Christine, Königin von Schweden

 

Christine, Königin von Schweden

Wenn ein Besucher Roms, der Hauptstadt der Christenheit, die weiten Hallen der St. Peterskirche durchwandert, so fällt ihm unter all den reichen Kunstschätzen der Basilika ein prachtvolles Grabmonument auf, das in künstlerisch schönem Bronzemedaillon das Brustbild einer Frau zeigt. Es ist dies Christine, Königin von Schweden, deren irdische Hülle in der Unterkirche von St. Peter ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Christine war geboren am 16. Dezember 1626 zu Stockholm, als die Tochter des Königs Gustav Adolf, den die Protestanten so gern als den Hort ihrer Religion bezeichnen. Da Gustav Adolf keinen Sohn besaß, sah man in der Tochter des Königs seine einstige Nachfolgerin und tatsächlich wurde sie nach seinem im Jahr 1632 erfolgten Tod zur Königin von Schweden erklärt, welches Land sie bis zum Jahr 1644 unter einer Regentschaft und später noch weitere zehn Jahre selbstständig regierte.

Schon als Kind zeichnete die Königstochter ein scharfer Verstand aus, der sie allen Dingen auf den Grund gehen ließ. Die Schwäche der Eitelkeit verachtete sie und trug sich einfach in der Kleidung wie eine Bürgerstochter Stockholms. Als man ihr einst sagte, dass ihr schöner Schmuck ihr prachtvolles Haar sei, gab sie sich Mühe, es so kunstlos und schlicht wie möglich aufzustecken.

Der Sitte der damaligen Zeit entsprechend, war sie eine kühne Jägerin, die im Sattel fest und sicher zu sitzen wusste. Das Abfeuern eines Geschützes erschütterte ihre Nerven nicht im mindesten und so sehr war sie von ihrer Stellung als Herrscherin und als die Höchstgebietende ihrer Truppen durchdrungen, dass sie, wäre ein Krieg ausgebrochen, sich unfehlbar an die Spitze ihres Heeres gestellt hätte. – Ihren Geschäften als Regentin widmete sie sich von dem Zeitpunkt an, da sie die Regierung des Landes selbst übernommen, mit bewundernswertem Eifer. Niemals versäumte sie eine Senatssitzung, selbst wenn sie vom Fieber heimgesucht war. Mit großer Geschicklichkeit verstand sie dabei Fragen vorzulegen, suchte die Meinung anderer zu erforschen und äußerte dann erst ihre eigene, die, wohl begründet, gewöhnlich Annahme fand.

Neben ihren Staatsgeschäften lag die junge Königin mit einer Art Leidenschaft den Studien ob. Schon in ihren Kinderjahren war ihr nichts lieber gewesen, als ihr Wissen zu bereichern. Diese Neigung wuchs mit den Jahren, so dass sie, in das Jungfrauenalter eingetreten, als eine der geistreichsten und gelehrtesten Frauen ihrer Zeit galt. Sie beherrschte eine Anzahl fremder Sprachen und auf dem Gebiet der Literatur war sie eine maßgebende Persönlichkeit.

Ihre größte Freude fand sie daran, einen Kreis berühmter Männer zu sammeln, und zumeist waren es deutsche Gelehrte, die sie in ihre Nähe zog. Zuerst versenkte sie sich in die alten Klassiker und dann wandte sie sich dem Studium der Kirchenväter zu.

Hiermit war sie auf jenem Weg angelangt, auf dem die Vorsehung sie, die Tochter des gefürchteten Schwedenkönigs, des Schützers der Lehre Luthers, aus der dürren Wüste des Irrtums zu den reichen, nie versiegenden Quellen der Wahrheit zurückführen wollte. Seit 1649 verglich Christine die verschiedenen Religionen miteinander und ihrem scharfen, durch tiefes Studium ausgebildeten Verstand zeigten sich bald die Blößen und Widersprüche der Lehre Luthers. So dauerte es nicht lange, bis sie erkannte, dass die wahre Religion nur eine sein könne, während die andern alle falsch sein müssten, und dass diese eine die katholische Religion sei.

