Die Claretiner

 

Im Geist von Fatima

 

Von Charles Gietow CMF

Aus Catholic Digest Bldg., 41 E. Eight St., St. Paul, 2, Minn. März 1948

 

Beinahe ein Jahrhundert ist vergangen, seit Anton Claret, ein unbekannter katalonischer Priester, wieder einmal bewies, dass die Kirche desto kräftiger wächst, je starker sie angegriffen wird. Inmitten einer von antiklerikalen Ideen beherrschten Welt gründete er einen religiösen Orden, um den Nöten der Zeit zu begegnen.

 

Am 16. Juli 1849 rief der Geistliche Claret fünf andere Priester, alle Katalonier wie er, zusammen, um eine Missionsgruppe zur Wiedererweckung des Glaubenseifers, der durch die Spärlichkeit der Missionare sehr nachgelassen hatte, zu bilden. Zu jener Zeit hatte die spanische Regierung unter dem Einfluss freimaurerischer Elemente die religiösen Orden aufgehoben und ihre Mitglieder gezwungen, entweder ins Exil zu gehen oder im geheimen, so gut sie konnten, weiter tätig zu sein. Da war es offensichtlich nicht das richtige Mittel zur Lösung des Problems, einen neuen religiösen Orden zu gründen. Die Lösung jedoch, auf die Claret kam, umging dieses Gesetz, indem es die Mitglieder zeitweilig von den herkömmlichen drei Ordensgelübden dispensierte. Die Missionare, die durch ein jährliches Treueversprechen in ihrer Kongregation zusammengehalten wurden, füllte nicht nur die Lücke aus, die durch den Wegfall der alten Orden entstanden war, sondern brachten auch den neuen Geist ihres Gründers mit in ihre Arbeit der Seelenrettung.

 

Claret hatte diese Notwendigkeit einer religiösen Erneuerung schon lange gefühlt. Kaum war er 1835 ausgeweiht worden, als er bereits wahrnahm, wie der Glaube in den Massen infolge des Priestermangels schwand. Er bat seinen Bischof, ihn von seiner kleinen Pfarrei Sallent zu beurlauben, um sein Leben ganz dem Abhalten von Volksmissionen und Exerzitien zu widmen. Damit begann seine erstaunlich rührige Laufbahn als Missionsprediger, Schriftsteller und Organisator. Neben seinen beständigen Predigten – zuweilen hielt er bis zu 12 Predigten im Tag – schrieb er über Theologie, Apologetik, Rechtswissenschaft, Medizin, Musik, Soziologie, Geschichte und Landwirtschaft. Ein Schrifttum, das alles zusammen 144 Bände füllt.

 

Seine Tätigkeit fand ihre geistige Nahrung und Stütze im Gebet und besonders in der Verehrung des Herzens Mariens, die gerade damals Verbreitung fand. Die Herz-Marien-Bruderschaft, die der ehrwürdige Pfarrer der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris, Charles Dufriche Des-Genettes, 1836 gegründet hatte, zog wegen der überraschenden Bekehrungen, die durch ihre Gebete zustande kamen, große Aufmerksamkeit auf sich. Claret übernahm diese Verehrung als bestes Hilfsmittel für sein Missionswerk. Er schrieb über sie, predigte über sie während seiner Missionen und gründete, wo es nur möglich war, eine solche Bruderschaft.

 

Nach 14jähriger Tätigkeit als Predigtapostel beschloss er, sich Helfer zu gewinnen, durch die er sozusagen sich an vielen Plätzen zu gleicher Zeit befinden und sein Werk über die Spanne eines Menschenlebens hinaus ausdehnen konnte. Als er seine Gesellschaft gründete, erfüllte er ihre Mitglieder mit seinem Eifer und seiner Idee, die Sünder durch die Vermittlung des Herzens Mariens zu gewinnen. So war es ganz natürlich, dass er seine Gründung unter den Schutz der Muttergottes stellte und sie Kongregation der Söhne des Unbefleckten Herzens Mariens nannte. Daher fügen die Mitglieder ihrem Namen die Anfangsbuchstaben C.M.F. d.h. „Cordis Mariae Filius“, Sohn des Herzens Mariens, bei.

 

Dem Zweck ihrer Gründung entsprechend, tragen die Claretiner – unter diesem Namen ist der Orden bekannt – kein Ordenskleid. Sie haben lediglich die schwarze Soutane des Weltklerus.

