Berlin

 

Bildnis einer Stadt

 

Von Otto Heinrich von der Gablentz

Gekürzt aus „Hochland“, Kösel-Verlag, 1948, Nr. 4

 

Hier wirkte einst der Großstadtapostel Dr. Sonnenschein

 

Dem aufmerksamen Beobachter und dem Berliner selbst ist es schon früher schwergefallen, die Stadt als Einheit zu erleben. Wo Berlin anfängt, kann keiner genau sagen. Die Verwaltungsgrenze liegt weit draußen in den Wäldern und Rieselfeldern. Dann kommen zum Beispiel im Norden die Gartenstädte, dann das Fabrikviertel von Reinickendorf, das Wohnviertel, dann die langen Straßen des Bezirkes Wedding mit den Wohnungen in den Vorderhäusern und den Betrieben in den Hinterhöfen, und am Stettiner Bahnhof beginnt die innere Stadt. Aber hier geht es weiter wie vorher: endlose Straßen und schließlich wieder lockere Siedlung und wieder Vororte, und dann ist man draußen. Vor lauter Straßen und Häusern sieht man keine Stadt. Genauso ist es, wenn man von Süden hereinkommt, von Wannsee über Zehlendorf und Dahlem in die geschlossene Siedlung von Steglitz und Wilmersdorf, von Westen her aus Spandau nach Charlottenburg, von Osten aus Köpenick oder Friedrichshagen. „Stadtmitte“ heißt ein Untergrundbahnhof. Aber wenn man aussteigt, da findet man nur Straßenkreuzungen zwischen Trümmern und um diese fiktive Mitte herum Bahnhöfe: Friedrichstraße, Alexanderplatz, Potsdamer-, Anhalter-, Stettiner-, Lehrter Bahnhof. Am Friedrichstraßenbahnhof stehen einige Theater, am „Alex“ das Stadthaus. Alles scheint für den Durchgangsverkehr, für den Besuch von Behörden oder Veranstaltungen, nichts für den Aufenthalt berechnet. Es ist schon immer bemerkt worden, dass Berlin keine Mitte hat wie die alten gewachsenen Hauptstädte, wie die Cité von Paris, wie der erste Bezirk von Wien. Es gab mindestens zwei Zentren, am Kurfürstendamm und bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche für die modernen Geschäfte und Vergnügungsstätten, und um die „Linden“ herum für die Ministerien und Banken. Selbst die große Anlage auf der Spree-Insel: Schloss, Dom und Museum, war kein echtes Zentrum geworden, sondern nur eine Anhäufung von Sehenswürdigkeiten. Der Osten hatte seine Mitte am „Alex“ mit dem Polizeipräsidium, den Hochhäusern und Treffpunkten der Unterwelt. Nur der Norden hatte überhaupt kein Zentrum. Hier lagen die großen Betriebe: Siemens, A.E.G., Bergmann, Borsig und Löwe – dazwischen Hafen, Bahnen, Wohnungen und Freigelände.

 

Das symbolische Bauwerk Berlins ist das Brandenburger Tor. Also wieder ein bloßer Durchgang! Aber hier gerade hatte Berlin eine wirkliche Mitte. Allerdings, es waren nicht Straßen und Bauten. Es war der Tiergarten. Wenn man die Erinnerung der Politiker und Diplomaten aus dem neunzehnten Jahrhundert und noch aus der Zeit um 1900 liest, dann ist immer wieder davon die Rede, dass man sich beim Reiten im Tiergarten getroffen und Informationen ausgetauscht hat. So ist es noch bis in den zweiten Weltkrieg hinein geblieben. Die ganzen Prominenten ritten noch; aber wichtiger waren die Gänge durch den Tiergarten. Wenn die Männer aus den Ministerien, deren Gärten zum Teil noch bis an den Tiergarten heranreichen, im Diplomatenviertel zwischen Tiergarten und Zoo zu tun hatten, wenn die Offiziere aus der Bendlerstraße, die Geschäftsführer aus dem Verbandsbüro am Landwehrkanal eine Mittagspause machten, dann traf man sich, verabredet oder zufällig, im Tiergarten. Manches wichtige Gespräch ist dort zwanglos geführt worden, manche persönliche Beziehung geknüpft und gelöst, unter den hohen Bäumen, auf den Bänken im Rosengarten oder auf der Rousseau-Insel, mitten zwischen Berlinern und Berlinerinnen aller Schichten, beim Füttern der zahmen Finken und Eichhörnchen. Ein Stück Wald als Mitte der Millionenstadt – das ist das zentrale Geheimnis von Berlin gewesen.

