Kann man Krankheiten "besprechen"?

 

An der Tatsache ist nicht zu zweifeln: es ist uralter Volksglaube, dass Krankheiten und anderes Unheil dämonischer Herkunft seien und durch Zaubersprüche gebannt werden müssten. Wir haben es in diesem Zauberritus „Besprechen“, „Bereden“, „Besegnen“, „Überschreien“ oder „Brauchen“ genannt, mit einem über die ganze Erde verbreiteten Brauchtum zu tun. Gewissen Worten und Sprüchen in gebundener Form, besonders geschriebenen oder gemalten, wird Heilkraft zugeschrieben. In der Zauberliteratur aller Völker finden sich solche Zauber- und Bannformeln. Die ältesten sind die der Ägypter aus dem vierten Jahrtausend vor Christus, Beschwörungen gegen Krankheiten und Dämonen, gegen "das böse Auge“, gegen Krokodile und vor allem gegen Schlangen. Die Griechen und Römer brauchten vielfach Beschwörungsformeln mit Versen aus Homer und Virgil. In der deutschen Literatur sind uns alte Zaubersprüche erhalten als Wurm- und Bienensegen und in den zwei Merseburger Zaubersprüchen aus dem zehnten Jahrhundert in Fulda, einem der wenigen Überreste heidnischen Glaubens auf deutschem Boden. Im ersten werden die Walküren, die Schlachtenjungfrauen der nordischen Mythologie, die auf ihren Rossen die Gefallenen nach Walhall führen, zur Rettung eines Gefangenen, im zweiten die altgermanischen Gottheiten zur Heilung einer Pferdefußverrenkung beschworen. Diese Zauberformeln müssen, um besonders heilkräftig zu sein, geschrieben sein, man muss sie wie einen Talisman bei sich tragen oder verschlucken. Auch dürfen sie nach dem Volksglauben nicht laut und deutlich gesprochen werden, sondern leise, geflüstert, gewispert, um den Charakter des Geheimnisvollen zu verstärken. Vielfach wurde auch der kranke Teil mit der Zauberformel oder mit der flachen Hand oder mit einer Fuchszehe bestrichen. Dem Vieh wurden die Sprüche um den Hals gehängt, zum Schutz von Haus und Hof wurden sie über Türen, an die Wand, an Ställe, Bäume und Zäune geheftet. Vielfach sind es ganz sinnlose, orientalisch klingende Formeln, ein wahres Kauderwelsch ohne jeden vernünftigen Inhalt. Bekannt ist aus dem Mittelalter die Formel „abracadabra“. Mit der Wegnahme des jeweiligen letzten Buchstabens, so dass schließlich nur der letzte Buchstabe a zurückblieb, sollte auch die Krankheit schwinden. Daher der Name Schwundformel. Man schwörte geradezu auf diesen Unsinn. Gerade in dem geheimnisvollen Klang erblickte man die Wirksamkeit, und auf diese Sinnlosigkeit legte der Aberglaube großen Wert. Eine Unmenge derartiger Besprechungsformeln enthält das sogenannte „sechste und siebente Buch Mosis“, das heute noch auf dem Land in Umlauf ist. Vielfach wurden auch Zaubersprüche mit christlichen Namen und Wörtern oder mit Bibelsprüchen verbrämt, ein Missbrauch, den die Kirche immer scharf verurteilte. Auch suchte man die Zauberformeln durch das Anrufen des Namens Gottes und der Heiligen sowie durch das Kreuzzeichen in ihrer Wirksamkeit zu verstärken.