„Wenn man katholisch ist,“ rief sie einmal aus, „hat man den Trost, zu glauben, was so viele edle Geister 16 Jahrhunderte lang geglaubt; einer Religion anzugehören, die durch Millionen Wunder, Millionen Märtyrer bestätigt ist, die endlich so viele Jungfrauen hervorgebracht hat, welche die Schwachheit ihres Geschlechtes überwunden und sich Gott geopfert haben.“

Dass die katholische Kirche die Ehelosigkeit anrät, war ein Punkt, welcher der Königin besonders zusagte, da sie selbst das Drängen ihrer Staatsmänner und Ratgeber, sich zu vermählen, stets energisch zurückgewiesen hatte.

Die Unterredungen und Gespräche mit zwei Jesuiten, die mit dem portugiesischen Gesandten Pinto Perara nach Stockholm gekommen waren, vollendeten in Christine das Werk der Gnade. Als der eine von ihnen im Begriff stand, wieder abzureisen, erklärte ihm die Königin, sich in den Heilswahrheiten der katholischen Kirche unterrichten lassen zu wollen, und ersuchte den Ordensgeneral zu Rom, ihr als Lehrer zwei italienische Patres zu senden; um keinen Verdacht zu erregen, könnten dieselben ja als Edelleute sich am Hofe aufhalten. Der Ordensgeneral der Gesellschaft Jesu, P. Gosvin Nickel, ein geborener Kölner, erfüllte den Wunsch der Königin und entsandte den Professor der Theologie, P. Malines aus Turin, und den Professor der Mathematik, P. Casati aus Rom, nach Stockholm.

Die Unterweisungen der beiden Patres fanden einen empfänglichen Boden. Sie lösten die Zweifel der Königin und halfen ihr über die letzten Einwendungen wie über alle Befürchtungen hinsichtlich ihrer Zukunft hinweg.

War die Überzeugung Christinens auf diese Weise nun auch befestigt, so dehnte sich bis zu ihrem offenen Übertritt doch noch ein weiter, dornenvoller Weg aus und waren noch Hindernisse der schwierigsten Art zu besiegen. Man denke nur: die junge Königin war die Beherrscherin eines Landes, das eben unter der Fahne des Protestantismus seine glorreichen Siege in Deutschland erfochten und sich einen Platz unter den ersten Mächten Europas gesichert hatte. Nun stand die Königin im Begriff, jenem Bekenntnis zu entsagen, das ihr Volk groß gemacht, für das ihr Vater sein Blut auf dem Schlachtfeld von Lützen vergossen! Das konnte nur geschehen um den Preis der Krone und um den Preis der Sympathien eines Volkes, dessen fanatischer Sinn den Übertritt der Herrscherin zum Katholizismus als den schwersten Frevel gegen das Evangelium ansehen musste. – Es war ein schwerer Kampf, der in dem Herzen der Königin entbrannte. Aber gekräftigt durch den mächtigen Beistand Gottes, blieb Christine Siegerin. Sie wollte Katholikin werden und zwar offen vor aller Welt. Dafür war ihr kein Preis zu hoch. Energisch wies sie das Ansinnen, nur im geheimen den katholischen Glauben anzunehmen, damit ihr die Krone erhalten bleibe, zurück. Was sie tat, wollte sie auch in der Öffentlichkeit vertreten und dieser Gedanke ließ sie mit einer beinah schwärmerischen Begeisterung daran gehen, das Haupthindernis ihres Vorhabens, den Besitz der Krone, aus dem Weg zu räumen.

Alle Bemühungen der höchsten Räte und Staatsbeamten, sie von diesem Entschluss abzubringen, erwiesen sich als erfolglos und so wurde der Tag der Thronentsagung auf den 17. Januar 1654 festgesetzt. Zu ihrem Nachfolger hatte Christine ihren Vetter Karl Gustav vorgeschlagen, den auch der Reichstag bereits für den Fall ihres Todes dazu ausersehen hatte.

