Ein Roman vom Ende der Welt

 

Phantasie oder Prophezeiung?

 

Von Anton Koch SJ,

Gekürzt aus „Stimmen der Zeit“,

Verlag Herder, Freiburg/Breisgau,

4. November 1947

 

Was dieses jammervolle Jahrhundert (20.) noch alles bringen wird, ob es gar das letzte der Menschheitsgeschichte sein wird, wissen wir nicht. Prophezeiung und Aberglaube nach der Art „einmal tausend und nicht mehr tausend“ sind töricht. Eines aber ist sicher: Die Menschen haben heute Waffen erfunden, mit denen das Ende der Menschheit noch zu unseren Lebzeiten herbeigeführt werden könnte. Die Angst vor dieser Möglichkeit und das Bewusstsein dieser Möglichkeit ist das einzigartige und neuartige Kennzeichen unserer Zeit. Die Folgerungen daraus zieht ein soeben in England erschienenes Buch „Theologie und Atomzeitalter“ von D. R. Davies. In diesem eschatologischen (endzeitlichen) Licht ist es interessant, ein anderes weltberühmtes Buch zu studieren, das vor rund 40 Jahren (jetzt bereits ca. 110 Jahren) über das Ende der Welt erschien und uns heute geradezu als prophetisch vorkommt.

 

„Gegen Ende des Jahres 1907 erschien in London das Buch von Robert Hugh Benson „The Lord oft the World“. Im Jahr 1911 folgte die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Der Herr der Welt“ (die letzte Auflage erschien 1923 im Verlag Kösel und Pustet, München). Ein Zukunftsroman vom Weltuntergang um das Jahr 2000 – das musste in der damaligen friedlich-satten Vorkriegszeit wirken wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und so war es auch. Man war betroffen, erschrocken, empört über die Kühnheit, mit der Brenson, der Konvertit und Priesterdichter, in atemraubender Darstellung der sich überstürzenden Ereignisse die Vernichtung Roms, der „Ewigen Stadt“, des Papsttums und der Kirche durch den Antichrist in einer gar nicht mehr allzu fernen Zukunft zu entwerfen wagte.

 

Es ist das Schicksal aller Prophezeiungen, dass sie, den Mitlebenden unverständlich, erst mit wachsender Erfüllung mehr und mehr begreiflich werden. So geschah es auch hier. Es ist nicht ohne Reiz, aus einem Abstand von vier Jahrzehnten nachzulesen, was ein ungenannter Rezensent anfangs 1912 über den Roman schrieb: „Man mag über manche Nebensächlichkeiten in diesem merkwürdigen Buch lächeln, über einige allzu phantastische Stellen den Kopf schütteln, sogar über die Berechtigung, das Ende aller Zeiten in Form eines Romans zu behandeln, geteilter Meinung sein: Bensons Werk bleibt auf alle Fälle eine glänzende, ganz außergewöhnliche literarische Leistung. Die Sonderbarkeiten fallen eigentlich nur dann schwerer in die Waagschale, wenn das Buch als eine Art Prophezeiung aufgefasst wird, eine Auslegung, die offenbar falsch ist. . .“ Die Darstellung der treibenden Kräfte, die zum tödlichen Zusammenstoß zwischen Antichrist und Kirche führen, wird positiv gewürdigt. „Wenn dann aber geschildert wird, wie der Antichrist . . . mit einer Luftflotte von 200 Fahrzeugen das Rom des Papstes samt seinen Millionen Bewohnern in wenigen Minuten vernichtet, wie der neue Papst mittels drahtloser Telegraphie von Nazareth aus die Kirche Gottes von neuem organisiert und leitet. . ., oder wenn die Gedanken einer Selbstmörderin, die an einem modernen schmerzlosen Gift stirbt, bis zu ihrer Ankunft in der Ewigkeit . . . analysiert werden, dann vermag uns auch die Kunst eines Benson nicht mehr recht zu fesseln . . .“