 

Dass man heute über die kahle Fläche des abgeholzten Tiergartens hinweg plötzlich in Stadtbezirke hineinsieht, die man früher niemals als benachbart erlebt hat: von Moabit zur Tiergartenstraße, vom Brandenburger Tor nach Charlottenburg – das verbindet sie nicht etwa, sondern macht nur noch deutlicher, dass alles nicht so recht zusammengehört. Berlin hat Behörden, aber kein Behördenviertel. Es hat Lokale, wo schnell gegessen wird, aber keine Treffpunkte. Es hat Geschäfte, aber keine Geschäftsviertel. Geschäfte und Lokale, aber auch Theater und Konzertsäle sind zu reinen Betrieben geworden, die man für die Zeit benutzt, in der sie etwas darbieten, dann aber sofort verlässt, ohne dass sich Gespräche oder menschliche Beziehungen anspinnen können.

 

Ganz Berlin besteht heute nur noch aus Wohnungen und Betrieben. Es werden lauter Funktionen ausgeübt, aber es ist keine Einheit und keine Mitte da. Doch kann es vorkommen, dass an einem Frühlingstag am Sonntagnachmittag die Menschen durch die Trümmer nach einem Platz im alten Zentrum streben, der an Wochentagen fast verlassen ist. Da ragt die alte gotische Marienkirche zwischen Schloss und Rathaus, östlich der Spree, im russischen Sektor, jetzt, nach der Zerstörung des Domes, die einzige repräsentative Stätte des evangelischen Gottesdienstes. Wenn der evangelische Bischof Dibelius am „Tag der Kirche“ über die „politische Verantwortung der Kirche“, über „die soziale Verpflichtung der Kirche“ spricht, dann füllen Tausende die alte Kirchenhalle, Tausende wandern hinüber zu einer Parallelversammlung in einer Nachbarkirche, Tausende, die keinen Platz fanden, singen auf dem Platz zwischen den Trümmern Choräle zu Glockenklang und Posaunenchor.

 

Die Kirche wird wieder sichtbar in Berlin. Aber ist es eine echte Erneuerung oder ein Aufflackern im Kampf der Auflösung? Die Berliner Marienkirche ist eine der wenigen Kirchen in Deutschland, in der ein mittelalterlicher Totentanz erhalten ist. Was ist nun das eigentliche Symbol? Dass die Kirche steht und die Menschen sie füllen, oder dass es die Kirche des Totentanzes ist, die stehengeblieben ist?

 

Die Marienkirche ist eines der wenigen Denkmäler aus der mittelalterlichen Geschichte Berlins. Es gab schon früher in Berlin nicht viele; heute ist sie fast das einzige Denkmal dieser Art. Der Berliner weiß nicht viel von seiner alten Geschichte. Dass es Markgrafen und Kurfürsten gegeben hat, das hat er einmal gelernt. Aber es ist keine lebendige Gestalt unter ihnen. Es gibt auch kein altes Rathaus mehr. Es gibt keinen Bürgermeister, kein Patriziergeschlecht, die dem Stadtbild oder der Erinnerung ihr Siegel aufgeprägt hätten. Die Geschichte der Kurmark ist im Gedächtnis der Nachfahren nur die Vorgeschichte des preußischen Königtums. Berlin liegt in der Mark. Aber es ist keine märkische Stadt. Der Berliner kennt seine Umgebung und liebt sie. In guten Zeiten ist er viel gewandert und geradelt, gerudert und gesegelt. Nach allen vier Himmelsrichtungen reicht Berlin in den Wald hinein. Im Norden kann man, ohne den Wald zu verlassen, von der Stadtgrenze dreißig Kilometer bis zu den riesigen Revieren der Schorfheide wandern. Im Süden schließt die Großbeerener Heide an die Rieselfelder der Stadt an. Im Westen gehört der Grunewald zum Stadtgebiet und jenseits die breite Havel mit dem Wannsee, im Osten Müggelsee und Müggelberge. Ein großer Teil des Stadtgebietes ist noch Feld. Man ist erstaunlich schnell auf dem Dorf, wenn man aus Berlin heraus ist.