Am Tag der Verzichtleistung auf den Thron erschien Christine im Vorhof des königlichen Palastes zu Upsala, das Diadem auf dem Haupt, angetan mit einem weißen Kleid, über welches ein Purpurmantel fiel, in den Händen die Abzeichen ihrer Würde, Reichsapfel und Szepter. Umgeben von den Großen des Reiches, umwogt von den Scharen des Volkes, nahm sie unter einem silbernen Thronhimmel Platz. Zunächst las der Großkanzler die Verzichturkunde vor, laut welcher die Königin ihr Reich an den Prinzen Karl Gustav übertrug mit Ausnahme von drei Inseln und den Einkünften von Pommern, deren jährliches Erträgnis, ungefähr 600 000 Mark, sie für sich behielt. Nachdem dieses Dokument verlesen war, nahm Christine das Diadem von ihrem Haupt und übergab es dem ersten Senator des Reiches. Dasselbe geschah mit den Reichsinsignien. Dann löste sie den Mantel von ihren Schultern und ließ ihn lächelnd in die Hände ihrer Frauen gleiten, während alles um sie her in Tränen zerfloss. So stand sie denn, eine weithin leuchtende, glänzende Gestalt, da und richtete mit lauter, wohlklingender Stimme Abschiedsworte an ihr Volk und an ihren Nachfolger, dem sie die treue Erfüllung seiner Pflichten und die Sorge für ihre Dienerschaft ans Herz legte. – Am Nachmittag des nämlichen Tages fand die Krönung des neuen Herrschers statt, bei welcher Gelegenheit Denkmünzen verteilt wurden. Die des Königs trugen die Inschrift: „A Deo et Christina“ („Durch Gott und Christina“), die der Königin zeigten eine Krone mit der Umschrift: „Et sine te“ („Auch ohne Krone bin ich, was ich bin“).

Nachdem dieser äußere große Schritt geschehen, zögerte Christine nicht länger, die übrigen Vorbedingungen ihres Übertritts zur katholischen Kirche zu erfüllen. Sie hatte sich Flandern zu ihrem vorläufigen Aufenthalt erwählt. Schon fünf Tage später sehen wir sie deshalb auf dem Weg dorthin. Von hier aus wollte sie in aller Ruhe mit dem Heiligen Stuhl über ihre öffentliche Rückkehr verhandeln. Um jedoch dem Zug ihres Herzens zu folgen, beschloss sie, zunächst im verborgenen das katholische Glaubensbekenntnis abzulegen, und zwar sollte diese fromme, stille Feier dem festlichen Empfang folgen, den Flanderns Hauptstadt Brüssel der Königin zu bereiten gedachte.

Kurz nach Sonnenuntergang hielt Christine am 23. Dezember 1654 ihren Einzug in die glänzend erleuchtete Stadt und in den Palast des Erzherzog-Statthalters. Am Abend des nächsten Tages, dem Vorabend des Weihnachtsfestes, versammelten sich in der Hauskapelle des Palastes die Botschafter von Deutschland, Spanien und Frankreich und wenige auserlesene Personen. Bald darauf erschien die Königin, geleitet vom Erzherzog, und am Altar niederkniend, legte sie das katholische Glaubensbekenntnis in die Hände des Dominikanerpaters Guemes nieder. In dem Augenblick, da der Priester die Worte der Lossprechung über Christine sprach und sie der katholischen Kirche wieder zuführte, erdröhnten auf geheimen Befehl sämtliche Geschütze der Stadt. Mochte auch außer den wenigen Eingeweihten niemand der Bedeutung dieser Freudensalven sich bewusst werden, so sollten sie immerhin der Welt den bedeutsamen Augenblick verkünden, da Königin Christine von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, in die von ihrem Vater so schwer und bitter verfolgte Kirche zurückkehrte.

Niemand konnte den Schritt der Königin schwerer verwinden als Oxenstjerna, der alternde und kränkelnde Großkanzler Gustav Adolfs. Dass die gelehrte Tochter seines vielgepriesenen Herrn die katholische Religion als die allein wahre erkannte, bereitete ihm so großen Kummer, dass er bald darauf starb.

