Bischofsmesse in den Katakomben

 

Man hat mir gesagt, eine Pilgerreise sei ein Gebet mit den Füßen. Nun, nach einer Woche in Rom taten mir meine Füße ordentlich weh.

 

Als mir daher meine Begleiterin, Frau Rogers, vorschlug, die Katakomben zu besuchen, lehnte ich glattweg ab. Ich erinnerte mich nämlich noch ganz deutlich, dass ich von den Katakomben im Reiseführer gelesen hatte, dass sie, aneinandergelegt, eine Länge von 1500 km besitzen.

 

Da luden uns jedoch die amerikanischen Bischöfe Muench und Dworschak am Christkönigsfest zu einer hl. Messe in der Katakombe der hl. Domitilla ein. Nun konnte ich natürlich nicht mehr absagen.

 

So erhob ich mich beim Morgengrauen, nachdem ich mich erst in später Nachtstunde von gastfreundlichen Römern verabschiedet hatte. Unter solchen Umständen ist eine frühe Morgenstunde Ende Oktober in Rom genau so kühl und unfreundlich wie irgendwo. Ich fror, während ich mich anzog.

 

Am Eingang der Katakombe empfing uns ein Klosterbruder aus einem deutschen Orden, der die Katakombe „verwaltete“. Frau Rogers behauptete steif und fest, er sähe wie Johannes der Täufer aus. Später kam sie aber zur Ansicht, dass alle Klosterbrüder, die wir zu Gesicht bekamen, wie Johannes der Täufer oder der hl. Franziskus aussähen. Sie war ganz erleichtert, als sie endlich einen fand, der nach ihrer Meinung Cäsar glich. Im Gänsemarsch folgten wir dem Bruder durch die engen Gänge. Nach einer Weile wurden Frau Rogers und ein amerikanischer Konvertit, der sich in unserer Gesellschaft befand, zusammen mit Bischof Muench in einen Gang zu unserer Rechten geleitet, während ich Bischof Dworschak folgte. Bald kamen wir zu einer kleinen Zelle bzw. einem Gewölbe mit einem rohen Altar. Das eiserne Kruzifix stammte aus frühchristlicher Zeit. Die Kerzenhalter waren einfache Eisenspitzen. Über dem Altar lag ein Haufen Knochen in einer Nische, die Gebeine von Christen, die man in diesem Gewölbe begraben hatte. Vor dem Altar lag ein kleiner Teppich zum Knien für den Bischof. Ich blieb stehen. Sonst hätte ich nur die Wahl gehabt, mich auf den blanken, eiskalten Boden zu knien.

 

„In nomine Patris, et Filii, et Spiritus sancti . . .” Die hl. Messe begann.

 

Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Augenblick der Bischofsmesse ich den gelblich-weißen Totenkopf erblickte, der aus der Nische über meiner rechten Schulter auf mich herabgrinste. Der Schädel lenkte mich ganz von der Messe ab und war ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt für meinen Blick. Ich erwiderte das leere Stieren dieses Kopfes mit Tränen in den Augen und wusste, dass ich meinen letzten Feind oder Freund anschaute, den dunklen Kavalier, meinen letzten Liebhaber, meinen letzten Beichtvater. Meine Sinne bäumten sich gegen die Hässlichkeit, Wildheit, Brutalität und Schmach des Todes auf. Eine heidnische Verzweiflung schien sich meiner Seele zu bemächtigen.

 

„Wer wird mich erlösen von diesem Körper des Todes?“

 

„Sursum corda!“

 

Der Bischof war schon bei der Präfation, und plötzlich wurde auch mein Herz durch die gewaltige Kraft dieses Sakramentes, das zu gleicher Zeit Opfer und Kommunion ist, emporgehoben. Durch Den, der einst sprach: „Wenn ich von der Erde erhöht sein werde, werde ich alles an mich ziehen.“ Den, der mit den Worten „Es ist vollbracht“ starb. Den dessen Tod durch sein Sterben zum Tod des Todes wurde und der uns die Tür zum Leben, zu Christus dem König, dem Königs des Lebens öffnet.

 

In diesem Augenblick erkannte ich klar den Unterschied zwischen der alten Welt und der Welt, die mit der Stunde der Kreuzigung begann: die Heiden fürchteten den Tod, die Christen konnten höchstens noch das Sterben selbst fürchten.

 

Bei der hl. Wandlung schien es mir, als ob der Totenkopf mir zulächelte. Ich dachte: Wenn er sprechen könnte, würde er sicherlich die Worte eines Mannes gebrauchen, den er vielleicht in seinem Leben gekannt und seinen Freund genannt hat, des hl. Paulus: „Grab, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“

 

Hier in den Katakomben wurde es mir zum ersten Mal völlig klar, dass ich zur Gemeinschaft der Heiligen gehörte.

 

Als wir wieder emporstiegen, war ich, wie man sich denken kann, gleich allen anderen sehr froh. Wie zuversichtlicher Stimmung war ich jetzt! Ach, wie lange war es schon her, dass die junge Kirche ihre Gottesdienste in diesen Katakomben halten musste! Als ich so aus der Finsternis der Katakombe wieder in das goldene Licht eines Sonntagmorgens in Rom auftauchte, fühlte ich mich voller Zuversicht, Hoffnung und Glauben, wie ich bekennen muss. Ganz Rom schien mir ein gewaltiges Zeugnis für den Triumph des Christentums zu sein. Rom war selbst eine Auferstehung.

 

In der Ferne wölbte sich das Meisterwerk Michelangelos, die Kuppel von St. Peter, erbaut an der Stelle des Martyriums des galiläischen Fischers. „Martyrerblut ist Christensamen.“ Ja, das viele Blut, das hier strömte, war in die Adern des mystischen Leibes unseres Herrn, in seine Kirche geflossen. Es gibt heute, glaube ich, über 1 Milliarde Katholiken in der Welt, und ihre Zahl nimmt noch ständig zu. Die Kirche beweist ihre Lebenskraft. Das heißt, dass sie noch immer mit Erfolg gegen jenen Brand ankämpft, den die Selbstsucht, der Stolz, die Lust, die Gier und der Geiz entfachen und den die Menschen „Geschichte“ nennen.

 

Ich erinnere mich, dass wir am Bogen des Konstantin vorbeikamen, des Kaisers, mit dessen Bekehrung die Christenverfolgungen aufhörten. Dieser Bogen war wie ein großes Portal zwischen der heidnischen Verzweiflung und christlicher Hoffnung, zwischen Tod und unsterblichem Leben.

 

Von Clare Boothe Luce

Zusammenfassung aus „Pyton“

Juli 1950