Die Bußordnung der Kirche in den ersten Zeiten der Christenheit

 

Die kirchlichen Gebräuche bei Schluss der Bußzeit

 

Am Gründonnerstag wurde an einem nahe dem Haupttor der Kirche hergerichteten Altar für die Büßer eine heilige Messe gelesen. Im Anschluss daran mussten sie beichten. Die dazu verordneten Priester hatten genau zu erforschen, ob und wie die Büßer bisher ihre auferlegte Buße verrichtet hatten. Der Bischof und die Beichtväter berieten sich hierauf, welche von den Büßern würdig seien, wieder in die Kirche aufgenommen zu werden. Die Würdigen wurden bekanntgegeben.

 

Darauf warfen sich der Bischof – im Festornat gekleidet – mit den dienenden Priestern auf die Stufen des Altares nieder und beteten die sieben Bußpsalmen mit der „Allerheiligenlitanei“, währenddessen die Büßer mit nackten Füßen vor der Kirchentür knieten und „ausgelöschte“ Kerzen in den Händen hielten. Bei der Bitte: „Alle heiligen Patriarchen und Propheten, bittet für uns“ – wurde die Litanei unterbrochen. Zwei Priester (Subdiakone) begaben sich mit „brennenden“ Kerzen hin zu den Büßern, zeigten ihnen die Lichter unter dem Gesang: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe“.

 

Die Litanei wurde wieder fortgesetzt. Bei der Bitte: „Alle heiligen Märtyrer, bittet für uns“, wiederholten die zwei Diakone die gleiche Zeremonie unter dem Gesang: „Tut Buße, spricht der Herr, denn es naht sich das Reich Gottes.“ – Bei der Bitte: „O Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt“, musste der erste dienende Priester – Archidiakon genannt – mit einer großen brennenden Kerze zu den Büßern gehen und singend auffordern: „Neigt eure Häupter in Demut vor Gott.“

 

Nach dieser ergreifenden Zeremonie begab sich der Bischof mit allen anwesenden Priestern in die Mitte der Kirche. Die Priester stellten sich, wie am Aschermittwoch, in zwei Reihen bis zur Kirchentür auf. Der Archidiakon rief den Büßern zu: „Verharret im Stillschweigen!“ – und bat den Bischof, beginnend mit den Worten: „Die Zeit der Gnade ist gekommen“ – um Wiederaufnahme der Büßer in die Gemeinschaft der Kirche. Der Bischof erklärte sich nach einer kurzen Ermahnung an die Büßer – „in Zukunft ein christliches Leben führen zu wollen“ – freudig bereit, sie auf Grund der Barmherzigkeit Gottes in die Kirche zurückzuführen, und rief darauf dreimal: „Kommet“, „kommet“, „kommet“. Bei diesen Worten erhoben sich die Begnadigten, machten bei jeder Einladung eine Kniebeuge und warfen sich in der Kirche vor den Füßen des Bischofs auf das Angesicht nieder. Der Archidiakon erneuerte nochmals die Bitte um die Aufnahme der Büßer. Daraufhin fragte der Bischof: „Weißt du, ob sie der Wiederaufnahme würdig sind?“ – „Ja, ich weiß und bestätige es, dass sie würdig sind.“ – Bei diesen Worten erhoben sich die Büßer, reichten sich gegenseitig die Hand und wurden in einer Reihe vom Bischof, der die Hand des ihm zunächst stehenden Büßers ergriff, in die Kirche geführt und dadurch wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen. Nach einigen Gebeten wurde die allgemeine Lossprechung erteilt, die ganze Büßerschar vom Bischof mit Weihwasser besprengt, auch beräuchert und mit einer Warnung vor dem Rückfall in die Sünde entlassen. Nun wurde der Gottesdienst des Gründonnerstag fortgesetzt und die Begnadigten empfingen nach der Kommunion des Priesters den heiligen Leib des Herrn und wurden so durch die Buße aus dürren wieder grüne Zweige am Baum der gnadenreichen, von Jesus Christus gestifteten, heiligen Kirche.

 

Im Hinblick auf diese rührende, aber auch demütigende Art der Bußübungen in alter Zeit müssen wir dankbar anerkennen, wie leicht uns die Wiederversöhnung mit Gott und die Tilgung der Sündenstrafen gemacht ist. Jeder von uns kennt seine Schuld und weiß, dass sie einmal gesühnt werden muss.

 

„Entweder büßen oder brennen.“ Darum „erkennen wir“ mit dem heiligen Paulus (Römer 13), „dass die Stunde nun da ist, wo wir vom Schlaf erwachen sollen. Lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Waffen des Lichtes“ – in der nächsten Bußzeit durch eine aufrichtige, reumütige Beicht und treue, freudige Beobachtung des so leichten, kirchlichen Fastengebotes.