Königin Christine verfolgte ihrerseits den einmal eingeschlagenen Weg rastlos weiter. Bald nachdem sie der Irrlehre abgeschworen hatte, richtete sie an Papst Alexander VII., der zu Anfang des Jahres 1655 Innozenz X. auf den päpstlichen Thron gefolgt war, ein ehrerbietiges Handschreiben, in welchem sie ihn über das Geschehene unterrichtete und den Wunsch aussprach, ihren Wohnsitz fortan in Rom zu nehmen. Den Sommer über blieb sie indes noch in Flandern; erst gegen den Herbst hin trat sie die Reise nach Süden an.

Diese Reise, auf welcher die Königin etwa 200 Personen begleiteten, glich einem wahren Triumphzug. Über Rörmond gelangte man nach Köln, woselbst Christine mit Jubel aufgenommen wurde. Der Sitte der damaligen Zeit entsprechend, brachte man der hohen Reisenden ein Geschenk von 25 Fässern Wein dar, welche sie den Karmeliterinnen überwies. Dann wurde die Reise über Frankfurt, Aschaffenburg, Rottenburg, Donauwörth, Augsburg bis Innsbruck fortgesetzt. Hier sollte die Königin auf Wunsch des Papstes öffentlich und feierlich das katholische Glaubensbekenntnis ablegen, ehe sie den Boden Italiens betrat. Der Erzherzog-Statthalter von Tirol, Karl Ferdinand, hatte dazu die umfassendsten Vorbereitungen getroffen und wollte die Feier mit einem Glanz umgeben, wie er in der Hauptstadt Tirols noch selten gesehen worden war.

Der Papst hatte hohe Würdenträger dazu entsandt und viele Tausende aus dem Volk strömten herbei, dem seltenen kirchlichen Schauspiel beizuwohnen. Viele von ihnen waren mit den Schweden, die noch in trübster Erinnerung standen, persönlich zusammengekommen. Manche hatten den gefürchteten Gustav Adolf selbst gekannt und nun durften sie erleben, dass die Tochter dieses Mannes um den Preis einer Königskrone Einlass begehrte und um Aufnahme bat in den Schoß der katholischen Kirche! Das war allerdings ein seltsames, in der Geschichte einzig dastehendes Ereignis und mit Bewunderung und Ehrfurcht blickte man auf die jungfräuliche Herrscherin, die, mit eiserner Willenskraft ihren Weg verfolgend, Glanz, Macht und Ehre von sich warf, um ihrer Überzeugung zu gehorchen.

Über die Vorgänge in Innsbruck berichtet eine von einem Zeitgenossen der Königin herausgegebene Schrift. Galeazzo Gualdo Priorato hat seine Aufzeichnungen offenbar einem Tagebuch der Königin selbst entnommen oder dem einer ihr nahe stehenden Persönlichkeit. Er erzählt:

Am Morgen des denkwürdigen 3. November 1655 trat die Königin, umgeben von einem strahlenden Kranz von Rittern und edlen Damen, aus dem erzherzoglichen Palast und wurde mit unermesslichem Jubel von der Volksmenge begrüßt. Sie war ganz einfach gekleidet. Ein Gewand von schwarzer Seide umwallte sie und ihr einziger Schmuck war ein goldenes Kreuz mit fünf kostbaren Diamanten, das sie auf ihrer Brust trug. Geleitet von den weltlichen und kirchlichen Würdenträgern, die sich in großer Zahl eingefunden, und unter dem Gesang des „Veni Creator Spiritus“ wurde die Königin in den Chor der Hofkirche geführt, woselbst sie sich auf einer mit Goldbrokat bekleideten Kniebank vor dem Altar niederließ.

