Bienenlegenden

 

Die Geschichte der Imkerei geht weit über die Zeit der geschriebenen Geschichte zurück. Bienen, sowohl wilder als auch gezüchteter Abstammung, wurden offensichtlich in großem Umfang schon in den frühesten Tagen der Menschheit gehalten. In den alten keltischen Gedichten wird England oft als die Insel des Honigs bezeichnet. Der Met, das Honiggetränk, wurde damals von jedem, arm oder reich, getrunken. Es muss daher in jenen alten Tagen sehr viel Honig gegeben haben. Pythias von Marseille, ein Seefahrer, der 300 Jahre vor Christus lebte, besuchte Britannien und bemerkte, dass das Lieblingsgetränk der Bewohner aus Honig und Weizen hergestellt wurde.

 

Die alten Briten haben vielleicht schon gezüchtete Bienen gehabt, oder sie bekamen Honig von wilden Bienen. Aber wir wissen, dass die Römer Bienen in langen, engen Körben hielten, die aus geflochtenen Weiden oder aus zusammengehefteten Gerstenhalmen gemacht waren. Diese Körbe stellten sie in ihren Gärten zwischen den Obstbäumen auf. Die Regeln, die der römische Dichter Virgil über das Leben der Biene und die Bienenzucht aufschrieb, genügten Europa bis vor ungefähr 250 Jahren.

 

Die Sachsen, die sich in England unter einem landwirtschaftstreibenden Volk niedergelassen hatten, wurden erfahrene Imker, die anscheinend Bienenfarmen besaßen; denn wir finden viele Ortsnamen sächsischen Ursprungs, die mit Bienen oder Honig zusammenhängen.

 

So wichtig waren diese kleinen Insekten und ihr Erzeugnis in den Tagen des Mittelalters, dass es eine eigene Gesetzgebung für sie gab. König Alfred von England z.B. erlies ein Gesetz, dass ein Mann, wenn seine Bienen schwärmen, mit Metall klappern oder mit einer Schelle schellen müsse, um den Nachbarn dadurch wissen zu lassen, dass er den Schwarm verfolge und für sich beanspruche. Die Erinnerung an dieses Gesetz dauert auf dem Land noch an, wo die Bauern die Deckel von Tiegeln aneinanderschlagen und behaupten, der Lärm veranlasse den Schwarm sich niederzulassen.

 

In England und in vielen anderen Ländern wurde im Mittelalter die Pacht oft in Form eines Jahresmaßes an Honig bezahlt. Erst zwei Jahre nach Unterzeichnung der Magna Charta ordnete Heinrich III. an, „dass jeder Freie den Honig behalten darf, den er im Wald findet.“ Dies muss eine große Wohltat für Hunderte von Leuten gewesen sein, da Zucker erst im 16. Jahrhundert nach England eingeführt wurde.

 

Einst galt das plötzliche Niederlassen eines Bienenschwarmes über einem Menschen als ein Zeichen künftiger Größe. Als der heilige Ambrosius in der Wiege lag und ein Bienenschwarm darüber erschien, veranlasste das die entzückten Zuschauer, die künftige Rednergabe des Kindes vorherzusagen.

 

Die Bienen haben verschiedene Schutzheilige. In Cornwall ernannte man den hl. Bartholomäus dazu und erklärte, dass man an seinem Fest im Juni schleudern solle. In Britannien bringt man an jedem Bienenstock eine kleine Medaille des hl. Benedikt an. Frankreich sieht den hl. Medard, den Bischof von Noyon im 6. Jahrhundert, als den besonderen Patron der Bienen an.

 

Ob der hl. David von Wales wirklich selbst Bienen züchtete oder diese Arbeit an andere übertrug, wissen wir nicht, aber wir wissen, dass im Kloster von Glyn Rosen, dem „Tal der Rosen“, dem Lieblingskloster des hl. David, unter den 12 Klöstern, die er gründete, Bienen gezüchtet wurden.

