Der hl. Petrus mit einer Brille

 

Im Tapetensaal des Kunstmuseums in Boston (USA) hängt links ungefähr in der Mitte ein riesiger alter Wandteppich. In warmen, schönen Farben stellt er die Geschichte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses dar. In der linken unteren Ecke befindet sich die Gestalt des hl. Petrus. An dieser Figur fällt etwas auf und erregt großes Aufsehen.

 

Man stelle sich vor, der hl. Petrus trägt eine Brille! Eine biblische Gestalt als Brillenträger erscheint den Museumsbesuchern denn doch etwas gewagt. Dauernd fragen sie im Flüsterton: „Damals gab es doch noch keine Brille, nicht wahr?“ „Wann wurde dieser Wandbehang denn hergestellt?“

 

Die Brille selbst hat eine sonderbare Gestalt, fast wie ein dickes, umgedrehtes Brustbein. Die runden, schweren Ränder der beiden Gläser sind durch ein dickes, gebogenes Verbindungsstück zusammengehalten, das sich nach oben bis zur Stirn verlängert, an der sein pilzförmiges Ende ruht. Im Gegensatz zu unseren Brillen ist diese Brille nicht gebaut, um auf der Nase zu sitzen, sondern scheint vielmehr an der Stirn zu hängen.

 

Es ist unwahrscheinlich, dass Petrus, ein einfacher Fischer, je einen solchen Luxusgegenstand wie eine Brille besaß. Wenn es überhaupt zu jener Zeit schon Augengläser gab, so galten sie sicherlich als Schmuck. Es könnte höchstens die entfernte Möglichkeit bestehen, dass ein Anhänger der neuen Lehre ihm eine geschenkt hätte.

 

Die erste geschichtliche Erwähnung von Brillen finden wir in den Schriften des Konfuzius ungefähr 500 v.Chr. Er behauptet, damit den Augen eines Schuhmachers geholfen zu haben. Man schrieb den Gläsern damals heilende Eigenschaften zu, aber es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Konfuzius schon etwas von den Brechungsgesetzen gewusst hat. Marco Polo berichtet, dass die Leute Augenlinsen benutzten, als er 1270 China bereiste. Damals waren Aberglaube und Gesellschafssitten für ihren Gebrauch maßgebend.

 

Die Chinesen glaubten, dass Schildpattgestelle für die Brillen ihre normale Lebensdauer verlängern würden. Man trug Brillen als Zeichen der Stellung, des Besitzes, Berufes, der Intelligenz und sogar der Dummheit.

 

Von einem Mann der Ming-Dynastie (1260-1368) wird berichtet, dass er eines seiner besten Pferde gegen eine Brille vertauschte. Aber wenn auch die wenigen chinesischen Brillen, die noch in unseren Sammlungen aufbewahrt werden, gute Muster der Brillen jener Zeit darstellen, so müssen wir doch annehmen, dass diese schweren Quarzlinsen nur zur Zierde dienten. Das Gestell ähnelte der oben beschriebenen Brille des hl. Petrus, wurde jedoch durch lange Seidenbänder gehalten, die über und hinter den Ohren liefen und, durch Metallverzierungen beschwert, über die Schulter herunterhingen.

 

Der Wandteppich mit unserer Figur des hl. Petrus wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Brüssel verfertigt. Damals verkauften Straßenhändler in Europa die ungeschlachte Brille als Schmuck und Sehhilfe. Brillenmacher war ein Beruf geworden wie Schuhmacher und Hufschmied. Linsen wurden geschliffen, in Gestelle gefasst und auf den Straßen verkauft. Der Käufer suchte sich einfach eine ihm passend erscheinende Brille aus.

 

So muss man im Gegensatz zur vagen Möglichkeit, dass dem hl. Petrus schon Brillen bekannt gewesen sein können, annehmen, dass sie in weiten Kreisen bekannt und in Mode waren, als der Künstler vor 450 Jahren diesen Wandteppich schuf. Man muss sich auch daran erinnern, dass die Künstler oft reiche Gönner als Modelle wählten. Die Figur in der Ecke des Teppichs kann leicht das naturgetreue Portrait eines Gönners des Künstlers sein und weniger der Versuch, eine historische Erzählung über Petrus wahrheitsgetreu wiederzugeben. Anzunehmen, dass Petrus eine Brille als persönlichen Schmuck getragen habe, ist unvereinbar mit der Geschichte dieses bescheidenen und heiligen Mannes. Nebenbei gesagt, ist eine der ältesten Quellen über Brillen in Europa eine Inschrift auf einem Grabstein des Jahres 1317. Sie lautet: „Hier ruht Salvino d`Armato aus dem Geschlecht der Armati von Florenz, Erfinder der Brille. Gott vergib ihm seine Sünden!“

 

Katharina A. Dempsey

Zusammenfassung aus „Boston Sunday Globe“

Boston, 16. Oktober 1949