Die Geschichte der Dornenkrone

 

Gegenstände, die mit dem Leiden unseres Herrn in Verbindung standen, haben die Wechselfälle von zwanzig Jahrhunderten überstanden und werden in den verschiedensten Teilen der Welt verehrt. Rom besitzt, wie man es nicht anders erwartet, viele von ihnen. Aber Paris rühmt sich, einen der kostbarsten dieser Gegenstände zu besitzen, die Dornenkrone.

 

Im Evangelium wird uns berichtet, dass der römische Statthalter Pontius Pilatus Christus in der Gerichtsverhandlung fragte: „Bist du der König der Juden?“ Der göttliche Gefangene antwortete ihm indirekt und versicherte ihm sanft, aber bestimmt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Diese merkwürdige Antwort überraschte den Landpfleger, der ihn nochmals frug, diesmal aber in drängenderer Weise: „Bist du also ein König?“ Nun antwortete Christus direkt, dass er ein König sei, und erklärte die Art seines Königtums im Einzelnen: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“

 

Nach menschlichem Urteil war diese Behauptung Christi unter solchen Umständen der Gipfel der Torheit. Der, den man als den Sohn eines Handwerkers kannte, hatte von sich behauptet, dass er eine ganz außerordentliche Aufgabe zu erfüllen habe. Zwar hatte er erhabene Wahrheiten gepredigt und viele wunderbare Dinge vollbracht, aber gerade deshalb hatte er sich den Zorn der Juden und den Verdacht der Römer zugezogen, und sogar noch jetzt in seiner jämmerlichen Lage als einsamer und verlassener Gefangener fuhr er fort, seinen Königstitel zu verteidigen. Dies brachte seine römischen Wächter auf eine besondere Art der Verspottung. Sie schleppten ihn in ihre Kaserne und zwangen ihn, sich niederzusetzen. Dann warfen sie einen zerrissenen purpurnen Mantel um seine Schultern, gaben ihm ein hohles Schilfrohr in die Hand, flochten von dicken, scharfen Dornen eine Krone und pressten sie ihm aufs Haupt. Als er so mit Königsgewand, Zepter und Krone versehen war, schritten sie einzeln an ihm vorüber, beugten unter lautem Spottgelächter ihre Knie vor ihm und riefen: „Sei gegrüßt, du König der Juden!“ Hierauf schlugen sie ihm ins Gesicht.

 

Nach der Auferstehung unseres Herrn sammelten seine Freunde in liebender Weise alle Gegenstände, die mit seinem Leiden und seinem Tod zu tun gehabt hatten. Die ersten drei Jahrhunderte wurden diese Gegenstände ängstlich von der Christengemeinde in Jerusalem behütet. Obwohl viele der frühen Schriftsteller die Dornenkrone nicht erwähnen, haben wir doch eine Kette von Zeugen, die uns verlässlich über sie berichten. Der heilige Paulinus von Nola (gest. 431) erwähnt sie in einem um das Jahr 400 geschriebenen Brief. Nach 500 werden die Zeugen zahlreicher. Der heilige Germanus von Autun (gest. 576) sagt, er habe auf einer Pilgerreise nach Jerusalem einen der Dornen von Kaiser Justinian als Geschenk erhalten. Der heilige Gregor von Tours (gest. 594) erzählt uns, dass die Dornen an verschiedenen Orten den Gläubigen zur Verehrung gezeigt wurden und dass man manchmal beobachtete, dass sie zu sprossen anfingen. Aus diesem Zeugnis kann man entnehmen, dass einige der Dornen um diese Zeit bereits losgelöst waren. 798 oder 802 sandte Kaiserin Irene Karl dem Großen mehrere Dornen, welche dieser dem Dom von Aachen schenkte. Als Papst Leo XIII. diese Kirche einweihte, wurden unter den Reliquienschätzen acht Dornen aufgeführt. Einige dieser Dornen wurden in der Folgezeit an die Herrscher verschiedener Länder verschenkt.

 

