Codex Sinaiticus

 

Ein Gelehrter findet ein Buch – Vor den Flammen gerettet

 

Der deutsche Gelehrte Konstantin von Tischendorf beschloss im Jahr 1839, sich dem Textstudium des Neuen Testamentes zu widmen. Sein Ehrgeiz war es, den ursprünglichen Text wiederherzustellen, so wie er aus der Feder der Verfasser der heiligen Bücher kam.

 

So zog er aus, um die Bibliotheken von Paris, Florenz, Mailand und anderen großen Städten in Europa zu durchforschen, später ging er nach dem Osten und besuchte Ägypten, Arabien, Palästina und Griechenland. Er hatte sich vorgenommen, jede griechische Handschrift, die ihm unter die Finger kommen sollte, zu untersuchen. „Die literarischen Schätze“, so erklärte er, „nach denen ich suchte, stammten meist aus den Klöstern des Ostens, wo jahrhundertelang fleißige Mönche die heiligen Schriften abgeschrieben und Handschriften aller Art sammelten. Ich fragte mich, ob es nicht sein könnte, dass in irgendeinem Winkel eines griechischen, koptischen, syrischen oder armenischen Klosters kostbare Handschriften seit Jahrhunderten in Staub und Vergessenheit herumlägen. Wäre nicht jedes Blatt Pergament, das man dort fände, bedeckt mit Handschriften aus dem 5., 6. Oder 7. Jahrhundert, ein literarischer Schatz und eine wertvolle Bereicherung unseres christlichen Schrifttums?“

 

Dieser Wunsch fand eine über alle Erwartungen hinausgehende Erfüllung. „Es war am Fuß des Sinai“, schreibt er, „im Katharinenkloster, dass ich die Perle meiner Nachforschungen entdeckte.“ Im Mai 1844 besuchte er die Bibliothek dieses russisch-orthodoxen Klosters. In einem der Räume stieß er auf einen mächtigen Papierkorb, der voll alter Pergamente war. Der Bibliothekar des Klosters sagte ihm lächelnd, dass schon zwei Körbe mit solch altem Zeug verbrannt worden wären. Tischendorf hob einige der alten Blätter auf und war ganz erstaunt, Abschriften des Alten Testamentes in Griechisch zu finden. Er bat den Klosteroberen, ihm diese zum Verbrennen bestimmten alten Blätter zu überlassen, und erhielt 43 Blätter. Als aber der Archimandrit sah, wie hoch sein Gast diese Blätter schätzte, trat er ihm die übrigen 86 Blätter aus dem Alten Testament nicht mehr ab. Er durfte sie nur verzeichnen und einige Seiten genau abschreiben.

 

Mit seinem großen Fund kehrte der Gelehrte wieder nach Leipzig zurück und bearbeitete dort die 43 Pergamentblätter. (Anm. Sie wurden der Leipziger Universitätsbibliothek unter dem Namen „Codex Friderico-Augustianus“ – Name des Königs von Sachsen – einverleibt. Den Fundort aber verriet Tischendorf nicht.) Er hatte beschlossen, eines Tages dorthin zurückzukehren, um die wertvollen Pergamentblätter wenigstens abzuschreiben. Im Februar 1853 stand er wieder vor der Tür des Klosters. Aber im ganzen Kloster wollte man nicht mehr das Geringste von den 1844 zurückgelassenen Pergamentblättern wissen. Am 31. Januar 1859 betrat Tischendorf zum dritten Mal das Kloster, diesmal mit einer Empfehlung des russischen Kaisers versehen. Er wurde herzlich aufgenommen. Nur acht Tage wollte er bleiben. Diese wenigen Tage verwendete er zum Durchsuchen der Handschriften, fand aber das Gewünschte, die 86 Blätter, nicht. Am Abend vor der geplanten Abreise sagte ihm der Hausverwalter, mit dem er einen Spaziergang gemacht hatte: „“Auch ich habe in meiner Zelle ein griechisches Altes Testament, das will ich dir doch zeigen!“ Er brachte ihm einen dicken Band, der in ein rotes Tuch eingeschlagen war.

 

Tischendorf erzählte: „Ich nahm die Umhüllung weg und entdeckte zu meiner großen Überraschung nicht nur jene Teile, die ich vor 15 Jahren aus dem Korb gezogen und zurückgelassen hatte, sondern auch Teile des Alten Testamentes, das ganze Neue Testament und dazu noch den Brief des Barnabas und den „Hirten des Hermas“. (Anm. Diese beiden Schriften gehören nicht zum kanonischen Schriftbestand des Neuen Testamentes, haben aber ebenfalls ein sehr hohes Alter und standen in der alten Kirche in sehr hohem Ansehen. Der Brief des Barnabas war seit Jahrhunderten verschollen und der „Hirte des Hermas“ überhaupt nur dem Namen nach bekannt.) Voller Freude, die ich aber diesmal zu verbergen verstand, bat ich in unauffälliger Weise um die Erlaubnis, die Handschrift auf mein Schlafzimmer nehmen zu dürfen, um sie in Ruhe betrachten zu können. Dort angekommen, konnte ich mich ganz der Freude hingeben, die ich empfand. Ich wusste, ich hielt den kostbarsten Bibelschatz, der existiert, in Händen, ein Schriftstück, dessen Alter und Wichtigkeit alle Handschriften, die ich in den vergangenen 20 Jahren meines Studiums bearbeitet hatte, übertraf.“

 

Beim düsteren Schein einer Lampe saß Tischendorf in der Kälte der Nacht am Tisch und schrieb den so lange vermissten Barnabas-Brief ab. Zu einer solchen Zeit zu schlafen, erschien ihm direkt unerlaubt.

