsache galt den katholischen Schriftstellern vormals als hinreichender Beweis dafür, dass eine Aufbewahrung überhaupt niemals stattgefunden habe. Aus folgenden Zeugnissen, die man im Leben der Donna Luisa de Carvajal liest, erkennen wir aber das Gegenteil.

 

Als Luise 1606 nach England kam, fand sie das heiligste Altarsakrament nirgends in London, nicht einmal in der Kapelle des spanischen Gesandten. Das verursachte der eifrigen Frau großen Schmerz. Es schien ihr, so erzählt ihr Biograph, dass man doch keinen vernünftigen Einwand hätte erheben können gegen die Aufbewahrung des Allerheiligsten in einem solchen Heiligtum und „gegen das Wohnungsrecht des göttlichen Heilandes in einer Stadt, in der so viele Jahrhunderte hindurch unzählige Gotteshäuser durch seine wirkliche Gegenwart geehrt gewesen waren“. Ihre Vorstellungen beim spanischen Gesandten fanden Gehör und dem Beispiel desselben folgten die Gesandtschaften von Frankreich und Venedig und jene der Niederlande. Ja, es dauerte nicht lange, so wagte Donna Luisa es, die heilige Eucharistie in ihrem eigenen Haus zu beherbergen. In einem Brief von 1611 an ihre Cousine, die Marquise de Caracena, schreibt sie: „Der Gesandte hatte dieses Jahr ein wunderschönes heiliges Grab in seiner Kapelle; auch wir hatten eins, das sich indes vielmehr auszeichnete durch sein zur Andacht stimmendes Äußere als durch seine Größe. Aber es war doch sehr nett und schön eingerichtet. Sie dürfen dies jedoch auf keinen Fall anderen erzählen, (eben deshalb, weil im heiligen Grab das heiligste Sakrament sich befand), nicht einmal Spaniern, denn es würden uns daraus hundert neue Schwierigkeiten erwachsen. Die Häuser der Katholiken sind die katholischen Kirchen Englands; aber kaum einer wagt es, das heiligste Altarsakrament aufzubewahren, es sei denn auf kurze Zeit, oder an Orten, die zufälligerweise aus irgend einem Grund größere Sicherheit gewähren.“

Durch diese Stellen gewinnt die Überlieferung an Kraft, dass in abgelegenen Ortschaften von Lancashire und Yorkshire das Ewige Licht nicht ausgelöscht worden war. Sicher ist, dass der ehrw. Nikolaus Postgate das heiligste Altarsakrament in der Dachkammerkapelle bei Egton-Brücke aufbewahrte; denn er hatte einen Tabernakel an die Wand anbringen lassen, der heute noch zu sehen ist. In Claugthon-on-Brock befindet sich ein kleines eichenes Kästchen, in dem der ehrw. Thomas Whittaker, der in dieser Gegend die Seelsorge ausübte, das Allerheiligste verbarg. Auch liest man von alten Monstranzen, die in den Verfolgungszeiten im Gebrauch waren. In der Regel scheinen die Priester freilich das Allerheiligste bei sich getragen zu haben, wie es die Missionare auch heute noch in manchen Ländern tun und wie es beim irischen Klerus bis ins neunzehnte Jahrhundert Sitte war. Der ehrw. Georg Napper hatte eben das Allerheiligste bei sich, als er 1610 in Kidlington ergriffen wurde. Man untersuchte ihn auf das genaueste, sogar seine Schuhe riss man ihm in Gegenwart des Richters ab. Der Gerichtsdiener berührte mehrmals mit der Hand die Hostienkapsel auf seiner Brust, ohne sie jedoch zu entdecken, was dem Märtyrer unbeschreibliche Freude verursachte.

 

Es ist überhaupt kein Fall bekannt, in dem das heiligste Altarsakrament verunehrt worden wäre.

 

5. Die Heilige Messe in den Gefängnissen

 

Wir müssen noch ein Wort hinzufügen über den Gottesdienst in den Gefängnissen, wo die englischen Katholiken jener Tage keinen geringen Teil ihres Lebens zubrachten. So übergroß war die Zahl der katholischen Gefangenen während der Regierung Elisabeths, dass die Obrigkeiten nicht mehr wussten, wo sie diese unterbringen sollten, und dass die Steuerzahler unter der Last ihrer Ernährung stöhnten. Bei einer Gerichtssitzung in Hampshire wurden nicht weniger als 400 Katholiken verurteilt, in Lancashire 600. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass die Gefängnisse damals ganz anders aussahen als unsere von heute. Dies hatte seine Nachteile, aber auch seine Vorteile. Entsetzlich war das Los der armen Opfer, wenn angesehene Gefangene dem Tower-Gefängnis zur strengen Haft überwiesen wurden, oder wenn ein Wüterich wie Topcliff seiner Bosheit freien Zügel lassen konnte. Dann wirkten geistliche und körperliche Aushungerung zusammen, um den Mut der Häftlinge zu brechen, und die geistliche Kommunion war ihr einziger Trost. Aber solche Zustände waren keineswegs allgemein oder auch nur häufig. Ja, man staunt förmlich über die Freiheiten, die man sich durch kluge und fortdauernde Bestechung erkaufen konnte. Einige Beispiele sollen dies beleuchten.

