Dasein Gottes

 

Es ist auffällig, dass heilige Frauen und Männer, die im Glanz und geselligen Leben aufgewachsen sind, sich manchmal in eine öde, unwirtliche und einsame Gegend zurückzogen. Aber wenn diese Einsiedler auch den Umgang mit der Welt gänzlich mieden, so fühlten sie sich doch nicht vereinsamt, denn Gott war ihnen nahe und mit ihm verkehrten sie unaufhörlich in Gebet und Betrachtung. In unseren Tagen glauben sehr viele nicht an Gottes Dasein. Darum verstehen sie auch nichts vom innigen und vertrauten Verkehr einer liebenden Seele mit Gott. Gibt es einen Gott? Ja, es gibt einen Gott. Dies sagt uns die Natur, die göttliche Offenbarung und die Stimme des Gewissens.

 

1. Der heilige Augustin ruft begeistert aus: „Mein Gott, dich habe ich gesucht, um deinetwillen durchwanderte ich den Erdkreis. Die Erde habe ich gefragt, ob sie mein Gott nicht sei, und sie erwiderte mir: „O nein!“ und dieselbe Antwort gab mir alles, was sich auf Erden befindet. Ich fragte das Meer und die Abgründe und die lebenden Wesen, die da wohnen und sie antworteten mir: „Auch wir sind dein Gott nicht, suche ihn über uns.“ Ich fragte daher die Luft, und sie erwiderte samt allen ihren Bewohnern: „Du täuschst dich, mein Sohn. Auch ich bin dein Gott nicht.“ Ich fragte den Himmel, die Sonne, den Mond und die Sterne, und sie alle sprachen: „Wir sind dein Gott nicht.“ Und ich sprach zu diesen allen: „Ihr habt mir erklärt, dass ihr mein Gott nicht seid, so erzählt mir doch wenigstens etwas von ihm.“ Da riefen alle mit mächtiger Stimme: „Er hat uns gemacht.“ Der Kreaturen Antwort ist ein lautes Zeugnis für Gottes Dasein, denn alle rufen mir zu wie aus einem Mund: „Gott hat uns gemacht.“ Darum sagt der Apostel (Röm 1,20): „Das Unsichtbare von ihm, seine ewige Kraft und Gottheit, wird in den erschaffenen Dingen erkannt.“ (St. Aug. Solilg. 31) Ein Gottesleugner kam einst zu dem berühmten Astronomen Athanasius Kirchner, sah dort einen schönen Himmelsglobus, und fragte, wer ihn denn gemacht habe? Kirchner antwortete, es habe ihn niemand gemacht und er müsse von ungefähr dorthin gekommen sein. „Das ist ja lächerlich“, erwiderte der Ungläubige. Kirchner blickte ihn ernst an und sprach: „Sie wollen nicht glauben, dass dieser kleine und schlechte Körper von sich selbst entstanden sei? Wie können Sie glauben, dass das viel größere Original von sich selbst durch Zufall so geworden sei, wie wir es jetzt sehen und bewundern?“ Da war sein Freund von seiner Torheit überführt und bemühte sich von nun an, immer mehr zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. – Als man einst den heiligen Einsiedler Antonius fragte, wie er denn ohne Bücher in einer solchen Abgeschiedenheit leben könne, entgegnete er: „Mein Buch ist die ganze Natur, Himmel und Erde mit allen erschaffenen Dingen. Die ganze Schöpfung ist eine Schrift Gottes und ich kann täglich darin von der Weisheit, Güte und Allmacht Gottes lesen. Die Sterne des Firmaments, wie die Blumen des Feldes, zeigen mir Gott in seiner Majestät und Liebe.“ In der Tat: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände.“ (Psalm 18,2) „Frag nur die Tiere, und sie lehren es dich; und die Vögel des Himmels, und sie zeigen es dir an. Rede mit der Erde, und sie antwortet dir, und es erzählen es die Fische des Meeres. Wer weiß nicht, dass dies alles die Hand des Herrn getan hat?“ (Hiob 12,7-9)

 

2. Noch kräftiger, als die Natur, überzeugt uns die Offenbarung vom Dasein Gottes. „Nur der Tor spricht in seinem Herzen: es ist kein Gott.“ Jede Zeile der Heiligen Schrift sagt uns: es ist ein Gott. Durch die Offenbarung haben wir erst den rechten Weg zu Gott gefunden, auf dem wir mit dem Licht der Vernunft nie gelangt wären. Viktorinus, dessen Bekehrungsgeschichte uns der große Kirchenlehrer Augustinus in seinen Bekenntnissen erzählt, stand unter den Gelehrten des heidnischen Altertums in höchstem Ansehen. Er war hochgelehrt, in allen freien Künsten erfahren und hatte sehr viele Werke der Weltweisen gelesen, durchdacht und erläutert. Er war der Lehrer sehr vieler edler Ratsherren, seiner Verdienste wegen errichtete man ihm zu Rom sogar eine Ehrensäule, und dennoch war er bei allem dem ein Götzendiener. Wie kam es, dass dieser große Mann sich nicht schämte, in Christus ein Kind zu werden, seinen Nacken unter das niedrige Joch des Evangeliums zu beugen und die Schmach des Kreuzes an der Stirn zu tragen? Antwort: Er las die Heilige Schrift, durchforschte alle Schriften der Christen mit größtem Fleiß, und dann gestand er dem heiligen Simplician, aber noch nicht öffentlich, sondern nur heimlich und im Vertrauen: „Ich weiß nun, dass ein Gott ist, ich bin ein Christ.“ Er las weiter in der der Heiligen Schrift in frommer, heilsbegieriger Gesinnung, und siehe da, er fand die Stelle: „Wer mich bekennen wird vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem Vater, der im Himmel ist.“ Ohne Säumen und Furcht sprach er von nun an frei und offen, überall und allezeit seinen Glauben an den einen wahren Gott aus und bekannte sich freudig und standhaft zur heiligen Lehre des Christentums. – Die Kirche Gottes ehrt ihn unter der Zahl der Heiligen. – In eines jeden Menschen Gewissen ist es geschrieben: es gibt einen Gott. Soll der Tor allein Recht behalten, der sagt: es ist kein Gott? Was würde man von einem Kind sagen, das behauptete: ich habe keinen Vater und niemand hat mich aufgezogen? – wir beugen demütig unseren Nacken und sprechen: „Ich glaube an dich, o Gott. Stärke meinen Glauben.“ Amen.