Ein Brief an die Muttergottes (1941)

 

Gedenke, o gütigste Jungfrau

 

Von Georg Schuster S.M.

Zusammenfassung aus „Apostle of Mary“

108 Franklin St., Dayton, Ohio, Juni 1941

 

Maria, himmlische Mutter! Vielen von uns scheint die Zeit gekommen, dass Du wieder in die Dinge hier unten auf Erden eingreifen solltest. Wir sind in einer furchtbaren Lage. Zwar fing es schon vor Jahrhunderten an, aber nun sind die Verwirrung und das Durcheinander himmelschreiend geworden. Bestimmt weißt Du um all das.


Immer mehr Menschen mit krankhaftem Sinn erhoben sich, die Deinen Sohn nicht mehr kannten, oder ihn, wenn sie ihn noch kannten, nur hassten. Sie liebten auch Dich nicht mehr. Mit den Jahren wurde ihre Zahl immer größer und ihr Hass immer stärker. Die Menschheit spaltet sich in zwei Lager, die, die Deinen Sohn und Dich liebten, und die, die Euch hassten. Immer mehr hat sich diese Spaltung verbreitet, so dass heute alle Menschen gegeneinander aufgespaltet sind. Wir glauben, dass dies die gefährlichste Krise ist, die die Menschen auf Erden je durchgemacht hatten.


Darum sagen wir, es sei an der Zeit, dass Du eingreifst. Wir armen Menschen haben versucht, Abhilfe zu schaffen, aber wir haben unsere Lage nur noch schlimmer gemacht, so schlimm, wie es nur Menschen fertigbringen können. Wir sind eigensüchtig, ungerecht und lieblos dabei gewesen, kleinlich, von niedrigem Sinn und unfrommer Denkart. Wir haben nicht genug Liebe gehabt. Und da wir so sind, haben wir keine Macht mehr über das Übel.

Wir erinnern uns aber daran, dass Du einst, als die Weinkrüge leer waren, an Deinen Sohn herantratst und sprachst: „Herr, sie haben keinen Wein mehr“ und für die Menschen batest, bis das erste Wunder geschah. Aber Kana war nur der Anfang, ein schwaches Vorbild Deiner geschichtlichen Rolle, nur ein kleines Anzeichen für das, was im Laufe der Geschichte kommen sollte. Jedes Mal, wenn der Kirche furchtbare Gefahr drohte, hast Du die Gefahr abgewendet und sie zum Untergang der Bedroher werden lassen. Wir wissen, dass Du mächtig bist in allen Lagen.


Denkst Du noch an Lepanto? Immer näher kamen die Türken dem Herzen der Christenheit. Es war wie eine immer enger werdende Umklammerung. Asien besaßen sie und Afrika. 80.000 Reiter in ihren europäischen Besitzungen warteten darauf, über die Grenzen der Christenheit hinwegzusetzen. 600 Galeeren waren bereit, die ungeschützten Küsten anzugreifen. Von Zypern bis nach Spanien sanken die Christen zusammen mit dem Heiligen Vater auf die Knie, um in dieser furchtbaren Lage zu beten.


Als sie sich wieder erhoben, kam ein Schiff aus dem Westen, auf dem Dein blaues Banner flatterte. Unter dem Banner stand ein Soldat, der das Gebet des katalanischen Kämpfers wiederholte: „Virgen santa, Madre mia, Trono de Gloria tu a la victoria nos Ileveras“ (Heilige Jungfrau, meine Mutter, Thron der Glorie, Du wirst uns zum Sieg führen). So zog er gegen Ali Pascha und seine Galeeren voller wilder Janitscharen aus, die noch nie den Fuß eines Siegers zu spüren bekommen hatten.


Nach 5 Stunden des Kampfes lag die grüne Fahne des Propheten zerfetzt im Meer, und Dein blaues Banner wehte hoch oben, heilig und unangetastet. Die wilden Horden hatten sich an ihm zerbrochen. Die Christen waren gerettet und mit ihnen die christliche Kultur. Ohne Zweifel war das Dein Werk gewesen. Die Christen schworen, dass Du es warst, die in letzter Stunde diese Hilfe brachte.


Und was geschah ein Jahrhundert später vor den Toren Wiens? Du weißt noch all die Einzelheiten jenes Jahres 1683. Der Halbmond flatterte vor Wien, und die Säulen der Christenheit wankten beim Dröhnen der Stimmen unzähliger Reiter, die Allah und seinem Propheten Mohammed mit lauten Rufen dafür dankten, dass er Wien in die Reichweite ihrer Kanonen gegeben hatte. Diesmal gab es niemanden mehr, sie aufzuhalten. Ja, Frankreich, der Mittelpunkt Europas und des Glaubens, hatte Wien den Ungläubigen ausgeliefert.

Da stand im Volk ein Mann auf. Weißt Du noch wie dieser Mann in Tschenstochau vor Deinem Bild auf die Knie sank? Ja, Du weißt es, wie das christliche Heer den Sieg errang, einen solchen Sieg, dass die fünffache Übermacht der Feinde von Österreich nach Asien zurückfloh. Aber die Christen waren gar nicht erstaunt. Sie fühlten so lebhaft, dass Du sie geschützt, geführt und mit ihnen gefochten hattest, dass Sobieski es als natürlichste Sache der Welt betrachtete, den Papst in Abänderung von Cäsars bekanntem Ausspruch mit den Worten „Veni, vidi, Domina vicit“ (Ich kam, sah und die himmlische Herrin siegte) über den Sieg zu unterrichten.


Verzeih unsere vielen Worte! Wir wollten nur in menschlicher Weise Dich daran erinnern, was Du schon in verzweifelten Lagen wie der unseren getan hast. Gelehrte, die es besser ausdrücken können, sagen, dass es sich heute um Jesus oder Jupiter, um Christus oder um den Antichrist handelt. Wahrhaftig, die Zeiten könnten nicht noch schlimmer sein. Darum siehst Du uns auf dieser kleinen, von Not erfüllten Erdenkugel auf den Knien liegen und den Himmel durch Dich bestürmen. Wir vertrauen darauf, dass Du auch für unsere Lage schon eine Lösung bereit hast.


Die bösen Vorzeichen häufen sich. Die Zeitungsüberschriften werden von Tag zu Tag größer und schwärzer. Wir aber erinnern uns, dass noch nie gehört worden ist, dass jemand, der zu Dir seine Zuflucht genommen, von Dir verlassen worden sei.