 

Eine hübsche Geschichte wird von einem jungen Imker, dem hl. Domnoc, dem die besondere Liebe des hl. David galt, erzählt. Nach einigen Jahren Aufenthaltes im Tal der Rosen erhielt der hl. Domnoc den Befehl, nach Irland zu gehen. Dreimal versuchte er erfolglos, einem Bienenschwarm zu entfliehen, der ihn begleiten wollte. Hierauf ging er zum hl. David und bat ihn, die Bienen mit nach Irland nehmen zu dürfen. Da die Bienen offenbar entschlossen waren, mit ihrem Herrn zu gehen, segnete der hl. David den jungen Imker und prophezeite, dass die Bienen in Irland gedeihen, aber im Tal der Rosen schwächer würden.

 

Einer der ältesten Bienenheiligen, der selbst auch ein Imker war, ist der hl. Sossim in der Ukraine gewesen. Der Überlieferung nach soll er die Bienen in Europa eingeführt haben, hauptsächlich, um Wachs für Kerzen zu erhalten. In jener Zeit, so erzählt die Legende, hatte nur Ägypten Bienen, aber kein Ägypter wollte dem hl. Sossim welche geben oder verkaufen. Der Heilige wanderte durch Ägypten und trug ein hohles Schilfrohr als Stab. Eines Tages fing er eine Bienenkönigin und zehn Bienen und sperrte sie in das Schilfrohr ein. Die Ägypter, denen das anscheinend zwecklose Herumwandern des Heiligen in ihrem Land verdächtig vorkam, nahmen ihn gefangen und durchsuchten ihn. Als sie aber nichts fanden, ließen sie ihn wieder los. Schließlich erreichte er mit den kostbaren Bienen Europa. Der hl. Sossim muss ein fähiger Imker gewesen sein, und seine gefangene Königin war offenbar sehr tüchtig, da sie nach der Legende die Ahnherrin aller Europäischen Bienen ist.

 

Im Gebiet von Aidne lassen noch heute die frommen Imker aus dem Wachs ihrer eigenen Bienenstöcke Kerzen machen und diese an Lichtmess weihen. Dann werden diese Kerzen sorgfältig aufbewahrt und nur benutzt, wenn ein Familienmitglied stirbt. Die Imker von Saone-et-Loire zünden an den Bitttagen eine Kerze an, damit ihre Bienen gedeihen. Die Leute auf dem Land erzählen, dass zur Zeit der Mette die Bienen zu Ehren des Christkindes laut summen.

 

Überall ist es die Meinung des Landvolkes, dass man Bienenschwärme nicht verkaufen darf, sondern nur herschenken, wenn man auch in manchen Gegenden ein Gegengeschenk dafür annehmen darf.

 

An vielen Orten glaubt man noch, dass die Bienen dahinsiechen und sterben, wenn man ihnen einen Todesfall in der Familie nicht ansagt. Das Verfahren dieses „Ansagens“ ist da und dort verschieden. Gewöhnlich wird die Trauerbotschaft leise ein – oder zweimal am Eingang des Bienenstockes gewispert, und die Bienen werden gebeten, für den neuen Herrn zu arbeiten. Gelegentlich wird auch ein schwarzes Band oder Krepp um den Bienenstock geschlungen. Vor einem Menschenalter sagten die Landleute ihren Bienen auch noch die Taufen und Hochzeiten an. Der Gedanke, der all diesen Bräuchen zugrunde liegt, ist immer der gleiche: die Bienen haben einen beinahe menschlichen Verstand und nehmen an Freude und Leid der Familie ihres Herrn teil.

 

Nach einem ebenfalls weit verbreiteten Glauben gedeihen die Bienen nicht, wenn ihre Stöcke in der Nähe von Häusern streitsüchtiger Leute stehen. Sie wollen auch nicht von Leuten gepflegt werden die unsauber sind, deren Kleider beschmutzt sind, oder die roh in ihrer Stimme oder ihren Bewegungen sind. Wenn Imker ungehörige oder fluchende Ausdrücke vor den Bienen gebrauchen, werden die gekränkten Geschöpfe die entweihte Stätte verlassen, sobald sich eine passende Gelegenheit hierzu einstellt.