 

Das Besprechen ist auch heute noch vielfach auf dem Land und in der Stadt anzutreffen, besonders das Blutbesprechen unter Anwendung geheimnisvoller Sprüche. Ein solcher Zauberspruch ist folgender: „Moses ging durch das Rote Meer, schlug mit dem Stab in die Flut, die Flut stand; so tu du, Blut!“ oder: „Blut steh still und vergiss deinen Lauf, wie unseres Heilandes Jesu Christi heilige fünf Wunden am Kreuze still stunden“. In Westfalen ist vielfach folgende Blutbesprechungsformel im Umlauf: „Abek, Wabek, Fabek“. Weiter verbreitet ist das Besprechen von Warzen durch allerlei Sprüche. Ein bekannter Warzenspruch, der bei zunehmendem Mond zu sprechen ist, lautet: „Mond nimmt zu, Warze nimmt ab“. Dabei hat man unverwandt in den Mond zu sehen. Die Wirkung dieses Besprechens ist tatsächlich oft verblüffend. Es braucht sich deshalb auch bei derartigen Besprechungen nicht immer um Aberglauben zu handeln oder um eine diesen Zeichen innewohnende Kraft, sondern es handelt sich um eine rein hypnotisch-suggestive Beeinflussung. Etwaige Erfolge dieses „magischen Heilverfahrens“ haben auch mit wunderbaren Krankenheilungen nichts zu tun, sondern beruhen auf Suggestion, die darauf ausgeht, in dem Kranken die Vorstellung zu erzeugen, dass gewisse Krankheitserscheinungen, Schmerzen, Lähmungen, Krämpfe, Blutungen nicht vorhanden seien oder bald verschwinden würden. Wahrscheinlich verdankte auch der sibirische Prophet und Wunderdoktor Rasputin seinen unheimlichen Einfluss am Zarenhof während des ersten Weltkrieges der suggestiven Kraft, mit der er auf den Zarewitsch, der bekanntlich ein Bluter war, einwirkte. Vielleicht ist das Besprechen von Warzen auch eine Art Blutbesprechung, wobei durch seelische Beeinflussung die Blutzufuhr für die Ernährung dieser für die Medizin noch rätselhaften Gebilde unterbunden wird, so dass sie absterben müssen.

 

Das Besprechen, besonders unter Verwendung religiöser Formeln, ist in seinem ganzen Wesen reiner Aberglaube. Selbst an und für sich einwandfreie Gebete und Segenswünsche erhalten durch die Art der Anwendung den Charakter abergläubischen Zaubers. Die Gebete richten sich dabei nicht an Gott selber, sondern an den zu bezaubernden Gegenstand, bitten nicht, sondern befehlen. Man würdigt in diesem Zauberwahn Gott zum Götzen herab, missbraucht seinen Namen und sucht ihn in magischer Weise rein irdischen Zwecken dienstbar zu machen. Es zeugt von dem großen Scharfblick der Kirche, dass sie in diesen Dingen keine Harmlosigkeiten, sondern eine Entehrung Gottes mit verhängnisvollen Folgen für die seelische und leibliche Gesundheit des Zaubersüchtigen erblickt, weshalb sie derartige Wahngebräuche immer bekämpft hat.

 

Philipp Schmidt S.J.,

Aus „Wochenpost“,

Missionsdruckerei in Steyl,

9. Jahrgang, Nr. 8.

 

Katechismus der Katholischen Kirche (2110-2111 und 2138) von 1993:

 

„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben! – Das erste Gebot verbietet, neben dem einen Herrn, der sich seinem Volk geoffenbart hat, noch andere Götter zu verehren. Es untersagt Aberglauben und Unglauben. Der Aberglaube ist gewissermaßen ein abartiges Zuviel an Religiosität, der Unglaube ein Zuwenig, ein der Tugend der Gottesverehrung widersprechendes Laster.

 

Der Aberglaube ist eine Entgleisung des religiösen Empfindens und der Handlungen, zu denen es verpflichtet. Er kann sich auch in die Verehrung einschleichen, die wir dem wahren Gott erweisen. So wenn z.B. bestimmten, im übrigen berechtigten oder notwendigen Handlungen eine magische Bedeutung beigemessen wird. Wer die Wirksamkeit von Gebeten oder von sakramentalen Zeichen dem bloß äußerlichen Verrichten zuschreibt und dabei von den inneren Haltungen, die sie erfordern, absieht, verfällt dem Aberglauben.

 

Der Aberglaube ist ein Abweichen von der Verehrung, die wir dem wahren Gott schulden. Er zeigt sich in Götzendienst sowie in verschiedenen Formen der Wahrsagerei und Magie.“