Der Bettler von Notre-Dame

 

Seit einer Reihe von Jahren war er pünktlich jeden Tag vor dem Portal des herrlichen Pariser Domes, der Notre-Dame, erschienen. Jedermann kannte ihn unter dem Namen Jacques. Er war stets ernst und düster, sprach fast kein Wort, und selbst wenn ihm eine mildtätige Seele Almosen reichte, dankte er nur mit einer leichten Neigung des Kopfes.

In derselben Kirche pflegte ein junger Geistlicher, Abbé Paulin, täglich seine heilige Messe zu lesen. Wenn er in die Kirche ging und die Stufen zum Portal emporstieg, vergaß er nie, dem armen Jacques eine kleine Gabe zu reichen. Diese Wohltätige Gewohnheit war für den Abbé eine Lebensnotwendigkeit geworden. Spross einer vornehmen, reichen Familie, hatte sich der Abbé Gott als Priester gewidmet und verwendete sein ganzes Vermögen aus Liebe zu Gott nur für gute Werke.

Eines Tages fehlte Jacques an seinem gewohnten Platz, desgleichen am nächsten und übernächsten Tag, und da seine Abwesenheit länger währte, fürchtete der Abbé, es möchte dem Armen etwas zugestoßen sein. Er erkundigte sich nach dessen Wohnung, und eines Morgens, nachdem er die heilige Messe gelesen hatte, begab er sich in das Haus, wo Jacques wohnte.

Auf einem dürftigen Strohlager fand er Jacques, den Bettler, wieder. Bleich und mit gebrochenen Augen lag der Arme da . . .

„Ah, Sie sind es, Herr Abbé“, begrüßte er den Priester, als er ihn bemerkte. „Das ist aber recht freundlich, dass Sie zu einem so elenden Menschen kommen, wie ich bin . . . ich verdiene Ihre Güte nicht.“

„Was sprechen Sie da, lieber Jacques“, begütigte der Priester, „wissen Sie denn nicht, dass der Priester der Freund der Armen und Unglücklichen ist? Außerdem . . .“, fügte er lächelnd hinzu, „sind wir ja alte Bekannte.“

„O Herr, wenn Sie wüssten!“ stieß der kranke Bettler hervor. „Wenn Sie mich kennen würden . . .! Sprechen Sie nicht so gut mit mir . . . ich bin ein Elender, von Gott verflucht . . .!“

„Von Gott verflucht?“ unterbrach ihn nun der Priester erschrocken. „Wie mögen Sie nur solche Gedanken haben! Gott ist die Güte, er verzeiht den Reuigen alles! Bereuen Sie etwa nicht, was Sie Böses getan haben?“

„Ob ich bereue?“ rief Jacques, sich im Lager aufrichtend und die starren Augen aufreißend; „o ja, ich bereue; dreißig Jahre lang nagt mir die Reue in der Brust, und doch – ich bin verflucht!“

Vergeblich versuchte der Priester ihn zu trösten und ihm Mut zuzusprechen. Er ahnte es, dass ein schreckliches Geheimnis auf dem Gewissen des Bettlers lasten müsse und die Verzweiflung ihm den Mund verschließe.

Da kniete Abbé Paulin an seinem Bett nieder und betete lang und innig . . . und endlich – durch die Gottseligkeit, Sanftmut und Güte des Priesters überwunden, erzählte Jacques mit sterbender Stimme seine Geschichte:

„Ich war“, so sprach er, „Schlossverwalter einer reichen Familie, als die blutige Revolution (des 19. Jahrhunderts) ausbrach. Meine Herrschaft war die Güte selbst. Der Graf, die Gräfin, ihre beiden Töchter, ihr Sohn . . ., sie liebten mich wie ihr Kind. Ich verdankte ihnen alles, Stellung, Erziehung, Vermögen. Da kam die Schreckensherrschaft der Revolution. Man suchte den Grafen und seine Familie, aber man fand sie nicht. Sie hielten sich verborgen, nur ich wusste, wo . . . Da ging ich zu dem Kommissar . . . ich habe sie angezeigt . . . Und warum? – Um ihre Güter zu bekommen, die man dem Anzeiger versprochen hatte. Dann wurden sie geholt, aus ihrem Versteck geschleppt . . . Nur der kleine Paulin, der noch zu jung war, durfte bleiben.“

Ein vor Entsetzen aus geschnürter Kehle gepresster Schrei entrang sich dem Mund des Priesters.

„Herr“, fuhr der alte Bettler fort, der die Aufregung des Abbé nicht bemerkt hatte. „O Herr, es ist entsetzlich! Ich habe zugehört, als das Todesurteil gesprochen wurde. Ich sah ihre vier Köpfe unter dem Messer fallen . . . O ich Ungeheuer . . .! – Ich . . . Ich Teufel! . . . Ich bin verflucht! – Seitdem habe ich weder Rast noch Ruhe! Ich weine, weine, bete für sie, ich sehe sie beständig vor mir . . . Dort, dort . . . sind sie! Dort . . . Herr Abbé . . . unter jener Leinwand!“

Der alte Bettler deutete mit zitternder Hand auf einen Vorhang, der einen Teil der Wand verhüllte. „O Gott! Ich bin der Verruchteste . .! Und wie endlos habe ich es bereut! Herr Abbé, haben Sie Mitleid mit mir, dem schändlichsten aller Sünder!“

Erschüttert, bleich wie der Tod, kniete der Priester am Bett; lange – lange – ohne ein Wort zu sprechen. Dann erhob er sich ruhig, machte das Zeichen des Kreuzes und zog den Vorhang vor der Mauer weg. Er erblickte drei Porträts. Der Bettler stieß einen markerschütternden Schrei aus, als er sie sah . . . und fiel auf sein ärmliches Lager zurück.

Der Priester, überwältigt von so viel Tragik, sank wieder zu Boden und weinte wie ein Kind . . .

„Jacques“, sagte er mit zitternder Stimme, „ich will Sie Beichte hören, um Ihnen die göttliche Verzeihung zu bringen. Jesus hat Sie lieb!“

Der alte Bettler beichtete reumütig seine übrigen Sünden, und nachdem die Beichte des Sterbenden vollendet war und er die Absolution erhalten hatte, fuhr der Priester fort: „Jacques, Gott hat Ihnen verziehen; aus Liebe zu ihm verzeihe – auch ich Ihnen . . .“

Der Bettler küsste mühsam die Hand des Priesters und tat im Frieden Gottes seinen letzten Atemzug.

Abbé Paulin aber lag noch lange zusammengesunken – starr und regungslos – denn, die der Bettler dem Tod überliefert hatte, waren . . . sein Vater – seine Mutter und seine zwei Schwestern!