 

Es gibt keine eigenständige Stadt in der Umgebung. Potsdam ist doch eine Art Vorstadt geworden. Brandenburg und Frankfurt an der Oder waren nie etwas anderes als Kleinstädte mit angeschwollenen Bevölkerungszahlen. Auf dem Land hat man Erholung gesucht, aus dem Land versorgt man sich mit Kartoffeln und Gemüse, so gut es geht. Ein Teil der Berliner, doch kein sehr großer mehr, hat dort Verwandte. Aber kaum jemand hat dort Heimat. Der Berliner fühlt sich auch nicht als Märker, wie der Wiener sich als Österreicher, der Münchner sich als Bayer fühlt. Es gibt auch kaum so etwas wie ein märkisches Stammesbewusstsein. Engere Heimat, Dorf oder Kleinstadt, und dann kam gleich Preußen. Diese Haltung entspricht ganz dem Bild, das der Reisende gewinnt, wenn er nach Berlin kommt. Mit der Bahn oder auf der Autostraße geht es stundenlang durch die Wälder und Felder, ohne dass man eine echte Stadt berührt. Und dann kommt Berlin als etwas völlig anderes: eine Riesenstadt mitten in einer stadtlosen Landschaft, aber dabei wieder eine Stadtlandschaft für sich ohne einen eigentlichen Kern. Dieses ungegliederte Nebeneinander von Land und Stadt, dieses grenzenlose Auswuchern der Stadt in die Landschaft hinein ist sehr verschieden von den Formen auch der großen Städte im westlichen und südlichen Europa. Das ist östlich, das Zerfließen in die Breite, das Fehlen einer klaren Gliederung der Landschaft, einer Übersichtlichkeit in der Stadt selber. Berlin in der Mark, das ist auch heute noch ein Ausdruck für die Lage an der Grenze.

 

Die Marienkirche ist ein gotischer Bau aus der Markgrafen- und Hansazeit der Stadt. Ihre innere Ausstattung ist barock, die Kanzel von Schlüter, die Grabmäler kurfürstlicher und königlicher Generäle und Geheimräte. Wenn man an dem Totentanz der Vorhalle vorbeigeschritten ist, dann kommt man in preußische Luft. Preußen reicht weiter als die Mark. Es weist weiter nach Osten in die Landschaft, von der der Staat seinen Namen hat, und in das polnische Land, an das so viele Namen von guten Berlinern erinnern. Aber es weist auch nach Westen. Das Königreich Preußen hat sich von Anfang an über ganz Norddeutschland erstreckt, und mit dem Kalvinismus haben die Kurfürsten auch manches an Sitte und vieles an Gesinnung, an nüchterner Geschäftstüchtigkeit vom Niederrhein und aus Westfalen nach Berlin gebracht. So mischt sich auch in der Bevölkerung mit dem märkischen Blut vieles aus den östlichen und westlichen Provinzen Preußens. Aber auch die Achse von Norden nach Süden ist zu sehen. Es gab doch Zeiten, wo die Ostseebäder als Vororte von Berlin galten und ebenso auf der anderen Seite die schlesischen Kurorte, etwa Schreiberhau im Riesengebirge. Von Pommern kamen nordische Züge in die Berliner Bevölkerung und verstärkten das Niedersächsische im Märker.

 

Schlesien liegt nicht nur südöstlich, sondern es hat auch wirklich südliche Züge als katholisches Land, durchtränkt von dem Einfluss des alten Österreich. Pommern und Schlesier, Ostpreußen und Westdeutsche wurden in Berlin zu Preußen umgeschmolzen; aber die Elemente differenzieren sich heute wieder. Vor allem hat das katholische Element in Berlin, das sich auf dreihundertfünfzigtausend Gemeindemitglieder stützen kann, an Bedeutung gewonnen, je mehr die preußische Bindung weggefallen ist.

