Elisabeth - Die königliche Bettlerin

 

Im Jahr 2031 begeht die Kirche am 19. November die Achthundertjahrfeier des Todestages der heiligen Elisabeth von Thüringen. Besonders werden sicher die Städte Eisenach und Marburg ihrer größten Einwohnerin gedenken. Im Jahr 1231 erlosch in einer elenden Hütte Marburgs still das Lebensflämmchen der jungen heiligen Elisabeth, aufgezehrt und aufgesogen von übergroßer Liebe zu Gott und allen seinen leidgequälten Geschöpfen. Liederschall, Kerzenbrand und die Farbenglut frommer Bilder ehren besonders in Jubiläumsjahren eine Fürstin, die in ihrem Leben Pracht und Glanz der Welt verachtete, die ein hohes Lied seelischer Größe, eine Opferkerze, ein Bild der Frömmigkeit war.

 

Im Jahr 1211 wurde das liebliche Blümchen Elisabeth im zarten Alter von vier Jahren durch die Brautgesandtschaft des Landgrafen Hermann von Thüringen dem ungarischen Mutterboden entführt und in thüringisches Erdreich verpflanzt. Wer von den vielen edlen Damen und Herren des prächtigen Ehrengeleits hätte wohl geahnt, dass das Bild dieser Reisegefährtin ein Vierteljahrhundert später von den Altären ihrer Stadt grüßen und dass ihr Ruf den Glanz ihrer stolzen Adelsnamen weit in den Schatten stellen würde?

 

Der Steinhof zu Eisenach, in dem Landgraf Hermann residierte, beherbergte den kleinen Fremdling aus dem Ungarland während der ersten Jahre des Eisenacher Aufenthaltes, denn die Wartburg war damals als Wohnung noch nicht ausgebaut. Politische Absichten waren es, die die beiden Kinder Ludwig und Elisabeth zur Lebensgemeinschaft aneinanderschlossen. Landgraf Hermann wünschte durch diese Heirat ein Pfand für eine gute Verbindung mit Ungarn zu erhalten. Wenn auch nüchterne politische Berechnung den Ringwechsel in der Georgenkirche zu Eisenach im Jahr 1221 befahl, die jungen Brautleute taten mehr, als jede Staatskunst verlangen konnte, sie schenkten sich in tiefster Liebe ihre Herzen.

 

Vier Kinder entsprossen dem Ehebund des Fürstenpaares. 1223 schenkte Elisabeth ihrem ersten Kind Hermann auf dem zwei Wegstunden von Eisenach entfernten, im Werratal gelegenen Schloss Creuzburg das Leben. Die Creuzburg, auf der Elisabeth oft weilte, bot zu jener Zeit wahrscheinlich mehr Annehmlichkeiten für eine Wöchnerin als die hochgelegene kalte Wartburg. Im Jahr 1224 erfreute Landgräfin Elisabeth ihren Gemahl mit einem Töchterchen, das den Namen Sophie erhielt, 1225 gebar sie abermals eine Tochter, die ebenfalls nach der Schwiegermutter Sophie getauft wurde. Das jüngste Kind Gertrud kam 1227 zur Welt; wie seine beiden älteren Geschwister schaute es von der Höhe des Wartburgfelsens, der für frohe Ereignisse jetzt besser zugerüstet war, zum ersten Mal ins Thüringer Land.

 

