Christoph Columbus

 

Das weiße Banner mit dem grünen Kreuz flattert im Wind. Der Mann mit dem lebhaften, oft in die Ferne versinkenden Blick auf der Befehlsstelle der „Santa Maria“ ist Christoph Kolumbus, zu seiner Zeit Christobal Colon genannt, der Admiral. In seiner Seele paart sich die Liebe zur Natur mit der Sorge für die Männer seiner Begleitung. Colon ist ein Mann der Tat, der sein Ziel zu erreichen weiß und die Faustregeln der Lebensmeisterung kennt wie kein zweiter. Wer liest, wie bewunderungswürdig souverän und geduldig er alle Bedenken seiner Männer zerstreut hat, die zu murren beginnen, weil das ersehnte Land nicht auftauchen will, der wundert sich nicht, dass ihre Furcht vor ihm aus der Ehrfurcht entspringt. Er hat sich in der Hand, dieser kühne Weltumsegler – und die Wolken, die da wie eine Fata Morgana weit über dem Meer aus den Wellen steigen, gaukeln zwar auch ihm das Land nur vor, dem er zustrebt, aber sie können sein Gottvertrauen und seine Standhaftigkeit nicht erschüttern.

 

Und so segeln sie denn einsam über das weite, weite Meer. Wie fern ist die Heimat! Ohne Grenzen wogt das Meer von Horizont zu Horizont. Hier ist noch niemals ein Mensch gewesen – und die Vögel, die aus dem Himmel fallen und immer wieder nahes Land verheißen, setzen sich in paradiesischer Ahnungslosigkeit auf das ragende Takelwerk. Sie entfachen die entschwindende Hoffnung immer wieder neu. Die Mutlosigkeit der Besatzung wird so eher überwunden, und der gefährlich aufwuchernden Verzweiflung wird stets von neuem ein Riegel vorgeschoben. Aber die Unzufriedenheit auf den drei Schiffen wächst doch stetig, und das in dem Grad, in dem die Land verheißenden Winde sie alle zum Narren halten.

 

Wieder einmal steht der Admiral über die Karten gebeugt und berechnet die Schiffsposition. Er ist zuversichtlich und zufrieden, wenn ihm die meuterischen Absichten rings um ihn auch Sorgen bereiten. Die um ihn sind, spähen angestrengt über das Meer, denn jeder will das Land zuerst bemerkren, des hohen Jahrgeldes wegen, das dafür von der spanischen Regierung ausgesetzt ist, 468 Mark, doch damals zehnmal so viel wert wie heute. Dem Unfug, bei jeder Gelegenheit „Land!“, „Land!“ zu rufen, hat Kolumbus zwar gesteuert, indem er befahl, wenn irgendeiner so rufen und bis zum dritten Tag kein Land erscheinen werde, so solle der Rufer aller ferneren Ansprüche auf die Belohnung verlustig gehen. So wird die Ungeduld der Wartenden zwar etwas gemildert und eingeschläfert, aber unter der Decke glimmt der teuflische Funke weiter. Bis zur offenen Meuterei ist nur noch ein Schritt.

 

Plötzlich löst sich aus der Bordkanone der Pinta ein Schuss. Auf dem Begleitschiff hat sein Kommandant Martin Alfonso Pinzon Land gesehen. Laut ruft er vom Hinterdeck seines Schiffes aus: „Land, Land, Señor, ich bitte um den Lohn!“ Und wirklich, im Südwesten steigt ein Gebilde aus dem Wasser, das wie Land aussieht. Da wirft sich der fromme Kolumbus auf die Knie und dankt Gott mit dem „Gloria in excelsis Deo“. Langsam sinkt die Nacht in violetten Schleiern auf das Wasser und entzieht das Eiland den sehnenden Blicken. Schaukelnd durchfurchen die drei Karavellen den Ozean.

 

Am anderen Morgen klettern die Männer schon früh in den Mastkorb, um beim Aufgang der Sonne möglichst bald das erhebende Schauspiel des näher gerückten Fahrzieles zu sehen. Doch welche Enttäuschung! Nur Wasser und Himmel – soweit das Auge reicht. Wieder einmal sind sie von einer Abendwolke schmerzlich getäuscht worden.