 

Nach den ersten 20 Jahren ihres Daseins zählte die Kongregation nur 6 Missionshäuser, die alle in Spanien lagen. Aber ihr Gründer hatte vorhergesagt, dass das Wachstum ein langsames sein würde: Ihre Verbreitung über die Welt würde erst dann erfolgen, wenn „das Blut eines Märtyrers den Baum der Einrichtung begossen habe“. Im Jahr 1868 brach eine neuerliche Revolution und Kirchenverfolgung in Spanien aus. Die Claretiner flohen nach Perpignan in Frankreich, und auf den Kopf des Generalsuperiors war ein Preis ausgesetzt. Pater Franz Crusat fiel in die Hände des kirchenfeindlichen Pöbels und wurde mit Messern zu Tode gestochen.

 

Zwei Jahre später, im Jahr 1870, verließen zwei Missionsgruppen Frankreich, um sich ins Ausland zu begeben. Die eine fuhr auf Ersuchen Kardinals Lavigerier nach Algier in Nordafrika und die anderen nach Santiago in Chile. Mit diesen beiden Überseegründungen fand sich die Kongregation in der einzigartigen Lage, drei Häuser zu besitzen, von denen jedes in einem anderen Erdteil lag. Ihr Wachstum hatte damit begonnen.

 

Inzwischen hatte der Heilige Stuhl am 11. Februar 1870 die Regel der Claretiner bestätigt. Erzbischof Claret – er war dies kurz nach der Gründung seines Ordens geworden – kehrte, gesundheitlich gebrochen, vom Vatikanischen Konzil zurück, legte seine Gelübde auf dem Totenbett ab und starb bald darauf am 24. Oktober 1870 im Zisterzienserkloster zu Frontfroide in Frankreich. Am 25. Februar 1935 sprach Papst Pius XI. Antonius Maria Claret selig. Papst Pius XII. sprach ihn am 7. Mai 1950 heilig. Die katholische Kirche feiert sein Fest am 24. Oktober.

 

Neben den drei gewöhnlichen Gelübden legen die Claretiner auch einen Eid ab, lebenslänglich in der Kongregation zu bleiben. Sie weihen sich dem Unbefleckten Herzen Mariens und verzichten auf Annahme aller persönlichen Würden, ausgenommen der Fall, dass ein ausdrücklicher Befehl des Heiligen Stuhles vorliegt. Da es das Ideal eines Ordens ist, den Geist des Gründers widerzuspiegeln, haben die Claretiner die vielseitige Tätigkeit des heiligen Antonius Maria Claret fortgeführt. Ihr dreifaches Ziel ist folgendes: Persönliche Heiligung, Vermehrung der Ehre Gottes und Rettung aller Seelen der Welt. Als Folge dieser weiten Einstellung legen sich die Claretiner nicht auf eine bestimmte Seite des Apostolates unter Ausschluss der anderen fest. Sie sind heute als Pfarrgeistliche, Missionsprediger, Exerzitienmeister, Jugenderzieher, wissenschaftliche Forscher und Heidenmissionare tätig. Auch in der katholischen Presse sind sie sehr rührig und geben 96 Zeitschriften in vielen Sprachen heraus. In den Vereinigten Staaten besitzen sie zwei Monatszeitschriften, den „Immaculate Heart Messenger“ (Boten des Unbefleckten Herzen Mariens) und die „Voice of St. Jude“ (Die Stimme des heiligen Judas Thaddäus). In Rom veröffentlichen sie die lateinische Zeitschrift „Commentarium pro Religiosis“ zum Studium der Probleme des Kirchenrechts, soweit diese religiöse Orden betreffen. Ihre Tätigkeit aber würde fruchtlos sein, wie der heilige Claret seinen Männern sagte, wenn sie nicht dauernd vom Geist der Frömmigkeit genährt würde. Der Claretiner, der sich bemüht, die Welt durch Maria zu Gott zu bringen, muss zu allererst selbst ein Liebhaber Gottes und der Muttergottes werden. Er beginnt seinen Tag um 4.30 Uhr morgens, wo er mit dem Gruß geweckt wird, „Deo gratias et Mariae“ (Gott und Maria sei Dank), worauf er antwortet „Semper Deo gratias et Mariae“. Um 5 Uhr findet sich die ganze Gemeinschaft zu einer Stunde der Betrachtung in der Kapelle ein. Vor dem Abendessen begibt man sich wieder zur Gewissenserforschung und geistigen Lesung geschlossen in die Kapelle. Nach dem Abendessen wird gemeinschaftlich der Rosenkranz gebetet. Die Marienverehrung dieser Kongregation wird dadurch besonders betont, dass bei jedem Stundenschlag der Uhr ein Ave gebetet wird.