Die ursprüngliche Krone blieb in der Kalvarienbergkapelle bis 614, wo sie von den Persern, die in jenem Jahr Jerusalem eroberten, weggeschleppt wurde. Einige Zeit nachher wurde sie wieder zurückgegeben, und der Patriarch, der heilige Sophronius, der im Jahr 630 die heilige Stadt besuchte, berichtet, dass er die Krone zusammen mit anderen Reliquien dort sah. Sein Zeugnis wird durch den heiligen Johannes von Damaskus (gest. zwischen 754 und 787) bestätigt. In den folgenden 4 Jahrhunderten war Jerusalem im ungestörten Besitz des heiligen Schatzes. Im Jahr 1063 wurde die Dornenkrone nach Konstantinopel verbracht und in der Kapelle des kaiserlichen Palastes aufbewahrt. So lesen wir in einem Brief des Kaisers Alexius I. an Robert von Flandern im Jahr 1101. Als die Kreuzfahrer im Jahr 1204 Jerusalem einnahmen, fanden sie die Krone in dieser Kapelle, und Kaiser Balduin I. sandte einen der Dornen an König Philipp August von Frankreich. Als sein Nachfolger Balduin II. in große Geldverlegenheit kam, verpfändete er die kostbare Reliquie an die Republik Venedig, bot sie aber danach König Ludwig IX. von Frankreich an, um dafür Unterstützung für sein verfallendes Kaiserreich zu erlangen. König Ludwig kaufte die Krone um die gewaltige Summe von 160.000 Franc (ungefähr 4 Millionen Franc nach moderner Währung vor dem Euro) und ordnete ihre Verbringung nach Paris durch Dominikanermönche an. Unter den mit dieser heiligen Aufgabe betrauten Mönchen befand sich der selige Bartholomäus von Breganz, der einen der Dornen erhielt, für den er eine besondere Kapelle in Vicenza errichten ließ. Dort wird dieser heute noch fromm verehrt. Als die Prozession mit der Dornenkrone Villeneuve erreichte, ging ihr der König mit großem Gefolge entgegen und begleitete sie nach Paris hinein, wo die gesamte Einwohnerschaft sie begrüßte. Welch farbenprächtiges Bild muss es gewesen sein, den heiligmäßigen Monarchen zu sehen, wie er barfuß an der Spitze der Prozession dahinschritt und auf einem Kissen die Krone seines göttlichen Meisters trug!

 

Die Dornenkrone wurde vorübergehend in der St.-Nikolaus-Kapelle der Kathedrale von Notre Dame aufbewahrt, während der König den berühmten Baumeister Pierre de Montereau beauftragte, innerhalb seines Palastes – der später der Justizpalast wurde – eine Kapelle zu errichten, die würdig sei, diese Krone aufzunehmen. In ein paar Jahren wurde diese heilige Kapelle, die „Sainte Chapelle“, wie sie heute noch genannt wird, fertiggestellt. Der herrliche Bau gilt als eine vollkommene Perle der Gotik. Die Kapelle hatte eine wechselnde Geschichte in den einzelnen Jahrhunderten, besonders während der verschiedenen Revolutionen. Von 1249 bis 1791, als die Krone ununterbrochen dort aufbewahrt wurde, war sie der Mittelpunkt großer Frömmigkeit und Verehrung. Als Störungen der öffentlichen Ruhe zu befürchten waren, ordnete König Ludwig XVI. im Jahr 1791 die Verbringung der Krone in die Abtei St. Denis an. Zwei Jahre später vergriffen sich die Revolutionäre an der Krone und gaben sie nach Einschmelzung des kostbaren Schreines einem der Ihrigen zur Verwahrung, wobei sie sie spottend als „Mittel zur Aufrechterhaltung des Aberglaubens“ bezeichneten.

 

Während der ersten Jahre der Revolution ging sie durch viele Hände und kam schließlich in die Nationalbibliothek, wo sie, in drei Stücke zerbrochen, bis 1795 lag, als Abbé Cotterel in den Besitz eines der Stücke kam. Zehn Jahre später sicherte sich Herr von Astros die anderen Stücke, und man stellte die Krone wieder her. Ein von Kardinal de Belloy eingesetzter Ausschuss bestätigte ihre Echtheit, und im Jahr 1806 wurde sie wieder zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt. Im August dieses Jahres verließ sie zum letzten Mal die Sainte Chapelle und wurde in feierlicher Prozession nach Notre Dame verbracht, wo sie bis zum heutigen Tag ruht. Kaiser Napoleon I. ließ einen kostbaren Reliquienschrein für sie herstellen. Ein anderer Reliquienschrein wurde 1896 aus Bergkristall und mit Edelsteinen besetztem Silber verfertigt.

 

Die weitere Geschichte der Sainte Chapelle ist nicht ohne Interesse. Von den Revolutionären im Jahr 1791 verweltlicht, wurde sie zuerst als Klub, dann als Kornspeicher, noch viele Jahre nachher als sicherer Aufbewahrungsort für Gerichtsakten verwendet. Im Jahr 1837 beschloss König Louis Philippe, sie wieder in ihrer früheren Pracht erstehen zu lassen, und zog dazu die geschicktesten Handwerker heran. Die Aufwendungen betrugen etwa 2 Millionen Franc. Während der Orgien der Communards im Jahr 1871 blieb sie wie durch ein Wunder erhalten, während alle Gebäude rings um sie in Flammen aufgingen. Fast all ihrer religiösen Bedeutung entkleidet, ist die Kapelle heute ein Nationaldenkmal. Wie sie so inmitten des Betriebes des Gerichtsgebäudes steht, erhebt sie ihr Haupt noch gegen Himmel und ist eine traurige, aber ergreifende Erinnerung an die Tage, als der Glaube in Frankreich noch lebendig und stark war.