 

So gehen die Tage im Wechsel von Mutlosigkeit und Spannung dahin, bei gutem Wetter und angenehmen Winden. Seevögel fliegen in südwestlicher Richtung über die Schiffe – ob man den Kurs von West nach Südwest ändern soll? Die Führer der Pinta und Nina sind dafür, der Admiral auf der Santa Maria aber bleibt fest, und so bleibt es bei der westlichen Richtung. Vom 10. Oktober ist uns ein Stimmungsbericht erhalten: „Es wollte die Mannschaft nicht länger aushalten, sie beklagte sich über den langen Weg. Allein der Admiral machte ihnen Mut, soviel er konnte, indem er ihnen große Hoffnung auf den Gewinn erweckte. Er fügte hinzu, dass es vergebens sei, wenn sie sich beklagten, denn er sei fest entschlossen, nach Indien zu gehen, und werde seinen Weg verfolgen, bis er das Land mit Hilfe unseres Herrn werde erreicht haben.“

 

Sein Gottvertrauen soll belohnt werden. Nachdem am Abend des folgenden Tages, der Vorschrift gemäß, das „Salve Regina“ gesungen ist, hält Kolumbus eine eindringliche Ansprache an seine Männer. Er dankt Gott, der sie alle so sicher geleitet und ihnen so oft schon Zeichen des nahen Landes gegeben habe. Jetzt gelte es, dieser Gottesgüte wert zu sein und die letzten Tage der Ungewissheit mit Mut und Anstand zu überstehen. Denn groß sei der Lohn, der sie alle in dem herrlichen Land erwarte. Wer aber das nahe Festland zuerst erblicke, der erhalte außer dem festgesetzten Lohn von ihm persönlich ein samtenes Wams.

 

Und siehe da, das Land schickt seine Boten. Schwimmt hier nicht ein Dornzweig mit roten Beeren daher, schlägt dort nicht ein Brett an die Bordwand, fischt man nicht gar einen künstlich geschnitzten Stab und ein Rohr auf! Land, wo bist du, wann steigst du vor uns aus dem Meer, du Hort des Glückes, Ziel der Sehnsucht, Gegenstand der gespanntesten Erwartung!

 

Da der Abend hereinbricht, steigt Kolumbus selber auf das Hauptkastell, aufgeregt in die Weite spähend. Sein Blick durchbohrt die Finsternis. Aber die graue Wand zwischen Schiff und Welt ist mit Menschenkraft nicht zu durchdringen. Da plötzlich, es ist gerade zehn Uhr, gewahrt der spähende Mann vor sich im Westen ein Licht. Es bewegt sich zitternd vorwärts, verschwindet kurze Zeit und blitzt dann wieder auf. Ja, wahrhaftig, da muss eine Barke in Landnähe über das Meer kreuzen, von einer Fackel friedlich beleuchtet. Oder sieht es nicht sogar aus, als ob jemand hinter Bäumen und Büschen eine Kerze einhertrage? Kolumbus, weit davon entfernt, voreilige Schlüsse zu ziehen, hält die Erscheinung für ein Gebilde seiner Phantasie. Er beordert einen Kameraden zu sich auf den Kommandoturm. Aber auch dieser Pedro Gutierrez, ein Kammerherr des Königs, bestätigt die Wahrnehmung des Admirals. Welche Gedanken mögen in den beiden einsamen Männern erwachen, da sie mit brennenden Augen nach diesem Lichtlein spähen. Es ist ihnen wie ein Stern, den Gott für sie auf die Erde gesandt hat. Plötzlich ist der helle Schimmer verschwunden, so schnell, wie er zuvor erschienen war. Wieder breitet die Nacht ihren undurchdringlichen Schleier über das Meer. Noch immer stehen die beiden Männer regungslos und pressen die Hand auf das bebende Herz, damit sie in der Dunkelheit der schlafenden Natur den Pulsschlag des Lebens nicht ganz zu vermissen brauchen.

 

Ein paar Stunden später entzündet ein friedlicher Mond auf dem wogenden Spiel der Wellen blitzende Funken. Und da erfüllt sich endlich die Sehnsucht des Abendlandes und die Sendung der tapferen Meerbezwinger. Juan Rodriguez Bermejo aus Molinos heißt der Mann, der am 12. Oktober 1492 im Glanz des Mondes das schimmernde Gestade als erster erblickt. „Tierra! Tierra! Land! Land!“ Er stürzt ans nächste Geschütz und gibt das Signal. Mit Ungeduld wird der Morgen erwartet.

