Brief an den heiligen Erzengel Michael

 

Michael, heiliger Erzengel, wir müssen dich um Verzeihung bitten, wir Nachfahren jener stolzen Geschlechter, die in dir ihren machtvollen Schutzherrn und ihr hohes Vorbild verehrten. Zu unserem Schaden teils du das Los einer Reihe von Heiligen, die, im Mittelalter hoch angesehen, im Laufe der Zeit aber fast der Vergessenheit anheimgefallen sind. Von deinem Namen, der unsere Ahnen zu christadeligem Leben verpflichtete, ist uns geblieben, dass man uns den „deutschen Michel“ nennt und darunter einen schlafmützigen Trottel, einen beschränkten Spießbürger versteht. Die Fahne mit deinem Bild, die den Vätern voranwehte zu glaubenschützender Tat, ist uns längst entglitten, und mit ihr sank hin der christliche Ernst, die Einheit unseres Volkes im Glauben, ja der Glaube an Christus und den lebendigen Gott.

 

Dabei ist es höchste Zeit, dass wir uns wieder auf dich besinnen! Bist du nicht der Führer der himmlischen Scharen, die sich für Gott gegen Luzifer erhoben und in deinem Namen „Mi-cha-el“, das heißt: „Wer ist wie Gott?“ zu ihrem Schlachtruf wählten? Du bist es doch, der nach der Geheimen Offenbarung die heilige Kirche gegen den siebenköpfigen Drachen verteidigt und den Drachen vom Himmel stürzt.

 

Allerdings: wie deine Gestalt immer mehr den Augen unseres Volkes entschwand, so nahm eine angeblich aufgeklärte, fortschrittsgläubige Zeit – zu unserem Unglück! – den Drachen, deinen Gegenspieler, nicht mehr ernst. Im Denken zu vieler Menschen verblasste der Teufel zu einem unwirklichen Schatten. Sie unterschätzten oder übersahen den, mit dem du solch heftigen Zweikampf zu bestehen hattest, der selbst unsern Herrn versuchen durfte. Während nach St. Augustins geistesgewaltigem Buch „Über den Gottesstaat“ die Weltgeschichte nichts anderes ist als das Ringen des Teufels und seines Anhangs gegen Gott und Gottes Diener, verharmlosten wirklichkeitsfremde Toren leichtfertig das dunkelmächtige Dasein des „Menschenmörders von Anbeginn“ und stellten es außer Rechnung.

 

Wundert´s uns, dass sie sich verrechnet haben? Der zu einem dürren Kinderschreck verniedlicht wurde, ist mächtig geworden in der Welt! Dass man seine Existenz in Abrede stellte, dieser fürchterliche Selbstbetrug kam ihm nur zugute. Unbeachtet hat er inzwischen einen Großangriff vorbereitet und holt in unseren Tagen zum Schlag aus. Ist die Ordnung der Welt nicht auch deshalb aus den Fugen, weil der Diabolus, der Durcheinanderwirbler, zu lange ungestört sein Handwerk treiben, die Fundamente der Ordnung aushöhlen konnte? Ist die Menschheit nicht darum zu Tode krank, weil Satan unbemerkt sein Gift in unser Blut geträufelt hat? Menschen glaubten auf der Erde leben zu können, als gäbe es weder Gott noch Teufel; als ließe sich das Tränental allen Mängeln zum Trotz in ein Paradies verwandeln. Welche Täuschung! Welch ein Erwachen für die Enkel der kurzsichtigen Weltverbesserer: sie wachsen nicht in einer Welt auf, die dem Garten der Wonne gleicht, sondern in einem Dschungel, durch den todbringend die alte Schlange schleicht. Lange Zeit hinter dem Schleier freiwilliger menschlicher Blindheit versteckt, schreitet die Macht des Bösen heute offen einher. Der Lauf der Welt, vordem als steter Fortschritt in eine immer lebenswertere schöne Zukunft gepriesen, scheint auf einmal sinnloses Schicksal. Die Propheten des Fortschritts sind verstummt. Den Weisen der Gegenwart umschnürt Angst das Herz, sie sagen dunklen Untergang voraus. Angesichts des Teufels befällt selbst die Mutigen lähmende Hoffnungslosigkeit und tödlicher Zweifel.

 

In dieser Stunde der Finsternis hoffen wir, St. Michael, auf dich! Lass uns unter dem würgenden Zugriff des Teufels, vom Gifthauch des Drachens getroffen, deiner Wirklichkeit wieder inne werden, deine Nähe erfahren! Ist Satan mächtig geworden, so ist doch auch deine Macht nicht geschmälert. Droht er uns unter sein Joch zu beugen, so stehst du bereit, für unsere Freiheit einzutreten. Da der Widersacher heute mehr denn je umhergeht wie ein brüllender Löwe, der sucht, wen er verschlinge, verteidige du uns in dem Kampf, der unsere Kraft übersteigt! Wie du einst mit ihm um den Leib des Moses gerungen hast, schirme heute ihm gegenüber den geheimnisvollen Leib Christi, die Kirche.

 

Uns aber wolle Gott auf deine Fürsprache geben, dass deine lichte Gestalt ihre formende Kraft über unsere Herzen entfalte! Dass wir, klarsichtig wie du, mit dem Teufel rechnen! Mehr aber noch mit Gott! Wir haben erkannt: die Erde ist kein Niemandsland, sondern ist Gottes oder des Teufels, je nachdem wir uns entscheiden. Wir können uns nicht in bequemer Neutralität der Entscheidung enthalten; wenn wir nicht wählen wollen, haben wir schon gewählt: denn wer nicht für Christus ist, der ist gegen Ihn.

 

Durch eine angstgeschüttelte Christenheit klingt dein Name „Wer ist wie Gott?“ als ein Ruf unzerstörbarer Zuversicht. Dass er in unseren Herzen die Nebel des Zweifels zerstreue, kleinmütige Furcht verbanne, hochgemute Tapferkeit wecke und göttliche Siegesgewissheit verbreite, darum bitten wir dich, unüberwindlich starker Held, St. Michael!