Christkindlegenden

 

Zahlreiche liebliche Legenden ranken sich um Jesu Kinderleben. Schon von der Geburtsstunde wird eine solche erzählt. Als die Hirten in demütiger Andacht vor der armseligen Krippe knieten, hörten sie zu ihrem Missmut auf einmal laut lachen und singen. Doch wie sie aufsahen waren sie froh erschrocken, denn

 

„... Was den Stall so helle macht

Und was so lieblich singt und lacht,

Das sind die lichten Engelein,

Die schaun zu Tür und Fenster ein.“

 

Die Mutter Gottes strickte dem kleinen Jesus ein feines Hemdlein.

 

„Und strickt ihm in das Hemde zart,

So wie`s besorgter Mütter Art,

Wohl manchen Wunsch und manch Gebet; -

Was Wunder, wenn`s ihm lieblich steht!“

 

Doch siehe da: Mit dem heranwachsenden Kindchen wuchs auch das Hemd mit.

 

„Und größer wuchs das Kind heran,

So lieb nur eines wachsen kann,

Und blüht empor voll Wonnigkeit;

Und mit dem Kindlein wuchs das Kleid.

Zum Knaben ward`s voll frohem Mut,

Das Hemd saß auch dem Knaben gut.

Zum Jüngling ward es, ward zum Mann,

Das Hemd wuchs auch mit ihm heran.“

 

Wenn der kleine Jesus im Häuschen von Nazareth spielte, indes Maria am Spinnrocken saß und Joseph in seiner Werkstätte arbeitete, kamen oft Engel vom Himmel als Spielgefährten. Sie holten sich Späne von St. Joseph und verfertigten daraus schönes Spielzeug:

 

„Die Engel tragen Spänlein Holz

Herbei zum Kinderspiele,

Sie machen Vöglein draus und Bolz

Und eine Federmühle.“

 

Einmal saß die Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm in ihrer Hütte. Draußen ging ein rauer Wind. Da traten zwei wunderschöne Knaben ein, grüßten Maria ehrfurchtsvoll und beschenkten dann das Christkind mit einem Kreuz!

 

„Die Engel neigen sich und reichen

Ein kleines Kreuz dem Kinde hin;

Die Mutter sieht es mit Erbleichen,

denn sie erkennt den ernsten Sinn.

Doch lächelnd streckt die zarten Hände

Der Knabe nach dem Kreuzlein aus –

Und sieh, der Hütte arme Wände

Erglänzen wie das Himmelshaus.“

 

Viele Legenden umweben die Flucht nach Ägypten. Die Heilige Schrift erwähnt das geschichtliche Ereignis mit sehr wenigen Worten: „Joseph stand auf, nahm in der Nacht das Kind und seine Mutter und floh nach Ägypten und blieb dort bis zum Tod des Herodes“ (Mt 2,14). Doch die apokryphen (unechten) Evangelien haben die Flucht mit sinnreichen Legenden ausgeschmückt.

 

So begegnet die Heilige Familie Drachen, die das göttliche Kind anbeten. Löwen und Tiger zeigen ihr den Weg. Blumen erblühen unter ihren Fußtritten. Unfern dem Grab Rachels rastete die Heilige Familie unter einem eigenbaum. Als das Kind tändelnd nach den Feigen langte, bog sich der Baum hernieder und bot seine Früchte zum Pflücken dar. Als die Flüchtenden nach Alexandria kamen, entstand plötzlich ein starkes Erdbeben. Alle Priester versammelten sich im Götzentempel und erhielten hier vom Orakel die Weisung: „Ein fremder Gott ist angekommen, dem allein Anbetung gebührt, denn er ist der wahre Sohn Gottes, und deshalb erzittert und bebt das ganze Land.“ Beim Einzug Jesu in Ägypten soll es keinen Tempel gegeben haben, in dem nicht ein Götzenbild zu Boden gestürzt wäre. (Vgl. Jes 19,1: „Siehe, der Herr setzt sich auf eine leichte Wolke und kommt nach Ägypten; da beben die Götzen Ägyptens vor seinem Antlitz, und der Ägypter Herz verzagt in ihrer Brust.“) In der Nähe von Heliopolis, am Geburtsort des großen Propheten und Staatsmannes Moses zu Matarea, löschte die Heilige Familie in der einzigen trinkbaren Quelle der weiten Umgebung ihren Durst. Diese Quelle sprang erst auf, als Maria nach Wasser suchte, und heißt heute noch Marienbrunnen. Was gibt es da doch viele Legenden vom Marienbalsam, Marienbaum usw., die alle Christkindlegenden sind.