Der päpstliche Gesandte nahm nun den Akt der feierlichen Eidesablegung vor, bei welchem ihm die Erzherzoge Karl Ferdinand und Franz Sigismund wie der spanische Gesandte als amtliche Zeugen assistierten. Sich an Christine wendend, die in Andacht versunken auf der untersten Stufe des Altares kniete, las er ihr das in lateinischer Sprache abgefasste Formular vor und bat sie, es selbst nachzulesen und zu unterschreiben.

Lautlose Stille herrschte unter den Tausenden, welche die Hallen des Gotteshauses füllten, und jedes Ohr lauschte gespannt, als die Königin mit klarer, weitvernehmbarer Stimme sagte: „Ich, Christine, glaube mit festem Glauben und bekenne alles und jedes, was in dem Glaubensbekenntnis der heiligen katholischen Kirche enthalten ist.“ Dann las sie jeden Satz des Formulars laut vor, um mit den Worten zu schließen: „Diesen wahren katholischen Glauben, außer welchem niemand selig werden kann und den ich jetzt freiwillig bekenne und mit Überzeugung umfasse, will ich unversehrt und unverletzt bis zum letzten Hauch meines Lebens festhalten und bekennen und vor meinen Untergebenen und denen, die meiner Sorge anvertraut sind, lehren und ihn bekennen lassen, soweit es in meiner Macht steht. Das verspreche, gelobe und schwöre ich, Christine, so wahr mir Gott helfe und seine heiligen Evangelien.“

Nach diesem herrlichen Akt begrüßte der päpstliche Gesandte Königin Christine als ein Kind der katholischen Kirche, woran sich eine Predigt des erzherzoglichen Hofpredigers schloss, dem das feierliche Hochamt folgte. Nach Beendigung desselben wurde das Te Deum angestimmt, unter dessen Jubelklängen, begrüßt von den begeisterten Zurufen der Menge, die Königin das Gotteshaus verließ, um in den Palast des Statthalters zurückzukehren.

Innsbruck ließ es sich nicht nehmen, dieses Fest, das in seiner Geschichte einen Ehrenplatz einnimmt, auch äußerlich mit aller Pracht zu feiern, und bereitete deshalb seinem königlichen Gast eine Reihe Festlichkeiten nach dem Geschmack jener Tage.

Ein weiterer lebhafter Wunsch der Königin war es, ihre erste heilige Kommunion und das Sakrament der Firmung aus der Hand des Papstes selbst zu empfangen und zwar am folgenden Weihnachtsfest. Sie verlängerte darum ihren Aufenthalt in Innsbruck bis zum 8. Dezember und benützte diese Zeit, die Welt mit der Nachricht von ihrem Übertritt zur katholischen Kirche bekannt zu machen. Der französisch geschriebene Brief, den sie in diesem Sinn an ihren Nachfolger, den König von Schweden, richtete, ist uns erhalten geblieben und hat folgenden Wortlaut: „Mein Herr Bruder! Ich bin glücklich hier angekommen, wo ich die Erlaubnis und den Befehl Seiner Heiligkeit vorgefunden habe, mich hier als das öffentlich zu bekennen, was ich bereits lange gewesen. Ich habe mich glücklich geschätzt, ihm zu gehorchen, und diese Ehre derjenigen vorgezogen, über die mächtigen Staaten zu herrschen, die Ihr jetzt besitzt. Ihr werdet diesen Schritt würdigen, selbst wenn es Euch scheinen sollte, dass ich eine verkehrte Wahl getroffen; ist er ja für Euch ebenso vorteilhaft wie glorreich! Übrigens erkläre ich, dass ich nicht im geringsten die Gefühle der Freundschaft erkalten lasse, die mich stets gegen Euch beseelten, noch auch die Liebe, die ich für Schweden im Herzen trage. Ich werde sie bewahren, solange ich lebe, und stets bleiben – Eure liebevolle Schwester und Freundin Christine.“

Auch die Reise nach Rom war für die Königin ein Triumphzug. Überall wurde sie ob ihres Heldenmutes gefeiert. Ihren ersten Besuch in Italien stattete sie dem Heiligtum von Loreto ab, wo sie zu Füßen der Gottesmutter eine prachtvolle goldene Krone und ein Zepter niederlegte. Von hier nahm sie ihren Weg direkt nach Rom, wo Papst Alexander VII. sie voll väterlicher Liebe aufnahm, ihr seinen Segen erteilte und, wie sie es sich gewünscht hatte, die heilige Kommunion reichte und die heilige Firmung spendete.