 

Am anderen Morgen bat Tischendorf, der nach Kairo abreisen wollte, den Ikonomos, ihm zu erlauben, die Handschrift mitzunehmen, um eine ganze Abschrift herzustellen. Aber da der Ordensobere nicht anwesend war, wurde die Erlaubnis nicht erteilt. Tischendorf jagte nun hinter dem Ordensoberen her und erhielt die Zustimmung. Am 24. Februar bekam er seinen Schatz zurück. Er verlor keine Zeit und scheute keine Mühe, eine Abschrift der 110.000 Zeilen herstellen zu lassen. (Anm. Ein deutscher Arzt und ein deutscher Apotheker in Kairo besorgten die Abschreibearbeit, und Tischendorf verglich die Handschrift mit der Abschrift. Dabei entdeckte sein geübtes Auge, dass nicht ein einzelner diese große Handschrift verfertigt hatte, sondern dass sich vier Abschreiber in die Arbeit geteilt hatten. Außerdem unterschied er noch sieben spätere Korrektoren. Auf den 346 Blättern fanden sich mehr als 12.000 Korrekturen.)

 

Am 28. September 1859 wurde ihm durch den Archimandriten Agathangelos in Kairo der Codex übergeben, damit er ihn mit nach Leipzig nehme, dort herausgebe und ihn dann im Namen der Mönche dem russischen Kaiser schenke. Drei Jahre später hatte er einen möglichst genauen Nachdruck (Faksimile) der Handschrift in vier Foliobänden fertiggestellt. (Anm. Der Photographie wurde der Druck vorgezogen. Die deutsche Druckerei von Giesecke und Devrient musste erst eigene Lettern gießen, die genau den Buchstaben des Codex angeglichen wurden, nicht nur nach Form und Größe, sondern auch im Abstand der Buchstaben voneinander. Die 300 Exemplare des Faksimile-Typendruckes kamen gerade noch rechtzeitig zur 1000jährigen Jubelfeier der russischen Monarchie 1862 an. 20 Exemplare davon waren für den Kaiser auf Pergament gedruckt. In dem 4. Folioband gab Tischendorf 1500 Erläuterungen, deren größter Teil die Änderungen betrifft, die die Korrektoren vom 4. bis 12. Jahrhundert in die Handschrift am Rand oder in den Text eingetragen hatten.) Seine Majestät hatte das Unternehmen mit 300.000 Mark finanziert und verteilte die Exemplare in der ganzen christlichen Welt. Eins befindet sich in der öffentlichen Bibliothek in New York. Papst Pius IX. selbst sprach in einem Handschreiben dem hervorragenden Autor seinen Glückwunsch und seine Bewunderung aus.

 

Die Auffindung des berühmten Pergamentes im Jahr 1844, des letzten der wichtigsten Codices, die man bis jetzt fand, war für Tischendorf der höchste Triumph seines Lebens. Da die Handschriften des griechischen Bibeltextes für praktische Gebrauchszwecke mit Buchstaben des Alphabetes bezeichnet werden und ein passender lateinischer Buchstabe für den „Codex Sinaiticus“ genannten Codex fehlte, wurde er von seinem Entdecker mit dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabetes, mit dem Aleph bezeichnet. Dieses unbezahlbare Dokument wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. in feiner Initialschönschrift (Großbuchstaben) geschrieben.

 

Der Codex hat das Format 43:37,8 Zentimeter und besteht aus bestem Pergamentpapier. Jede Blattseide zeigt vier enge Kolumnen, was die Möglichkeit einer Abschrift von einer Originalpapyrusrolle andeutet. Jede Kolumne besitzt 48 Zeilen fortlaufender, schöner und einfacher Großbuchstaben. Die Abschrift enthielt ursprünglich die ganze griechische Bibel und die beiden genanntren Apokryphen. Diese letzteren, das ganze Neue Testament und ein kleiner Teil des Alten Testamentes waren glücklicherweise noch im letzten Moment aus dem Papierkorb gerettet worden.

 

Unter den großen Codices nimmt der Codex Sinaiticus die zweite Stelle ein. Der wertvollste Codex und die älteste Biobelhandschrift ist ohne Zweifel der Codex Vaticanus B, der sorgfältig in der Vatikanischen Bibliothek in Rom aufbewahrt wird. Dieser Codex ist die älteste Vollbibel, die wir besitzen. Tischendorf glaubte, dass der Codex Sinaiticus eine der 50 kostbaren Bibelhandschriften ist, die, wie der Kirchenhistoriker Eusebius uns in seinem Leben Konstantins des Großen berichtet, auf Befehl Konstantins hergestellt wurden.

 

Viele Jahre lang ruhte der Codex Sinaiticus als kostbarer Schatz in der öffentlichen Bibliothek in Petersburg. Am 16. Dezember 1933 verkaufte ihn die russische Regierung um 500.000 Dollar dem britischen Museum in London.

 

Im Mai 1944 wurde die Jahrhundertfeier der Auffindung des Codex Sinaiticus in der ganze Welt mit einer ehrenden Erinnerung an Konstantin von Tischendorf begangen.