Von den Engeln

 

In dem alljährlich wiederkehrenden Fest der Engelweihe feiert das berühmte Kloster Einsiedeln die wunderbare Einweihung der Gnadenkapelle durch die Engel Gottes, die vor den Augen des erstaunten Bischofs Konrad alle Zeremonien vornahmen, die bei einer Gotteshausweihe vorgeschrieben sind (siehe: Der heilige Konrad von Konstanz, Bischof und Bekenner, + 26.11.976 - Fest: 26. November). Sehen wir hier die Engel im Dienst Gottes tätig, so hat sie unser himmlischer Vater auch bestimmt zum Dienst der Menschen, um sie auf dem Lebensweg zum Himmel zu führen, vor dem Bösen zu warnen, im Kampf zu stärken, damit sie die Krone der Unsterblichkeit empfangen. Was sind wir für diesen treuen Freundschaftsdienst den Schutzengeln schuldig?

 

1. Unserem Schutzengel sind wir Ehrfurcht schuldig, denn sie stehen vor dem Thron Gottes als seine auserwählten Diener und schauen sein Angesicht. Wenn nach den Worten des Heilandes einem Kind Achtung gebührt wegen der Nähe seines Schutzengels, welche Ehrfurcht sind wir nicht diesem selbst schuldig? Der heilige Bernhard ermahnt: „Wage nicht vor ihm, was du in meiner Gegenwart nicht wagen würdest!“ Auch vor dem Schutzengel des Nächsten sollen wir Ehrfurcht haben. Würdest du dich erkühnen, mit dem Schutzengel in offenen Kampf zu treten? Wenn du dem Nächsten Gelegenheit zur Sünde bietest, beginnst du diesen Kampf, du willst die Seele zum Verderben führen, während der Engel sie für den Himmel zu gewinnen strebt.

 

2. Dem Schutzengel gebührt inniger Dank. „Vater“, sprach der junge Tobias, „welchen Lohn sollen wir ihm geben oder womit können seine Wohltaten nach Verdienst vergolten werden. Er hat mich gesund hin und zurückgeführt, er hat mich vom Verschlingen des Fisches gerettet und dir hat er das Augenlicht wiedergeschenkt, mit allem Guten sind wir von ihm überhäuft worden. Was werden wir ihm Würdiges dafür wiedergeben können?“ Gleiche Gefühle der Dankbarkeit sollen wir hegen. Seitdem wir das Tageslicht zum ersten Mal erblickten, steht ein Engel schützend, warnend, ermahnend uns zur Seite. Er trägt unsere Bitten gen Himmel, unterstützt sie mit den seinigen und kehrt, wenn er Erhörung gefunden hat, freudig zu uns zurück. Mehr, als Jonathas seinem Freund, ist uns der Engel, denn jener konnte trotz seines guten Willens nicht immer die Gefahren vom verfolgten David abwenden, der himmlische Fürstensohn aber kann uns immer gegen die Pfeile des Nachstellers schützen.

 

3. Wir müssen unseren Schutzengel öfters anrufen. Als Diener des Allerhöchsten will er uns die himmlischen Wohltaten in derselben Weise zufließen lassen, wie der Herr selbst sie uns zu spenden pflegt. Gott will angerufen sein, also auch der Schutzengel. Schiene es nicht, wir verschmähten seinen Schutz, wenn wir uns nicht darum bewürben? Sooft wir also in Gefahr schweben, nehmen wir vertrauensvoll zu ihm unsere Zuflucht, aber stets mit reinem Herzen. „Wie der Rauch die Bienen vertreibt – sagt der heilige Basilius – und der üble Geruch die Tauben, ebenso vertreibt der üble Geruch der Sünde den Engel, dem wir vertraut sind.“

 

4. Schließlich schulden wir unserem Schutzengel willigen Gehorsam. Der Engel vertritt Gottes Stelle, deshalb müssen wir ihm folgen. Der Herr spricht: „Siehe, ich sende meinen Engel, dass er vor dir hergehe, und dich bewahre auf dem Weg und dich führe an den Ort, den ich bereitet habe. Habe Acht auf ihn und höre auf seine Stimme und gedenke nicht, ihn verschmähen zu dürfen.“ Aus lauter Güte sandte er uns den Engel. Dürfen wir uns seiner Leitung entziehen? Wenn der Sohn eines Fürsten persönlich für einen armen Landmann Sorge trüge oder schützend ihm zur Seite stände, mit welcher Freudigkeit würde dieser auf jeden Wink seines fürstlichen Beschützers achten. Wer möchte nicht dem himmlischen Fürstensohn, der die liebevollste Sorge für ihn trägt, bereitwillig folgen? Es handelt sich um unser eigenes Wohl und Wehe. Der Himmel ist uns beschieden, wenn wir uns seiner Leitung anheimgeben. Verschmähen wir sie, wer wird uns vor den Abgründen bewahren, denen wir blind und gefühllos zutaumeln? Wer wird uns schützen vor den feindlichen Scharen, die uns von allen Seiten umgeben?

 

Dann los, meine Seele, erweise deinem Schutzengel die schuldige Ehrfurcht, wie sie dem Gesandten des ewigen Königs zusteht. Danke ihm für den Schutz in tausend Gefahren, von denen du nicht einmal eine Ahnung hattest. Rufe ihn an in jeder Not, besonders wenn dein Seelenheil auf dem Spiel steht. Sei ihm stets gehorsam, mag er durch dein Gewissen oder durch gute Menschen zu dir reden. Dann wird er dich sicher geleiten zur seligen Gemeinschaft mit allen Engeln im Himmel. Amen.