 

Nun, vier Jahrzehnte haben genügt, den Dichter-Propheten selbst in diesen damals phantastisch scheinenden Einzelheiten zu rechtfertigen. Wir haben heute (1948) die „Beninscheinschen Explosivstoffe“, wie sie Benson nennt, die, „aus großer Höhe abgeworfen“, auch eine Millionenstadt in wenigen Minuten vom Erdboden austilgen; wir haben die „Silbervögel“, die die verheerende Bombenlast in wenigen Stunden nach jedem gewünschten Ziel tragen; wir kennen das Geheimnis, wie der letzte der Päpste von einer kleinen Fernschreibestation Nazareth-Damaskus aus die letzten Kardinäle zum letzten Konzil zusammenruft; wir kennen auch den „Freitod“, den Mabel, die Vertreterin des menschlich wachen Gewissens gegenüber dem unmenschlichen Kollektivmenschen für sich erwählt, und es fehlen uns – nur noch die freundlichen Euthanasiehäuser, „Heime des Friedens“ genannt, wo der Lebensmüde, im Schutz des Gesetzes geborgen, nach achttägiger Probezeit nur den kleinen Hebel an einem weiß emaillierten Tischapparat umzulegen braucht, um „in Frieden und Schönheit“ sterben zu können.

 

Doch nicht diese schließlich nicht übermäßig belangvollen Einzelheiten sind es, was an dem Roman so unheimlich prophetisch anmutet. Das ist vielmehr die Schilderung der Menschheitsentwicklung, die den Erdball im jähen Zusammenschluss aller gottfeindlichen Mächte der Endkatastrophe entgegentreibt. Schon die Ausgangslage des Romans – wie ganz anders verstehen wir sie im Jahr 1947 gegen 1907! Die Menschheit des Ostens und des Westens (wir würden heute sagen: die östliche und die westliche Halbkugel) stehen einander kampfbereit zu einer letzten, mörderischen Auseinandersetzung gegenüber – da taucht zum ersten Mal jener Geheimnisvolle auf, der, einzig durch den unfassbaren Zauber seiner Person, die furchtbare Bedrohung bannt und den Frieden der Welt besiegelt. In einem unbegreiflich raschen Siegeszug völlig friedlicher Art unterwirft sich Julian Felsenburg (gab es nicht schon einen Julian den Apostaten (Abtrünnigen), nicht einen „Felsenmann“ als ersten Papst?) den Osten wie den Westen und rückt gleichsam über Nach zum „Herrn der Welt“ auf. Gleichzeitig damit vollzieht sich in der Menschheit ein letztes Bewusstwerden ihrer selbst, dessen Zeuge und Ausdruck jener „Kult der Menschheit“ ist, der von nun an – nach dem Willen der Völker und ihres höchsten Herrn – die allein berechtigte Form der Zukunftsreligion sein wird. Wie sich an diesem Punkt die tödliche Feindschaft gegen die katholische Kirche als den letzten Hort des weltübersteigenden Glaubens und gegen den letzten Papst der Kirche entzündet, wie dieser Hass sich steigert, wie er sich endlich in grässlichen Ausbrüchen der „Volkswut“ entlädt, wie endlich Julian, der „Weltpräsident“, mit eisiger Ruhe im Namen der Menschlichkeit die Ausrottung der christlichen „Pest“ auf kaltem Weg beschließt – das muss man im Roman selbst nachlesen, es lässt sich nicht in wenigen Zeilen schildern.

