Von der Buße

 

„Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.“ (Ezechiel 18,23) „So wahr ich lebe“, spricht der Herr, „wenn eure Sünden rot wären wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee; und wenn sie rot wären, wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle.“ (Jesaja 1,18) Das sind tröstliche Verheißungen für den tief gefallenen Sünder, der sich in aufrichtiger Buße wieder zu dem Allerbarmer zurückwendet. Das war auch die Rettung für viele Heilige, die voll aufrichtigen Reueschmerzes bekannten: „Meine Sünden sind zahlreicher, als die Haare meines Hauptes.“ Wie ernst es ihnen mit der wahren Besserung war, zeigten sie dadurch, dass sie von dem Zeitpunkt ihrer Bekehrung an, wo die erbarmende Gnade Gottes sie rief, nichts anderes begehrten, als durch strenge Bußübungen und einen sittenreinen Wandel die früheren Ärgernisse zu sühnen, dass die Märtyrer vor den heidnischen Richtern freimütig ihren Christenglauben bekannten und für ihn heldenmütig den Martertod erlitten. Für jeden in Sünde Gefallenen gibt es keinen anderen Weg zur Rettung, als die Buße. Erörtern wir die Notwendigkeit, die Erfordernisse und die Wirkungen der Buße:

 

1. Die Buße, die Abkehr von der Sünde und Hinwendung zu Gott voll inneren Reueschmerzes und festen Entschlusses, ist für jeden Sünder zur Erlangung der ewigen Seligkeit notwendig, denn „nichts Unreines kann ins Himmelreich eingehen“. Gott und der Teufel, Christus und Belial haben keine Gemeinschaft miteinander, man gehört entweder dem einen oder dem anderen an, aber beiden zugleich kann man nicht dienen. Wer der Augenlust, Fleischeslust und der Zügellosigkeit frönt, ist zerfallen mit Gott und muss mit Schrecken seinem Strafgericht entgegensehen. Darf er sich einen Platz unter den reinen Seelen des Himmels versprechen? Der heilige Täufer Johannes antwortet: „Ihr Schlangengezücht! Wer hat euch gelehrt, dem künftigen Zorn zu entfliehen? Bringt würdige Früchte der Buße! Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gesetzt. Ein jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird ausgehauen und ins Feuer geworfen.“ Auch unter den Christen gleichen manche den scheinheiligen Pharisäern, sie beobachten äußerlich die religiösen Vorschriften, beten, beichten, kommunizieren, aber ihr Herz verharrt im Hochmut, in Hass und Habgier, in Lug und Trug, in bösen Gedanken, Worten und Werken. Manche spotten wohl gar über alles Heilige, leugnen die Unsterblichkeit der Seele und das ewige Leben und jagen fortwährend den Reichtümern und Sinnengelüsten nach. Aber es kommt die Stunde, wo ihnen der Allvergelter mit Posaunenstimme zurufen wird: „Gib Rechenschaft von deiner Haushaltung!“ Wehe ihnen, wenn sich die Pforten der Hölle vor ihren erschreckten Augen öffnen! Von dort gibt es keine Erlösung. Wer diesem beklagenswerten Schicksal entgehen will, muss notwendig den Weg der Buße einschlagen, denn es gibt nur zwei Wege zum Himmel, den Weg der Unschuld, und für den Sünder den Weg der Buße.

 

2. Was fordert die Buße? Die Parabel vom verlorenen Sohn deutet uns an, was der Sünder tun muss, um wieder ein Kind seines himmlischen Vaters zu werden. Er muss umkehren aus seinem Sündenelend und sich wieder zu Gott wenden in Erkenntnis seiner Sünde, im Hass gegen die Sünde, im Geständnis der Sünde und in Genugtuung für die Sünde. So verlangt es die Menschennatur und die göttliche Gerechtigkeit. Das sind auch die fünf Stücke des heiligen Bußsakramentes: die Buße des Verstandes, d.i. die Gewissenserforschung; die Buße des Herzens, d.i. die Reue; die Buße des Willens, d.i. der Vorsatz; die Buße des Mundes, d.i. die Beichte; die Buße im Werk, d.i. die Genugtuung. Der Sünder muss also unter Anrufung des Heiligen Geistes die tiefsten Falten seines Gewissens aufdecken und prüfen, wie er sich gegen die heiligen Gebote Gottes und der Kirche und in seinen besonderen Standespflichten verfehlt habe. Bei der Erkenntnis seiner vielen Vergehungen fühlt sich das Herz verdemütigt und zerknirscht, und voll bitteren Seelenschmerzes ruft es aus: „Gott, sei mir armen Sünder gnädig!“ Der Rückblick in die Vergangenheit erfüllt ihn mit Abscheu über seine Verirrungen, aber beim Blick in die Zukunft fasst er den entschiedenen Entschluss: Ich will nicht mehr sündigen! Ist das Herz mit Reue erfüllt, dann sehnt es sich nach Bekenntnis, um die unerträgliche Last abzuwälzen. Dann ist er auch gern bereit, die verdiente Strafe zu erleiden und jede Genugtuung zu leisten. Mit der Sünde erlässt Gott im Bußgericht die ewige Strafe, aber eine zeitliche bleibt meist noch zurück, die der glückliche Büßer gern übernimmt, um die rechte Ordnung wiederherzustellen. Er versöhnt sich mit dem Beleidigten, er gewährt Schadenersatz dem Beeinträchtigten, er macht das gegebene Ärgernis wieder gut. Wie glücklich fühlt sich der Büßer, wenn er alle diese Bedingungen einer aufrichtigen Buße erfüllt hat und wieder die ewige Liebe seines himmlischen Vaters genießt.

 

3. Was wirkt die Buße? Die Rettung der Seele, die Vereinigung mit Gott. Das Bewusstsein, ich bin mit Gott versöhnt, wiegt tausendmal alle Beschwerden der Buße auf und gewährt ein unaussprechliches Gefühl von Seligkeit. Hast du das nicht selbst empfunden nach einer guten Beichte? Im Gottesfrieden, der allen Begriff übersteigt, konntest du wieder mit kindlicher Inbrunst beten: Vater unser im Himmel! Du warst wieder zufrieden mit deinem Stand, klagtest nicht mehr über deine Mühseligkeiten, kamst anderen freundlich entgegen. Auf deinem Gesicht spiegelte sich die innere Freude wieder. Und als du zum Tisch des Herrn gingst, da war dir wieder zu Mute, wie am Tag deiner ersten heiligen Kommunion, und Tränen des Dankes rollten über deine Wangen. Der Heiland grüßte dich: „Der Friede sei mit dir!“ und besiegelte den Freundschaftsbund mit seinem persönlichen Besuch. Du warst ein anderer Mensch geworden und lebtest wieder neu auf. Dies alles wirkt die aufrichtige Buße. Aber es ist nur ein Vorgeschmack dessen, was dir im anderen Leben aufbewahrt wird. Du sollst dich ewig erfreuen im himmlischen Vaterhaus und Gottes Engel werden mit dir jubeln, denn deine unsterbliche Seele ist gerettet. O glückliche Buße, die solche Glorie wirkt!