 

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Über den Verfasser des Artikels Otto Heinrich von der Gablentz:

 

Der Offizierssohn Otto Heinrich von der Gablentz wurde am 11. September 1898 in Berlin geboren. Seine Jugendjahre waren geprägt durch die Traditionen des pommerschen Pietismus auf väterlicher und des national-liberalen Calvinismus auf mütterlicher Seite.

Nach dem Notabitur 1915 wurde er als Fahnenjunker im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. 1917 kehrte Gablentz nach Berlin zurück und begann das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften mit Schwerpunkt der Volkswirtschaftslehre. Neben einer engen Verbindung zur Jugendbewegung lernte er während des Studiums den „konservativen Sozialismus“ kennen und engagierte sich mehr und mehr auch im Kreis der Religiösen Sozialisten um Paul Tillich.

1920 schloss er sein Studium mit der Promotion im Fachgebiet Volkswirtschaftslehre in Freiburg im Breisgau ab. Ab 1925 fand er eine Anstellung im Statistischen Reichsamt in Berlin, die ihn in enge Verbindung zum Reichswirtschaftsministerium brachte.

Im kirchlichen Bereich schloss er sich der Evangelischen Michaelsbruderschaft an, durch die er Theodor Steltzer kennenlernte. 1929 nahm er als Referent an einer Tagung der schlesischen Arbeitslagerbewegung teil.

Auf Betreiben der NSDAP wurde Gablentz nach der Machtergreifung der Nazis von seiner Position im Reichswirtschaftsministerium entfernt und war ab 1935 - gemeinsam mit Horst von Einsiedel - in der Reichsstelle Chemie tätig.

Nachdem Gablentz durch die Vermittlung Einsiedels Moltke näher kennenlernte, arbeitete er seit 1940 im engeren Kreisauer Kreis mit. Er nahm an den Anfangsgesprächen des Kreises über allgemeine Fragen der Staatslehre, insbesondere der Wirtschafts- und Verfassungsfragen, teil. Hier trat er für einen Mittelweg zwischen dem ökonomischen Liberalismus und der marxistisch geprägten Planwirtschaft ein.

Auf Grund seiner ökumenischen Kontakte stellte er die Verbindung zum Weltkirchenrat in Genf her. Bereits 1937 war Gablentz, in Abstimmung mit Gerstenmaier, an der Vorbereitung der Weltkirchenkonferenz in Oxford beteiligt.

Nach dem 20. Juli 1944 konnte Gablentz einer Verfolgung durch die NS-Behörden entgehen, da sein Name bei den Nachforschungen der Gestapo unentdeckt blieb.

1945 war er gemeinsam mit Steltzer, van Husen, Lukaschek und anderen Mitbegründer der CDU in Berlin. Er war als politischer Publizist tätig und gehörte dem Rat der Evangelischen Kirche an. Nachdem er sich 1949 an der Freien Universität Berlin habilitiert hatte, lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1966 als Professor für politische Wissenschaft. Zeitweilig war er Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und Institutsdirektor. 1965 trat er aus der CDU aus, der er mangelnde innere Reformbereitschaft vorwarf.

Am 27. April 1972 starb Otto Heinrich von der Gablentz in Berlin.

 

Quelle des Lebenslaufes: Kreisau-Initiative (https://www.kreisau.de)

 

 

Wir sprachen von „unserer“ Stadt. Von Berlin . . . Wir sind der Stadt und ihrem Asphalt verpflichtet und lieben ihre Menschen . . . Leuchttürme müssen stehen über dieser Stadt! Unentwegt! Die in der schwarzen Nacht ihre Lichter werfen und den Fliegern ihre Bahn zeigen. Glocken müssen läuten, den verirrten Wanderern die Wege weisen. Wege fachlicher Arbeit. Wege weltanschaulichen Sinnes. Wege geistiger Höhe. Es muss letzte Führung geben. Kirchen, die darauf verzichten, begeben sich ihres Rechts. Ich will, dass meine Kirche ein Leuchtturm sei, der zu jeder Stunde leuchtet und führt.

 

Aus „Weltstadtbetrachtungen“ von Dr. Carl Sonnenschein