Ihren Kindern eine vorbildliche Mutter zu sein, ließ sich die junge Fürstin nicht genügen, allen Schwachen und Elenden stand ihr Herz offen. Eine edlere Landesmutter hat das Waldland nie sein eigen nennen können. Wenn der Brauch der fürstlichen Hofhaltung festliche Gastmähler erforderte, so empfand Elisabeth Pein beim Genuss der Speisen, denn sie dachte an die da drunten im Tal, denen der Zugriff der rauen Verwalter die Gaben des Tisches abgepresst haben musste. Für solche Einstellung hatte die höfische Welt im 13. Jahrhundert wenig Verständnis. Die neue Thüringer Fürstin, die sich dem lauten, genussfreudigen Hoftreiben, wo immer es ging, zu entziehen suchte, erregte das Missfallen der adeligen Umgebung. Von Assisis Bergen strömte, durch Pilgermund getragen, der Geist des seraphischen Vaters Franziskus zum Hochsitz des Landgrafen. An Panzer und Prunkkleid prallte die Lehre von der Seligkeit der Armut ab, Elisabeth aber reifte in Stunden der Einsamkeit zur großen Jüngerin des fernen Meisters. Die Bäume tief unter dem Fenster ihrer Kemenate rauschten ihr Worte des Heiligen, dem sich alle Wesen erschlossen, und die Vögel kehrten aus Süden zurück und sangen ihr im Burggärtlein Franzisci Predigt. Elisabeths heimliches heiliges Bündnis mit dem Glutgeist im Süden kannten die Weltleute nicht, sie sahen nur das schlichte Gewand und das einfache Mahl bei ihrer Herrin, und sie schüttelten die Köpfe. Als Elisabeth sich aber nicht scheute, die Bedürftigen und Kranken ihrer Stadt aufzusuchen, ja sogar zerlumpte Bettler und mit Geschwüren bedeckte Sieche in den Hof ihres Bergschlosses lud, so dass man sich in acht nehmen musste, dass nicht der seidige Kleidersaum an die schmutzigen Gestalten streifte, da bestürmten die Höflinge den jungen Fürsten, seiner Gemahlin dieses ungeziemende und würdelose Verhalten zu untersagen. Man muss die Stellung der fürstlichen Frauen jener Tage betrachten, um zu verstehen, wie ungeheuerlich Elisabeths Wirken der hochadeligen Umgebung erscheinen musste. Die Frau war die leuchtende Zentralsonne des Hofes, sie nahm inmitten ihrer Damen die Huldigungen ritterlichen Saitenspiels entgegen. Ein Wink ihrer Augenwimpern war den edlen Gästen hohe Gnade. Und Elisabeth? Sie schenkt ihre Gunst nicht den Männern mit Schwert und Harfe, sie wendet sich den Frauen und Männern im Bettlergewand zu, ihre Hand, die nur Rosen pflücken sollte, verrichtet Dienste wie die der Mägde im Spital vor dem Georgentor, sie flieht den Lobgesang der Fahrenden und eilt dorthin, wo Elende jammern und stöhnen. Was galt dieser edlen Frau alle äußere Ehre? Elisabeth kannte nur die Würde eines guten, gottgefälligen Herzens. Schon als Kind hat ihr das goldene Hoheitszeichen auf dem Köpfchen gebrannt als sie in der Kirche Unserer Lieben Frauen zu Eisenach erschüttert die Krone der Qual auf dem Haupt des Erlösers erschaute. Landgraf Ludwig hatte Verständnis für den heißen Drang seiner lieben Frau, zu helfen und wohlzutun. Er schenkte auf Bitten Elisabeths den Franziskanern Boden in der Stadt Eisenach zum Bau eines Klosters und einer Kirche. Wie vielen Dürftigen mag da hinter dem Steinhof der Bruder Pförtner im Namen Elisabeths die rauchende Suppe gereicht haben! In den grässlichen Hunger- und Seuchejahren 1225 und 1226 baute sich die milde Fürstin ein eigenes Haus der Wohltätigkeit am Hang unterhalb der Wartburg. Achtundzwanzig Sieche betreute sie dort und Hunderte empfingen täglich das Notwendigste zur Erhaltung des Lebens just in dem Jahr, als der heilige Franziskus von Assisi im Herrn entschlief. Das Brünnlein, das Trank und Bad den Schutzbefohlenen der heiligen Frau spendete und dem wahrscheinlich das Hospital seine Lage verdankte, weiß heute noch dem andächtigen Wanderer an der Wartburgstraße von den sanften Händen der großen Burgherrin, die dort im Steintrog Linnen eintauchten, zu erzählen. Ein hohes Holzkreuz auf Steinsockel ragt an der heiligen Stelle, die noch einige Grundreste des Hospitals aufweist, seit kurzer Zeit empor. Die Mauern des kleinen, während einer Notzeit und in Abwesenheit des Landgrafen gebauten Hospitals konnten die bresthaften Menschen bald nicht mehr fassen, die das gütige Herz der Fürstin, das sich mit allen Sorgen der Armen Eisenachs belastete, zu Gast lud. Vor dem Georgentor der Stadt wurde ein größeres Haus zur Ausübung barmherziger Werke im Jahr 1226 der heiligen Anna geweiht. Auch Creuzburg durfte manche Wohltat seiner Burgherrin erfahren. – Auf dem Schlossberg dort stiftete Elisabeth im Jahr 1225 der heiligen Margareta eine Kapelle. Im Jahr 1227 schallt das Kreufahrerlosungswort: „Ins Heilige Land!“ durch Deutschland. Auch Landgraf Ludwig nimmt zu Elisabeths größtem Leid das schwarze Zeichen der Gottesstreiter. Von der Creuzburg aus bricht das thüringische Ritterkontingent ins Morgenland auf. Es ist rührend, wie Elisabeth voll inniger Liebe zu ihrem Lebensgefährten den Abschied immer weiter hinausschiebt, bis endlich in Schmalkalden die letzte bittere Station der tränengesättigten Geleitsreise erreicht ist. Ludwig sieht seine grüne Heimat nicht wieder, er erliegt bereits wenige Wochen nach seiner Ausfahrt in Otranto einer tückischen Fieberkrankheit. In einem Abgrund namenlosen Schmerzes versinkt Elisabeth, als ihr der Siegelring des Gatten von seinem Ableben kündet. „Weh, nun ist mir tot die Welt mit allen ihren Freuden“, klagt sie weinend. Sie verlässt die Stätten ihrer glücklichen Tage und siedelt nach Marburg über mit dem festen Entschluss, ihr Leben ganz dem Dienst des Herrn zu weihen. – Gar manches schwere Opfer verlangte die Zurüstung zu dieser ihrer Kreuzfahrt. Darunter war nicht das kleinste die Trennung von ihren Kindern. Am Karfreitag 1229 löste Elisabeth feierlich die äußeren Bande, die sie noch an die Welt knüpften, und reihte sich ein in die Schar des Meisters, den ihr Herz schon auf der Wartburg grüßte. Kutte und Strick des heiligen Franziskus wurden ihr Streitzeichen. Alle Habe, die ihr das Recht der Fürstenwitwe zuführte, verwendete sie für die Unglücklichen, die die Stadtgemeinschaft als eine Last betrachtete. Sie sammelte vom faulenden Stroh die Siechen in ein eigenes Hospital und füllte abgezehrte Bettlerhände in allen Winkeln der Stadt. Meister Konrad von Marburg, den bereits Ludwig als geistlichen Ratgeber für seine Gemahlin auf die Wartburg berufen hatte, leitete ihre Schritte auf dem Weg zur Vollendung.