 

Aber müssen wir – in unseren Tagen – all das erst nachlesen? Haben wir nicht gerade auf deutschem Boden das alles in bereits sehr ausgebildeten Vorformen erst jüngst erlebt? Das Auftauchen des „wahren“ Messias, die Huldigungen restlos ergebener, verzauberter Menschenmassen vor ihm, das Aufziehen einer neuen Zukunftsreligion, in deren Mittelpunkt die Apotheose der Zeugung, der Mutterschaft, kurz: das „Leben“ stand, die tödliche Feindschaft gegen die Kirche wegen ihres ehernen Nein gegen alle Menschen- und Menschheitsvergötzung, den Massenmenschen mit den wahnwitzigen Ausgeburten eines fanatisierten Trieblebens, die Liquidierungsversuche gegen Christentum und Kirche auf kaltem Weg? Der einzige Unterschied war, dass hier in einem Einzelvolk geschah, was dort im Weltmaßstab vorausverkündet wurde. Der „Herr der Welt“ zeigt zu klar, was am Ende einer „totalen Menschheit“ steht: die Vernichtung der menschlichen Freiheit und der Götze Mensch, der zum vernichtenden Schlag gegen den Glauben an den wahren Gott ausholt, genau in dem Augenblick, da eben dieser Gott ausholt zum vernichtenden Schlag gegen den Götzen Mensch: Am hohen Pfingsttag des Jahres . . ., um die neunte Stunde, da eben Julian Felsenburg an der Spitze der konzentrisch gegen Nazareth, den letzten Zufluchtsort des letzten Papstes, heranrückenden vereinigten Luftflotten als erster die Bombe lösen will, die Papst Silvester und die letzten im Gesang des „Pange lingua“ anbetend um den eucharistischen König gescharten Gläubigen vom Erdboden vertilgen soll – da überdröhnt ein Donnerschlag der bis zum Bersten aufgewühlten Natur das Donnern der Hunderte von todbringenden Flugzeugen – „und es versank die Welt und ihre Herrlichkeit“.

 

Diesen Satz, mit dem der Roman endet, wird keiner seiner Leser vergessen können. Er klingt nach dem wild dahinstürzenden Finale der Endereignisse und der ungeheuren Generalpause jenes letzten Hochamts zu Nazareth wie der erdzerschmetternde Paukenschlag, der die große Symphonie der Menschheitsgeschichte abschließt.

 

Und das ist vielleicht das Bedeutsamste, was sich von diesem vielumstrittenen und wenig verstandenen Roman heute, 40 Jahre (110 Jahre) nach seinem Erscheinen, sagen lässt: Er hatte, noch mitten in einer Zeit des gesichert scheinenden, behaglich-bürgerlichen Lebensgefühls, den Mut, die Christen vor die letzte Wirklichkeit zu stellen. Er war in der Tat, einer ersten Springwelle gleich, der Vorläufer jener stürmischen Wogengänge, die im Gefolge der kommenden schweren Jahrzehnte zu einer damals ungeahnten Höhe anschwellen sollten. Der letzte Bittruf des letzten Buches der Heiligen Schrift, der 1907 wie eine kaum mehr verständliche, veraltete Formel am Schluss der Geheimen Offenbarung (22,20) stand, ist durch die Wirren dieser vier Jahrzehnte wie von selbst in ungezählten Herzen zu neuem Leben erwacht, der Ruf „Komm, Herr Jesus“.“

 

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Unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, hat im Jahr 2016 auf seiner Reise nach Asien den mit ihm reisenden Journalisten mit Nachdruck den 1907 geschriebenen Roman „Der Herr der Welt“ von Robert H. Benson empfohlen und damit auch uns ans Herz gelegt. Der zur katholischen Kirche konvertierte Priester Msgr. Robert H. Benson gibt in seinem apokalyptischen Thriller einen Einblick in den Kampf der katholischen Kirche gegen eine modernistische, wissenschaftsgläubige, liberalistische und antikatholische Gesellschaft. Der Heilige Vater sagte: „Es gibt ein Buch, entschuldigen Sie, wenn ich etwas Werbung mache; ein Buch, dessen Stil zu Beginn vielleicht etwas schwerfällig ist, weil es 1907 in London geschrieben wurde . . . ich empfehle Ihnen, es zu lesen.“

 

„Der Herr der Welt“ von Robert Hugh Benson

 

Die Donau in Passau