 

P. Worthington S.J. wurde 1615-1618 in dem Gatehouse-Kerker gefangen gehalten. Er beschreibt das System, das daselbst üblich war, also: „Für einen bequemen Platz im Gefängnis zahlt man so viel ... um frische Luft innerhalb der Gefängnisräume zu schöpfen, so viel ... um auf eine oder zwei Stunden in die Vorstädte hinauszugehen, so viel ... Ich erlaube mir also jede Woche für einen hohen Preis solche Rundgänge unter dem Vorwand der Gesundheitspflege, in Wirklichkeit aber, damit ich die Häuser der Katholiken besuchen kann und auch die der Protestanten, wenn Aussicht auf geistlichen Gewinn vorhanden ist.“ Die gleiche Ungebundenheit herrschte innerhalb der Kerkermauern. Die Beichtväter standen in beständigem Verkehr mit ihren Freunden; Altäre wurden errichtet, die Heilige Messe regelmäßig gefeiert, Beichten gehört, Konvertiten unterwiesen und mit der Kirche ausgesöhnt, Predigten gehalten, ja sogar die geistlichen Exerzitien gegeben, und dies alles so ungestraft, dass man die Kerker fast mit Recht als die ersten öffentlichen Kirchen der Städte nach der Reformation nennen könnte.

 

Bei ihrer Vorliebe für den „ganzen Gottesdienst“, die ihnen so eigen war, wurden die katholischen Gefangenen oft geradezu verwegen in der Ausnützung aller ihnen gebotenen Freiheiten. P. Worthington errichtete einen ständigen Muttergottesaltar, der mit Seide behangen war. Hier wurden täglich 2-3 Messen gelesen, manchmal 6-7, je nach der Zahl der eingekerkerten Priester; 50-60 Personen wohnten den monatlichen Predigten bei und von Zeit zu Zeit wagte der Priester es, „das Allerheiligste in einem kristallenen Kästchen, das mit Strahlen umgeben war, auszusetzen“. Für das Geld, das dieser Schatz gekostet hatte, ruft er den Segen Gottes auf seine Freunde in Spanien herab.

 

Es ist selbstverständlich, dass die letzte Messe eines Priesters, bevor er zum Martyrium geführt wurde, mit besonderen Feierlichkeiten ausgezeichnet war. Der ehrw. Ralph Corby S.J. und der ehrw. Johannes Duckett lasen ihre letzte Messe im Newgate-Kerker und teilten die heilige Kommunion an eine Menge von Katholiken aus, darunter an die Herzogin von Guise, den katholischen Gesandten und viele andere hervorragende Persönlichkeiten. Der ehrw. Stephan Ronsham hatte eine glühende Andacht zum heiligsten Altarsakrament und setzte einmal sein Leben aufs Spiel, um eine unfreiwillige Verunehrung desselben zu verhindern. Er las eben seine Heilige Messe im Gefängnis, als die Gerichtsdiener kamen, um ihn zum Martertod zu führen. Sie willigten ein, den Schluss der heiligen Handlung abzuwarten. Der Märtyrer beendigte die Messe, las noch seine Vesper, segnete, küsste und umarmte die Anwesenden und ging dann fröhlichen Herzens zur Richtstätte. – Ganz rührend ist auch die Geschichte eines anderen Weltpriesters, des ehrw. Wilhelm Davies, der am 27. Juli 1593 zu Beaumaris hingerichtet wurde. Schon zwei Jahre früher, als er eben Anstalten traf, drei junge Studenten, die er seine „Kinder“ nannte, nach Balladolid einzuschiffen, fiel er zugleich mit seinen Schutzbefohlenen in die Hände der Häscher. Von einem Gefängnis zum anderen geschleppt, wurde er auf viele Monate von seinen „Kindern“ getrennt. Aber das letzte halbe Jahr vereinigte sie wieder im Beaumaris-Schloss. Zu ihrer überaus großen Freude gestattete man ihnen hier, zusammen zu wohnen und ihre Zeit nach Belieben zuzubringen. Wie gewöhnlich gestaltete sich der Kerker zu einer Art Kloster, wo man bestimmte Stunden dem Gebet, dem Studium und den geistlichen Übungen widmete. P. Davies las täglich seine Messe auf einem Tisch in seiner Zelle. Gleich nach seiner Hinrichtung brachte der Henker die Kleider des Märtyrers, ganz triefend von warmem Blut, und warf sie auf den Tisch. Man verteilte sie unter die Katholiken, nur der mit Blut befleckte Talar wurde sorgsam aufbewahrt, damit die Priester ihn beim heiligen Opfer unter ihren priesterlichen Gewändern tragen könnten. –

 

In der Heiligen Schrift lesen wir: „Die Seelen der Gerechten sind in der Hand Gottes und nicht berührt sie des Todes Pein. Den Augen der Unweisen scheinen sie zu sterben und ihr Hingang wird für Leid geachtet und ihr Scheiden von uns für Vernichtung gehalten, sie aber sind im Frieden. Wenn sie auch vor den Menschen Qual erduldet haben, so ist doch ihre Hoffnung voll der Unsterblichkeit. Nachdem sie ein wenig gelitten haben, wird ihnen viel Gutes zuteil; denn Gott hat sie geprüft und seiner würdig erfunden. Wie Gold im Ofen hat er sie erprobt und wie ein Brandopfer hat er sie angenommen, zu seiner Zeit wird er sie heimsuchen.“ (Weisheit 3,1-6)