Jetzt hatte Königin Christine das Ziel ihrer Wünsche erreicht. Sie lebte in der Hauptstadt der Christenheit, die ihr mit dem von dem Blut der Märtyrer geheiligten Boden, den herrlichen Basiliken, den Gräbern so vieler Heiligen eine stete Quelle der Erbauung und Erhebung, , mit ihren reichen Kunstschätzen aber zugleich auch eine Stätte neuer Anregung für ihren rastlosen, vorwärtsstrebenden Geist wurde.

Hatte schon in Stockholm ihre Umgebung zumeist aus Gelehrten bestanden, so wurde der Palast Farnese, den sie sich zur Wohnung erkoren, bald der Sammelplatz von Künstlern und Gelehrten aus der ganzen Welt, die den prachtvollen Kunstsammlungen und Büchern, welche die Königin aus Schweden mitgebracht, nach Herzenslust studieren und forschen durften.

Bis zum Jahr 1666 war Christine genötigt, wiederholt Reisen zu unternehmen. Zweimal kehrte sie nach Schweden zurück. Dabei wäre es ihr ein leichtes gewesen, nach dem früh erfolgten Tod ihres Nachfolgers, Karls X., die Krone Schwedens wieder für sich zu gewinnen. Doch als sie sah, wie der Fanatismus des Volkes, anstatt allmählich abzunehmen, im Laufe der Zeit sich nur noch mehr gesteigert hatte; dass sie im Plast zu Stockholm nicht einmal eine hl. Messe lesen lassen durfte und dass die in ihrer Begleitung befindlichen Priester ihres Lebens nicht sicher waren, verließ sie ohne Zögern ihr Vaterland, ordnete von Hamburg aus die Angelegenheiten mit dem schwedischen Reichsrat und kehrte nach Rom zurück, um es nie wieder zu verlassen. Sie lebte fortan einfach und schlicht gleich einer bürgerlichen Frau und ergab sich vollständig der Frömmigkeit und den Werken der christlichen Nächstenliebe, ohne ihre Vorliebe für Kunst und Wissenschaft zu verlieren.

Wenige Jahre vor ihrem Tod stiftete sie in ihrem Palast eine Akademie für literarische und politische Bestrebungen, die von echt christlichem Geist beseelt war und die Hilfsmittel gegen manche Irrtümer jener Zeit bieten sollte. Wurde der Zweck des Unternehmens in größerem Maße auch erst später erreicht, so gebührt doch der Ruhm, diese Gesellschaft gegründet zu haben, Königin Christine und ihrer unermüdlichen Wohltätigkeit.

Der erkannten Wahrheit blieb die Königin treu, bis der Todesengel nach 21. Jahren ihres Aufenthaltes in der ewigen Stadt sich ihr nahte. Sie starb am 19. April 1689 als wahre Jüngerin Christi und wurde auf Befehl Papst Innozenz`XI. in der Unterkirche von St. Peter beigesetzt. Sein Nachfolger, Innozenz XII., ließ ihr durch den Bildhauer Fontana ein Denkmal errichten, das, wie bereits erwähnt, ihr Brustbild und auf dem Sarkophag in einem Relief die Szene ihrer Glaubensablegung zu Innsbruck zeigt.

Sollen wir schließlich das Charakterbild dieser merkwürdigen, am Fuß eines Thrones geborenen Frau mit einigen wenigen Worten zeichnen, so müssen wir sagen, dass ihre Größe eine seltene Energie und Ausdauer ausmacht, eine tiefe Demut, eine bewundernswerte Seelengröße, welche ihren Gipfelpunkt fand in der Verachtung aller irdischen Größe, allen äußeren Glanzes im Hinblick auf das eine Notwendige.