Beschaffenheit des Gebetes

 

Man hört sehr oft die Klage: „Ich kann noch so viel beten, ich werde doch nicht erhört. Ich habe geklagt und geweint und mir die Hände wund gerungen, aber ich habe weder Trost noch Hilfe gefunden. Der Himmel scheint für mich verschlossen zu sein.“

Woran liegt es? Hört Gott mich nicht? Oder habe ich nicht richtig gebetet und bin deshalb nicht erhört worden? Vielen Heiligen gewährte Gott fast jede Bitte in wunderbarer Weise. Wir wollen von ihnen lernen, wie unser Gebet beschaffen sein muss, damit es von Gott erhört wird. Wir müssen beten:

1. um gute Dinge,

2. als guter Mensch,

3. auf gute Weise.

 

1. Du musst beten um gute Dinge, die die Ehre Gottes und das Heil der Seele fördern. Im Vaterunser lehrt dich Jesus, was du erbitten sollst. In den sieben Bitten ist ja alles enthalten, was den Menschen glücklich machen kann für das Leben hier und in der Ewigkeit. Beten wir um solche Dinge, dann tragen Gottes Engel unsere Gebete zu Gottes Thron und steigen mit der Erhörung wieder zu uns herab. Wenn wir aber nur um Vermehrung von Hab und Gut, um Siege bei Sport und Spiel, um einflussreiche Ehrenstellen, um Befreiung von Krankheit, Kummer und Nachstellungen den Himmel bestürmen, dann dürfen wir keine Erhörung erwarten. Die Gewährung unseres Wunsches würde uns nur Schaden an unserer Seele verursachen. Würde ein König nicht unwillig werden, wenn man ihn um einen Cent bäte? Was du vom König des Himmels und der Erde erbittest, muss einen höheren Wert haben, als das niedere Erdengut. Sonst spricht der Heiland zu dir, wie zu jener selbstsüchtigen Frau: „Du weißt nicht, was du begehrst.“ Du möchtest in diesem Leben glücklich sein, aber dann würdest du vielleicht die ewige Glückseligkeit verlieren. Du willst Reichtum und Ansehen, ohne zu bedenken, dass du in die Fallstricke des Teufels fallen würdest. Du möchtest nicht länger krank sein, aber es ist vielleicht gut für dich, wenn du stark wirst in der Geduld. Du möchtest von Versuchungen und Verfolgungen frei sein, aber ohne Kreuz kannst du den Himmelslohn nicht empfangen. Deshalb erhört dich der weise und gütige Vater nicht. Er handelt wie eine zärtliche Mutter, die dem Kind das Messer wegnimmt, damit es sich nicht verletzt, wie ein vernünftiger Arzt, der dem Kranken das Hinausgehen in die kalte Luft und manche Speisen verbietet, um einen Rückfall zu verhindern. Lobe und danke daher Gott, wenn er deine leichtfertigen Bitten nicht erhört und dir vorenthält, was dir nur schaden würde. Fasse den entschiedenen Entschluss, ab jetzt nur das zu erbitten, was die Ehre Gottes und das Wohl deiner Seele befördert.

 

2. Wir sollen auch als gute Menschen, d.h. im Stand der göttlichen Gnade beten. Viele beten als Feinde Gottes, mit Sünden und Lastern im Herzen. Dürfen sie Erhörung erwarten? Können die Lippen richtig beten, wenn das Herz sich vom Herrn getrennt hat? Der Herr spricht durch den Mund Salomos: „Wendet einer sein Ohr ab, um die Lehre nicht zu hören, dann ist sogar sein Gebet ein Gräuel.“ (Spr 28,10) Anderswo sagt er: „Der Herr ist weit von den Sündern; die Gebete des Gerechten wird er erhören.“ Zahllose weitere Stellen in der Heiligen Schrift bezeugen, dass das Gebet des Gerechten wirksam, das Gebet des Lasterhaften aber kraftlos ist. Der fromme König Ezechias betete, schon dem Tod nahe, und sein Leben wurde um 15 Jahre verlängert; der böse Antiochus betete und wurde lebendig von Würmern gefressen. Der Prophet Elias betete nach dreijähriger Trockenheit und sogleich sammelten sich Wolken und ergossen sich über die dürstende Erde. In derselben Not betet das sündige Volk und es muss weiterschmachten. Die fromme Susanna betet, als sie eben gesteinigt werden soll, und ihre Unschuld wird strahlend offenbar. Es betet die sündige Frau Jeroboams um die Gesundheit ihres Sohnes, und als sie in ihren Palast zurückkehrt, stirbt ihr Sohn, wie es der Prophet ihr vorhergesagt hat. Auch unsere Gebete werden nicht erhört, unsere Tränen nicht getrocknet, unsere Bedrängnisse nicht beendet, solange wir in Sünden weiterleben. Ehe wir daher unsere Hände zum Gebet falten, erforschen wir uns, ob wir auch im Stande der Gnade sind, und wenn wir entdecken, dass wir durch schwere Sünde den Zorn Gottes auf uns geladen haben, dann versöhnen wir uns zuerst mit Gott durch die heilige Beichte oder durch die vollkommene Reue. So erst dürfen wir auf Trost und Hilfe von oben rechnen.

 

3. Wir müssen das Gebet auch auf gute Weise verrichten. Das Gebet muss demütig, vertrauensvoll, beharrlich und gottergeben, im Namen Jesu geschehen. „Das Gebet eines Menschen, der sich verdemütigt, durchdringt die Wolken, und er wird nicht weggehen, ohne dass der Allerhöchste auf ihn herabschaut.“ Jesus versichert: „Wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, so wird er es euch geben.“ „Betet ohne Unterlass!“ (Lk 18) Klopfen wir unaufhörlich an die Pforte des Himmels mit unseren dringenden Gebeten, dann wird unser bester Freund nicht lange auf sich warten lassen. Denn „das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalt brauchen, reißen es an sich.“ Beten wir mit Ergebung in Gottes Willen, wie Jesus am Ölberg: „Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Haben wir bisher so gebetet? Wir klopfen an die Pforte des Himmels, kehren aber gleich wieder um, wenn uns nicht sofort aufgetan wurde. Unser Sinn und Wandel passt nicht zu unserem Gebet. Verwundern wir uns darum nicht, wenn der Herr uns seine Wohltaten nicht in Strömen zufließen lässt, wundern wir uns vielmehr, dass Gott keine zerschmetternden Blitze auf uns herabschleudert. Beten wir in Zukunft im Geist und in der Wahrheit, beten wir um gute Dinge, beten wir als gute Menschen, beten wir auf gute Weise, demütig, beharrlich, gottergeben. Dann werden wir erfahren, dass dort oben ein mildes Vaterauge über uns wacht. Dann wird Gott alle unsere stillen Seufzer hören, alle unsere Not sehen, alle unsere Tränen zählen und seine Verheißung erfüllen: „Bittet und ihr werdet empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sein!“ Amen.