Das Kreuz auf dem Brot

 

In manchen Gegenden herrscht bei den Katholiken der schöne Brauch, dass der Vater oder die Mutter, bevor sie ein Brot anschneiden, erst das heilige Kreuzzeichen darübermachen. Es wird hierdurch sinnreich angedeutet, dass der gekreuzigte Gottessohn das Brot geheiligt hat, indem er sich selbst und in Brotsgestalt als Speise unserer Seelen gibt. Er wird durch dieses Kreuzzeichen auf dem Brot geehrt und zugleich liegt darin die Bitte, wenn auch nicht mit Worten ausgesprochen, er wolle uns das irdische Brot zum Heil des Leibes und der Seele gereichen lassen.

 

Schon bei den alten Heiden, lange vor Christi Geburt, war es üblich, den kuchenartig gebackenen Broten zwei Einschnitte einzuprägen, derart, dass auf jedem dieser runden Brote das Zeichen des Kreuzes erschien. Freilich dachten die Heiden nicht an das Kreuz, sondern machten diese Einschnitte, um das Brot leichter in vier Teile brechen zu können. Das Brot wurde nämlich nicht zerschnitten, sondern mit den Händen zerbrochen, wie es jetzt noch im Morgenland üblich ist. So haben schon die Heiden durch die Figur des Einschnittes, ohne es zu wissen, angedeutet, dass das Brot einst durch den sich am Kreuz opfernden Welterlöser geheiligt werden würde. Es ist daher erklärlich, dass die Christen gleich anfangs die Hostie des Abendmahles mit dem üblichen Kreuz bezeichneten, teils zur Beibehaltung der alten Sitte, teils aber auch, weil sie dem Kreuzzeichen nun die hohe, auf Jesus Christus bezügliche Bedeutung gaben. Daraus entstand auch bei den Christen des Abendlandes der fromme Brauch, jedes Brot mit dem heiligen Kreuzzeichen zu bezeichnen, bevor es zum häuslichen Bedarf angeschnitten wird.