 

Seit den Erscheinungen von Fatima haben die Claretiner ihre Bemühungen zur Ausbreitung der Verehrung des unbefleckten Herzens Mariens verdoppelt. Die Weihe der Welt an das Herz Mariä durch Papst Pius XII. am 31. Oktober 1941 war die Erhörung einer Bitte, die diese Kongregation seit 1917 dem Heiligen Stuhl wiederholt unterbreitet hatte.

 

Zu Ehren ihrer Patronin haben die Claretiner an die 75 Kirchen errichtet und bauen die internationale Gedächtniskirche zu Ehren des unbefleckten Herzens in Rom. Wenn diese Kirche vollendet sein wird, wird sie die größte in der ewigen Stadt nach St. Peter sein. Die Claretiner bemühen sich nach dem Motto zu leben, das auf dem Wappen ihrer Kongregation zu lesen ist: „Ihre Söhne haben sich erhoben und verkünden ihre Gnade“ (Sprichwörter 31,28).

 

Der Heilige Stuhl hat den Claretinern fünf Missionsgebiete anvertraut. Das älteste davon ist das Vikariat Fernando Po in Zentralafrika, das sie 1883 erhielten. Dann gingen sie im Jahr 1909 in den Chaco, in die Dschungel Kolumbiens. Im Jahr 1926 wurde das Vikariat Darien in Panama unter die direkte Betreuung durch die amerikanische Provinz gestellt. Im gleichen Jahr übernahmen sie auch die Präfektur Tocatins im Inneren Brasiliens und im Jahr 1933 die Präfektur Tungki in China. In allerneuester Zeit sandte die amerikanische Provinz ihre erste Missionsgruppe auf die Philippinen.

 

Die Claretiner kamen von Mexiko aus nach den Vereinigten Staaten und zwar am 18. September 1902. Bischof John Anthony Forest von San Antonio in Texas berief sie zur Mithilfe für die Seelsorge bei der amerikanischen Bevölkerung in seine Diözese. Er übergab ihnen die Kathedrale von San Fernando. Die Kongregation verbreitete sich so schnell im Südwesten des Landes, dass 21 Jahre später, 1923, die amerikanische Provinz errichtet wurde.

 

An der katholischen Universität in Washington, D.C. wurde 1922 ein Studienhaus errichtet, und in verschiedenen Orten der Vereinigten Staaten Seminarien. Außerdem haben die Claretiner in Rom ein internationales Kolleg, das Claretianum, an dem Studenten aus vielen Ländern studieren.

 

Ein schwerer Schlag für die Kongregation bedeutete der spanische Bürgerkrieg. Viele Claretiner Kollegs, Seminarien und Kirchen wurden zerstört, 269 Claretiner wegen ihrer religiösen Haltung erschlagen. Ergreifend ist das Schicksal des Theologenseminars von Barbastro. Alle Mitglieder des Seminars, 51 an der Zahl, die meisten junge Theologiestudenten, wurden nach vergeblichen Versuchen, sie zum Abfall zu bewegen, vor ihren eigenen Gräbern erschossen. Eines der tröstendsten Vermächtnisse, das der heilige Claret seinen Söhnen hinterließ, ist das, was man gewöhnlich das große claretische Versprechen nennt, nämlich das Versprechen der endgültigen Rettung für alle Mitglieder, die innerhalb der Kongregation sterben. „Gott hat mir enthüllt“, schrieb er, „dass alle, die als Mitglieder der Kongregation sterben, nicht nur die ganz außergewöhnlich guten, sondern alle, am Ende gerettet werden“.

 

Heute (1948) zählen die Claretiner an 4000 Mitglieder und haben Niederlassungen in 25 Ländern. Der Generalsuperior residiert in Rom, der Provinzial der amerikanischen Provinz in Los Angeles in Kalifornien.

 

Anm. der Redaktion: Die Claretiner sind auch in Deutschland vertreten. Im Jahr 1924 kamen die ersten aus Spanien, dem Mutterland der Genossenschaft, und ließen sich auf dem Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen (Württemberg) nieder. Der Reihe nach wurden folgende Niederlassungen eröffnet: Weissenhorn bei Ulm a.D. zur Heranbildung der Missionszöglinge der unteren 6 Klassen des Gymnasiums und Noviziat des deutschen Ordensnachwuchses, Würzburg für die höheren Klassen des Gymnasiums, Heudorf bei Riedlingen (Württemberg), Miedary bei Beuthen für Pfarrseelsorge, Frankfurt/M. als Seminar für die Ordenstheologen, die die Jesuitenhochschule St. Georgen besuchen. Anlässlich der Vierteljahrhundertfeier des Bestehens der Niederlassung der Claretiner auf deutschem Boden soll der Zweig der Genossenschaft zur Ordensprovinz erhoben werden.

 

http://claretiner.org/