 

Am 19. November 1231 ging die königliche Bettlerin zur ewigen Ruhe ein. Ihr Lehrmeister und Beichtvater Konrad sammelte alle wunderbaren Geschehnisse, die sich an Elisabeths Grab abspielten, und berichtete sie an das Oberhaupt der Kirche. Am 27. Mai 1235 erfolgte die Heiligsprechung durch Papst Gregor IX.

 

Im selben Jahr bereits, also schon vier Jahre nach ihrem Tod, künden neue Kirchen in Eisenach und Marburg das Lob der Gottesfreundin. In Marburg baute der Landgraf Konrad die herrliche Elisabethkirche, und in Eisenach entstand nach dem Willen des reumütigen Heinrich Raspe das Dominikanerkloster, dessen Kirche als erstes deutsches Gotteshaus der heiligen Landgräfin geweiht wurde.

 

Möchte doch das Lebensbild der mildtätigen Frau den vielen selbstbezogenen Geistern unserer Zeit, die oft ihren krassen Egoismus hinter den Titeln und Emblemen von Vereinigungen verstecken, die sich eitel und prunkvoll als „sozial“ bezeichnen, eine Mahnung und Predigt sein. „Aurum et argentum in igne probatur, homo vero in camino humilitationis, Gold und Silber werden im Feuer erprobt, der Mensch aber in Not und Niedrigkeit.“ Elisabeth, die wahrhaft soziale Natur, hat im Schmelztigel bitterer selbstgewählter Armut ihre Seele vorbereitet auf das göttliche Reich, das den Glanz anderer Throne zu verschenken hat, als das Land Thüringen seiner Fürstin verleihen konnte.

 

Gesegnet ist die Hand, die milde Gaben schenkt,

Gesegnet ist der Blick, der sich zur Armut senkt,

Gesegnet ist dein Herz, das nur an andre denkt!

Jetzt ruht dein heil’ger Leib schon fast achthundert Jahr,

Doch strahlt, Elisabeth, dein Bildnis uns so klar;

Dem der es fromm beschaut, erschließt sich ganz sein Sinn,

Er nimmt von deinem Bild die heil’ge Mahnung hin:

Gesegnet ist die Hand, die sich zum Geben streckt,

Gesegnet ist das Wort, das Trost und Hoffnung weckt!

Die Not ist groß wie einst, trüb ist der Zeiten Lauf,

Wo Nächstenliebe wirkt, blühn Gottesrosen auf!