Caritas im Mittelalter

 

Das dumme Wort vom „finsteren Mittelalter“ ist heute nicht oft mehr zu hören oder zu lesen. Es wäre ja auch seltsam, eine Zeit finster nennen zu wollen, die trotz mancher Beschränkung in den Mitteln und Erkenntnissen zahllose Kunstwerke von erstaunlicher Höhe schuf. Vollkommen abwegig wäre es zumal, jene Zeit schwarz zu machen im Hinblick auf die Gegenwart, die so dämonisch groß war und ist in der Zerstörung jener Kulturwerke. Ganz Hervorragendes hat das Mittelalter geleistet auf dem Gebiet der Caritas. Wer Näheres darüber wissen will, der studiere etwa die Geschichte des Ritterordens der Johanniter. Dieser Orden besaß auf der Insel Rhodos, die er den Ungläubigen entriss und Jahrhunderte lang im Besitz hatte, ein Krankenhaus. Das war das mächtigste Gebäude der Insel, es ruhte auf acht gewaltigen Pfeilern. In dem Haus war eine eigene Apotheke untergebracht und in den Speisekammern geboten riesige Vorräte jeglicher Not. Die Kranken jeder Abstammung und aus jedem Land wurden hier kostenlos verpflegt. Zweimal am Tag wurden sie von je zwei Ärzten und zwei Wundärzten besucht. Die Speisen wurden ihnen auf Silbergeschirr von unschätzbarem Wert gereicht. Es war auch eine gute Hausordnung da. Die Kranken durften beispielsweise nicht Schach oder Dame spielen (wegen der damals in allen Ländern grassierenden Spielleidenschaft), keine Romane und Chroniken lesen (die Romane waren vielfach recht lüstern und sinnlich). Starb einer der Kranken, so trugen ihn vier adelige Ritter „in neue schwarze Gewänder gekleidet“ auf den Schultern hinaus, so wollte es die Regel. Die Kranken wurden also wie vornehme Menschen behandelt.

 

Und warum das alles? Die Regel des Johanniterordens gibt uns Aufschluss darüber, denn dort heißt es: „Das Spital soll mit Geschirr gut ausgestattet werden und glänzen von Sauberkeit; denn in ihm wohnt Christus, in ihm wird er verehrt, in ihm wird er gepflegt!“ Für unseren Herrn ist nur das Beste gut genug, und da die Johanniter in jedem Kranken den Heiland selbst sehen, schien ihnen kein Aufwand zu groß. Heutzutage wird auch viel Geld für wohltätige Zwecke zusammengetragen. Aber ist es auch ein Almosen aus der Güte der Herzen? Was die Johanniter taten, das geschah aus freiem Willen und aus reiner Liebe zu unserem Herrn und Meister Jesus Christus, der es so befahl. Und das erst ist wirkliche Caritas. Zu ihr muss auch unsere Zeit zurückkehren, dann wird sie reich sein trotz aller Armut.