 

Die Schiffe steuern auf das Eiland zu. Mit Wohlgerüchen durchwürzt ist die Luft. Zahllose Bäume erheben sich über einer lichten, grünen Landschaft, die Unberührtheit atmet und wie vom Zauber des Paradieses übersonnt erscheint. Da kommen schon die Eingeborenen in Scharen aus den Wäldern. Man sieht, wie sie am Strand Halt machen und in grenzenlosem Staunen auf die heranbrausenden Segler starren. Was mag wohl in ihren Gehirnen vor sich gehen? Für sie ist der Anblick so stattlicher Schiffe ein nie gesehenes Schauspiel. Ob die Götter aus dem Meer gestiegen kommen, die Inselbewohner zu besuchen?

 

Kolumbus lässt die Boote auf das Wasser setzen und besteigt, reich in Scharlach gekleidet, seine Schaluppe. Die Führer der Pinta und Nina mit ihren Männern folgen seinem Beispiel und hissen auch auf ihren Booten die weiße Flagge mit dem grünen Kreuz aus reiner Seide. Da sie den Boden des Landes betreten, fliehen die Eingeborenen vor den prächtig gekleideten weißen Männern in den Urwald und spähen, hinter Büschen und Bäumen versteckt, mit neugierigen Augen auf das einzigartige Schauspiel. Und es ist wahrhaftig von erhabener Würde, wie nunmehr Christoph Kolumbus auf die Knie sinkt und seine Begleiter sich neben ihm in den Sand werfen, um wie er dreimal den Boden des neugewonnenen Landes zu küssen und Gott unter Tränen der Rührung zu danken. Dann erhebt sich der Admiral, zieht sein Schwert und entfaltet das königliche Banner. So nimmt er – (heute wissen wir, wie unberechtigt dies in Teilen war) - für das kastilische Herrscherhaus Besitz von der Insel, der er den Namen San Salvador (Erlöserinsel) verleiht. Aber nicht nur für den christlichen Glauben gilt diese Landnahme. Das geistige Reich der Kirche soll den Eingeborenen gebracht werden. Der Eingang des Gebetes, das Kolumbus mit zum Kreuz erhobenen Händen feierlich spricht, ist uns erhalten und lautet:

 

„O Herr, allmächtiger, ewiger Gott! Du hast durch Dein heiliges Wort das Firmament, die Erde und das Meer erschaffen; Dein Name sei überall gepriesen und verherrlicht! Deine Majestät, welche sich gewürdigt hat, zu gewähren, dass durch Deinen demütigen Diener Dein heiliger Name in diesem anderen Teil der Welt erkannt und gepredigt werde, sei gelobt . . .“

 

Dann lässt er sich von seinen Begleitern als Vizekönig des neugewonnenen Landes den Treueid schwören.

 

Es ist von einer ergreifenden Natürlichkeit, wie nunmehr die Eingeborenen in Scheu und Ehrfurcht zu den weißen Männern treten und wie unschuldige Kinder ihre Bärte und herrlichen Gewänder anstaunen. Und die Europäer ihrerseits schauen verwundert auf die unbekleidete, bunt gefärbte Menschenschar, die einer ganz fremden Kultur angehört. Mit einer unendlichen Güte gewinnen die Fremden das Vertrauen der Indianer, wie Kolumbus sie als Ureinwohner des Landes nennt, von dem er die irrige Meinung hat, dass es Indien zuzurechnen sei. Als dann die Spanier die staunenden und zutraulichen Naturkinder gar mit buntem und schillerndem Tand und Putz beschenken, da ist schnell eine warme Freundschaft geschlossen.

 

So erobert Christobal Colon eine Insel nach der anderen. Die Indianer aber lernen den weißen Mann verehren und lieben, der ihnen so viel Gutes erweist und jeden Übergriff seiner Begleiter bestraft und ausgleicht. Wahrhaftig, dieser Kolumbus war (trotz aller Fehler, die er aus unserer heutigen Sicht beging) ein großer und weiser Mensch.

 

Heinz Kley

aus „Paulinusblatt“

Paulinus-Druckerei, Trier

17. November 1946